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Freiheit für Julian Assange

Die politische Zerstörung der Sprache

30 Jahre deutsche Einheit fällt im Osten aus, da Sonnabend sein wird

„Plaste und Elaste aus Schkopau“ – jahrelang hat die westdeutschen Wirtschaftsbosse diese Reklame an einer Autobahnbrücke auf dem Weg zwischen München und Berlin geärgert. Zeugte der Werbespruch doch vom internationalen Gewicht der DDR-Chemieindustrie, vom Wandel eines früheren IG-Farben-Betriebes, der auch in und für Auschwitz produzierte. Der Sohn des einstigen Betriebsleiters, Kurt Biedenkopf nunmehr Ministerpräsident des aus der DDR einverleibten Bundeslandes Sachsen, gehörte dann zu denen, die gründlich mit solcherlei Erinnerungen an die DDR aufräumen sollten. Die einst stolzen Buna-Werke sind von der Treuhand an den US-amerikanischen Konzern Dow Olefinverbund GmbH verramscht worden, dem sie 2019 auf Beschluß des Amtsgerichtes Merseburg gepfändet worden sind. Mit „Plaste“ sind eine ganze Reihe weiterer Begriffe aus dem alltäglichen Sprachgebrauch verschwunden: der Haushaltstag, die Poliklinik, das Kulturhaus, der Brigadier, die Brigade samt der entsprechenden Komposita von der Brigadefeier über das Brigadetagebuch bis zur Feierabendbrigade, Dispatcher, Broiler, Kindergarten, Krippe, Pioniernachmittag, Gruppenrat, Freundschaftsrat, die FDJ-Bluse, Wandzeitung, Kollektiv ,Kosmonaut, Abkürzungen wie BGL, ABV und schließlich der Schlüsselbegriff für die DDR: Volkseigentum. Teils sind die Begriffe verschwunden, weil ihnen die Objekte fehlen, die sie bezeichneten, teils weil sprachmanipulativ die Erinnerung an die DDR gelöscht werden soll. Mit der Annexion der DDR haben die Bürger ihr Vaterland verloren. Später sind sie auch mit der unsäglichen Rechtschreibreform ihrer Muttersprache beraubt worden.

Viele jetzt regierende Politiker hängen dem Glauben an, mit den Worten würden auch die Erinnerungen und die Probleme verschwinden. Wenn der Begriff „Rasse“ aus der Verfassung gestrichen wird, hat sich des Problems des Rassismus in Deutschland längst nicht erledigt, ebenso wenig wie der Faschismus, obwohl der Begriff nach offizieller Sprachregulierung durch „Nationalsozialismus“ zu ersetzen ist.

Ideologische Sprachbereinigung

Für die ideologische Sprachbereinigung sind in erster Linie die staatlichen regionalen Umerziehungssender wie RBB, MDR und der noch einigermaßen erträgliche NDR zuständig. Bisweilen wird brachial vorgegangen, ohne Rücksicht auf die Mentalität der Zuschauer zu nehmen. Es wird getan, als wäre hierzulande schon immer der Muttertag, der Valentinstag oder Halloween gefeiert worden. Ebenso wird mit sprachlichen Wendungen aus den westlichen Regionen verfahren. Aus „zu Weihnachten“ wird „an Weihnachten“, aus dem Sonnabend der Samstag, aus dem Autobahnabzweig das Autobahndreieck, die Geschwindigkeit wird nicht mehr gestoppt, sondern es wird geblitzt. Im Unterschied zu Österreich, dem nach dem Anschluß noch regionale Wendungen zugestanden wurden, wird im Osten mit eisernem Besen ausgekehrt. Aus dem selbstbewußten „Arbeiter“ wird der devote „Arbeitnehmer“, der Ausbeuter wird zum gönnerhaften Arbeitgeber. Davon wird auch nicht abgegangen, wenn es zu Doppelbedeutungen wie bei „Plastik“ kommt, womit eigentlich kein Werkstoff, sondern Werke aus der bildenden Kunst bezeichnet werden.

Der Kampf um die Begriffe begann bereits mit der Vorbereitung der Wende. Die DDR verstand sich als ein antifaschistischer Friedensstaat. Das entsprach den Erfahrungen der Bürger, stimmte mit ihren Wünschen und Interessen überein und bildete damit eine wesentliche Grundlage für die Identifizierung und Stabilität des Staates. Hier wurde der Hebel angesetzt. Der Antifaschismus wurde als „staatlich verordnet“ diffamiert, und der Friedenspolitik wurde eine „unabhängige Friedensbewegung“ gegenübergestellt. Einer der in der DDR wirkenden Chefideologen, Luthernachfolger Friedrich Schorlemmer in Wittenberg, sprach dann auch deutlich nach der Wende aus: „Wir mußten den Begriff ‚Frieden‘ für uns gewinnen“. Das Bibelwort „Schwerter zu Pflugscharen“ und die Parole „Frieden schaffen ohne Waffen“ fanden erfolgreich Widerhall, wobei den Bürgern nicht gesagt wurde, daß das nur für die sozialistischen Staaten gelten sollte. In einer spektakulären Aktion wurde im Beisein des designierten westdeutschen Bundespräsidenten 1983 auf dem Kirchentag ein Schwert zu einem Pflug umgeschmiedet. Jetzt, wo wieder deutsche Soldatenstiefel in aller Welt herumtrampeln, ist davon keine Rede mehr. Keiner ruft zu Friedensgebeten in die Nikolaikirche, Friedensmärsche, -spaziergänge, -wanderungen und das Friedensfrühstück - all das ist Schnee von gestern. Heute wird von einer Bedrohung durch Rußland gefaselt, was haargenau der Wortwahl entspricht, mit der Adolf Hitler einst seinen Generalen kundtat, die Sowjetunion überfallen zu wollen. Dieses Verbrechen endete vor 75 Jahren nach unermeßlichem Leid. In keinem Verhältnis zum Gedenken an diesen Jahrestag dürfte die Propagandawalze stehen, die in wenigen Wochen über den Osten hinwegrollen wird, wenn sich zum 30. Male die Annexion der DDR jährt.

Propagandawalze 30 Jahre Wiedervereinigung

Dann haben wieder die Begriffe „friedliche Revolution“ und „ehemalige DDR“ Hochkonjunktur. Sie werden nur in dieser festen Verbindung von Adjektiv und Substantiv benutzt, wie es auch bei der „widerrechtliche Annexion der Krim“ der Fall ist. Dort ist es berechtigt, denn bei den Kindern und Enkeln der Nazielite gilt die Besetzung der Krim durch die Wehrmacht offenbar als „rechtens“, ein in der Nazizeit aufgelebter Begriff, der wie so viele andere Bezeichnungen aus der Nazizeit weiter gepflegt wird.

Neu in dem Instrumentenkasten der Sprachmanipulation ist das sogenannte „Framing“, d. h. Begriffe werden in einen anderen Zusammenhang gestellt. Wenn es um „Reformen“ in Inland geht, weiß jeder, daß an der Sozialschraube gedreht wird, wenn vom Ausland Reformen gefordert werden, daß es um direkte wirtschaftliche Erpressung beispielsweise zu weiterer Privatisierung öffentlicher Aufgaben geht. Eine neue Variante brachte der Kriegsprediger Joachim Gauck auf, als er dem Begriff „Verantwortung“ auf der Münchener Sicherheitskonferenz die Bedeutung direkter politischer Einflußnahme durch militärischen Druck verlieh. Wenn Deutschland nunmehr „Verantwortung“ übernimmt, marschieren wieder die Soldaten und fallen Bomben auf souveräne Staaten wie Jugoslawien.

Während die Friedensbewegung dringend öffentliche Aufmerksamkeit braucht, werden deren Appelle durch eine feministische Sprachreform mit Sternchen, Strichen, Unterstrichen Wortdopplungen in unlesbare Texte verwandelt, die mit ihrem absurden Bemühen um politische Korrektheit die Bürger eher rechtslastigen Bewegungen in die Arme treiben. Das führt zur Verballhornung der Sprache und absurden Aktionen. Wenn in Berlin das Bürgermeisteramt von einem Mann zu einer Frau wechselt, wird der Hausmeister in Marsch gesetzt, um das Türschild „Bürgermeister“ gegen „Bürgermeisterin“ austauschen. Dann wird kiloweise Papier vernichtet, weil auch die Briefköpfe die weibliche Amtsbezeichnung erhalten müssen. Noch wird auf diese Prozedur verzichtet, wenn der Geschlechterwechsel urlaubs- oder krankheitsbedingt nur kurzzeitig eintritt. Auch dieser Unsinn hat seine Wurzel in der Nazizeit. Das geschlechtsneutrale Amt wurde damals personalisiert und mit der das amtsausübenden Person identifiziert. Seither versendet nicht die Polizei die Strafzettel, sondern der Polizeipräsident. In der Rolle des Wachtmeisters Krause brachte der RBB dieses Phänomen auf den Punkt: „Ich bin nicht bei der Polizei, sondern ich bin die Polizei“, verkündete er selbstgefällig wie der französische Sonnenkönig „L’état c’est moi“, und genauso sind die Bürger seit der Annexion der Beamtenschaft ausgeliefert.

Verballhornung der Sprache

Ihren Höhepunkt erreicht die Verballhornung der Sprache durch westdeutsche Pantinenschüler, die mittlerweile auch an einst renommierten ostdeutschen Universitäten in Professorensessel gehievt wurden. Da wird selbstgefällig behauptet, daß Begriffe wie „Neger“ oder „Zigeuner“ negativ besetzt wären, so daß zwar nicht rassistische Pogrome verschwinden, dafür jedoch der Negerkuß oder das Zigeunersteak. Demnächst wird wohl in Schillers Fiesco die Replik „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen“ gestrichen werden; aus Esmeralda in Victor Hugos Roman „Die Elenden“ eine „Angehörige des Volkes der Sinti oder Roma“ und die Operette „Der Zigeunerbaron“ von den Bühnen verbannt werden.

Letztlich stellen sich die 5-Gendersterne-Feministinnen selber ein Bein, wenn sie statt, „Christa Wolf gehört zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern“, „Schriftstellerinnen“ lesen wollen. Da fragt sich dann Leser, ob die Autorin nicht mit ihren männlichen Kollegen mithalten kann, daß sie sprachlich einer gesonderten Gruppe zugeordnet wird? Bei dem ständig sinkenden Niveau der Klippschulen wird es problematisch, wenn die Schüler einst lesen werden: „Angela Merkel war die erste deutsche Bundeskanzlerin“. Da könnte klein Fritzchen denken: „War sie es etwa, die 1948 Deutschland gespalten hat?“, was ja schließlich zur Ausbildung des hier verhandelten Phänomens zweier deutscher Sprachen und zweier deutscher Literaturen geführt hat.

Frank Wecker

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