|
„Nein zur
NATO – Nein zum Krieg“
Unter dieser Losung fand am 14. und 15. März 2009 in
Berlin eine vom Europäischen Friedensforum einberufene
Europäische Friedenskonferenz statt.
Ausgehend von den Ergebnissen der Konferenz gaben die
Präsidenten des Forums nachfolgende Erklärung ab.
Wir wollen ein Europa, von dem Frieden
ausgeht!
„Wir wollen ein Europa von dem Frieden
ausgeht“, erklärten im November 1990 mit dem Ende der
Blockkonfrontation 34 KSZE-Staaten, einschließlich USA und
Kanada, in der Charta von Paris. Sie verkündeten das Ende
der Konfrontation der Nachkriegszeit und der Teilung
Europas. Das war eine trügerische Verheißung. Nach der
längsten Friedensperiode in seiner neueren Geschichte, die
als Kalter Krieg zugleich die größte geopolitische
Auseinandersetzung der Neuzeit war, gehen von Europa nicht
nur wieder neue Kriege aus, sondern Europa ist selbst
wieder Schauplatz blutiger Konflikte geworden.
Der Überfall der USA und der NATO auf Jugoslawien 1999,
dessen Folgen mit der völkerrechtswidrigen Sezession des
Kosovo noch weit in die Zukunft reichen werden, die
blutigen Bürgerkriege im Kaukasus - zuletzt der Krieg
Georgiens gegen Südossetien, die gespaltene Haltung
europäischer Staaten zu den Kriegen gegen Afghanistan und
den Irak sowie die Zurückhaltung vieler europäischer
Staaten, das brutale Besatzungsregime in Palästina und das
Verbrechen gegen die Menschlichkeit an der
Zivilbevölkerung in Gaza zu verurteilen, haben die
Hoffnungen der weltweiten Friedenskräfte auf eine
europäische Friedensordnung zutiefst erschüttert.
Mit dem Fortbestand der NATO trotz Auflösung des
Warschauer Vertrages, mit ihrer wortbrüchigen
Osterweiterung, mit der im Rahmen einer forcierten
Einkreisungspolitik gegenüber Russland noch immer
geplanten Stationierung amerikanischer Raketensysteme in
Polen und Tschechien, mit den Bemühungen der Europäischen
Union um eine eigenständige Militärmacht und dem
Festhalten am autoritären Projekt des Lissabonner
Reformvertrags, der den Mitgliedsstaaten die Pflicht zur
Erhöhung ihrer Rüstungsausgaben und der globalen Teilnahme
an Militäreinsätzen mit oder ohne NATO aufbürdet, sowie
die zu erwartenden Bemühungen Russlands, die richtigen
Antworten auf die neuerlichen Einkreisungsversuche zu
finden, droht Europa wieder ins Zentrum eines neuen
Ost-West-Konflikts zu rücken, mit allen erdenkbaren
militärischen Folgen.
Für die Sicherheitslage Europas gilt, dass die NATO
hauptsächlich ein strategisches Instrument der Vereinigten
Staaten von Amerika ist, mit der sie versuchen, auf dem
alten Kontinent maßgeblich die sicherheitspolitischen,
ökonomischen und politischen Weichen zu ihren eigenen
Gunsten zu stellen. Dies trifft sowohl auf die aus
Washingtoner Sicht notwenige Neuordnung der ehemaligen
Sowjet-Republiken nach amerikanischem Muster zu als auch
auf die Bemühungen, die europäischen Verbündeten als
Hilfstruppen für die amerikanischen Kriege zu engagieren.
Aber nicht alle europäischen Verbündeten folgen weiterhin
blind der amerikanischen Führung, weder in den US-Kriegen
im Irak noch in Afghanistan. Auch haben jene europäischen
Länder, die das Ziel einer strategischen Partnerschaft mit
Moskau verfolgen, das Bemühen der Bush-Administration,
Russland zu isolieren und zu demütigen konterkariert.
Zugleich wurden auf der Münchner Sicherheitskonferenz die
großen Hoffnungen auf die neue Präsidentschaft Obama
gebremst als der neue Vizepräsident der USA
Joseph Biden die Europäer zu erhöhter Kriegsbereitschaft
aufforderte und erklärte: „Wir bitten unsere Verbündeten,
ihre eigenen Ansätze zu überdenken - einschließlich ihrer
Bereitschaft Gewalt anzuwenden, wenn alles andere
fehlschlägt.“
Die durch die neoliberale Wirtschafts- und
Gesellschaftsideologie verursachte, tiefe soziale Krise
unseres Kontinents wird durch die gegenwärtige
Weltwirtschaftskrise zusätzlich verschärft. Das
ideologische Fundament der herrschenden Eliten ist
zutiefst erschüttert. Zugleich droht die Vision einer
dauerhaften Friedensordnung, in der Europa die Rolle eines
unersetzlichen Friedensfaktors spielt, in immer weitere
Ferne zu rücken. Mit der Krise kann eine grundlegend neue
geopolitische und geo-ökonomische Situation entstehen, in
der Gewaltbereitschaft und Repression nach außen und
innen, militanter Antisozialismus und Toleranz gegen
Neofaschismus die Antwort nicht weniger Staaten ist. Das
gilt auch für Osteuropa.
Die Privatisierung und teils gezielte
Deindustriealisierung der osteuropäischen Wirtschaft hat
zu einer neuen, diesmal sozialen Spaltung Europas geführt,
die den Spielraum für fortschrittliche Entwicklungen
weiter einschränkt.
Zum zweiten Mal sind innerhalb von knapp zwei Jahrzehnten
alle Länder Osteuropas von einem dramatischen Absturz
ihres Bruttoinlandsprodukts betroffen mit der Konsequenz
eines rapide sinkenden Lebensstandards. Das neoliberale
Versprechen vom Wohlstand für alle hat sich als Fata
Morgana erwiesen. Der bürgerliche Traum vom schnellen
Reichtum und unendlichem Konsum ist zerplatzt. Dessen
ungeachtet, verschwenden NATO und EU jedes Jahr Hunderte
von Milliarden für Rüstung und Kriege in aller Welt,
angeblich um dort die Menschenrechte zu verteidigen. Für
das Recht auf Arbeit der eigenen Bevölkerung, für das
Recht auf Bildung und Gesundheitsfürsorge, für das Recht
auf ein Dach überm Kopf ist jedoch kein Geld da. Von den
neoliberalen Eliten wurden die sozialen Menschenrechte
weitgehend aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit
verdrängt. Umso dringlicher muss jetzt wieder für sie
gekämpft werden.
Die globale Situation wird von wachsender
Unübersichtlichkeit, Unberechenbarkeit, Dynamik und
Instabilität geprägt. Zunehmende Polarisierung zwischen
reichen und armen Staaten und Bevölkerungen,
unterschiedlicher Zugang zu Ressourcen,
Umweltzerstörungen, Erderwärmung, Bevölkerungsexplosion,
Migration etc. vervielfachen die potentiellen
militärischen Konflikte. Die bilateralen Strukturen des
Ost-Westkonflikts, denen für kurze Zeit der amerikanische
Unilateralismus gefolgt war, werden heute zunehmend durch
multilaterale Machtzentren in China, Indien, Westeuropa,
Russland und Brasilien abgelöst.
Angesichts der zunehmenden Gefahren für Frieden und
soziale Sicherheit fordern wir alle Staaten und
gesellschaftlichen Organisationen auf, mit einer
abgestimmten Politik Sicherheitsstrukturen und
-mechanismen mit absoluter Priorität für nichtmilitärische
Mittel zu schaffen.
Deshalb stellen wir folgende grundlegende Forderungen:
Erstens, -
Stärkung und weitere Demokratisierung der UNO,
insbesondere durch die Erweiterung der ständigen
Mitglieder des Sicherheitsrates durch Indien, Brasilien
u.a.
Zweitens, -
Europa darf den USA nicht länger als strategisches
Instrument zur Gestaltung der europäischen
Sicherheitspolitik und zur Unterstützung amerikanischer
Ambitionen in den Tiefen Eurasiens dienen.
Drittens, -
die USA und die westeuropäischen Staaten haben besondere
Leistungen zur Heilung des weiter schwelenden
Balkankonflikts zu erbringen anstatt den Konflikt mit
ihren geostrategischen Absichten weiter aufzuladen („Camp
Bondsteel“ im Kosovo)
Viertens, –
ein „Helsinki-2“ ist dringend nötig, um neues Leben in die
pan-europäische Sicherheitsstruktur zu bringen.
Fünftens,
20 Jahre nach dem Ende der Blockkonfrontation fordern wir
mit aller Entschiedenheit die längst überfällige Auflösung
der NATO, oder alternativ den Austritt aus der NATO.
Sechstens,
- alle militärischen Arsenale müssen auf das Maß des für
den Schutz und die Verteidigung Hinlänglichen reduziert
werden.
Siebentens, - die Abschaffung der Doktrin des
Ersteinsatzes von Atomwaffen, die nun auch Russland von
den USA und der NATO übernommen hat.
Achtens, -
die Atommächte müssen endlich ihren Verpflichtungen im
Rahmen des Vertrages über die Nichtweiterverbreitung
nachkommen und ihre Nuklearwaffenarsenale reduzieren und
gänzlich abschaffen, statt sie weiter für viel Geld zu
modernisieren.
Europa ist auf dem Irrweg. Ohne Übergang von der
Konfrontation zur Kooperation wird der Kontinent nicht
gedeihen.
Die Präsidenten des Europäischen Friedensforums
Prof. Dr. W. Richter
Vorsitzender der Gesellschaft
zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde e.V.
Berlin
Boris Oliinik
Akademiker und Poet
Vorsitzender des Kulturfonds der Ukraine
Kiew
Prof. Dr. I.S. Yatsenko
Russische Sektion des Europäischen Friedensforums
Moskau
|
|