|
Nato
bedeutet Aufrüstung und Kriegsgefahr
Hans Modrow auf der Europäischen
Friedenskonferenz 2009 in Berlin
Die Kernaussage unserer Konferenz
lautet: „NEIN zur NATO - NEIN zum Krieg!“ Sie könnte auch
lauten: „NATO - Rüstung - Krieg!“ Der gemeinsame
Appell der Konferenz soll also sein: überwinden wir die
NATO durch ihre Auflösung und verhindern wir den Krieg -
schaffen wir eine wirklich neue Friedensordnung und
Friedensstruktur in Europa!
In der Zeit des Kalten Krieges hat die
Welt in einem Gleichgewicht des Schreckens existiert. Oft
stand sie jedoch an der Schwelle eines heißen Krieges. Der
besondere Herd von Gefahren waren die gewaltigen
Waffenmengen mit größter militärischer Schlagkraft auf dem
Boden der beiden deutschen Staaten und die mit Westberlin
verbundenen Probleme.

Während
der Konferenz: Hans Modrow mit Klaus Höpcke (r.) Foto:
Gabriele Senft
In den Jahren 1989/90 hieß es dann, es
gäbe keine Feinde mehr, und in Europa schien sich ein Raum
für ein friedliches Neben- und Miteinander geöffnet zu
haben. Der Anschluss der DDR an die BRD und der Zwei-plus-
Vier-Vertrag sollten dafür ein Beleg sein. Die
Enttäuschung kam bald und die verschiedenen Anlässe und
Ereignisse haben alle Hoffnungen, die gekeimt waren,
zerstört.
Als überschaubar war, dass die
Sowjetunion mit Gorbatschow nicht mehr bereit, vielleicht
auch nicht mehr fähig war, in dieser Weltlage die DDR
mitzutragen und zu bewahren, war politisches Handeln von
Seiten der Regierung der DDR notwendig. Für große Teile
der Bevölkerung hatte die DDR nicht zuletzt durch das
Versagen der Führung des Landes in Staat und Partei
aufgehört ihr Land zu sein. Auch ein breiter politischer
Appell konnte diese Entwicklung nicht mehr bremsen.
Die USA und die BRD entfalteten
wachsenden Druck auf eine rasche Vereinigung der beiden
deutschen Staaten und auch Berlins. Dabei rückte das
Thema NATO in das Zentrum der Politik. Am 30. Januar hatte
ich bei meinen Verhandlungen mit der Spitze der
Sowjetunion in Moskau das Konzept für einen Stufenplan zur
Vereinigung beider deutscher Staaten vorgelegt. Einig war
man sich darüber, dass ein vereintes Deutschland
militärisch neutral sein muss. Die USA erkannten die damit
verbundenen Auswirkungen sofort und stellten sich
dem entschlossen in den Weg. Ihr Argument war
scheinheilig, ihre Absicht jedoch klar. Der Sowjetunion
wurde erklärt: um neue Aggressionen eines größeren
Deutschlands zu verhindern, muss es im NATO-Bündnis
eingebunden sein. Sie fanden dafür bei Gorbatschow ein
offenes Ohr.
Das eigentliche Ziel der USA war, die
militärische Kraft Deutschlands in der NATO zu bewahren
und zu stärken und mit dem Anschluss der DDR den Weg der
Erweiterung der NATO nach Osteuropa zu beschreiten. Was,
wie wir heute wissen, auch gelungen ist. Die mit dem
Potsdamer Abkommen völkerrechtlich festgelegte
Friedenspflicht wurde aufgehoben und die moralische
Pflicht „Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg
ausgehen“ wurde gebrochen.
Mein „Deutschland einig Vaterland“ mit
einem Stufenplan der Vereinigung über eine
Vertragsgemeinschaft zur Konföderation in einem
gemeinsamen Bundesstaat sah sich dieser Friedensmoral
verpflichtet. Aber die USA und Kohl und auch die
„Weichensteller“ um Gorbatschow haben eine andere Richtung
eingeschlagen. Mit dem Gipfel von Bush und Gorbatschow am
31.Mai.1990, dem Kaukasus- Treffen von Gorbatschow und
Kohl im Sommer 1990 und auch mit dem
Zwei-plus-Vier-Vertrag wurde das Tor für die
Osterweiterung der NATO endgültig aufgestoßen.
Die Sowjetunion hatte ihren Platz in den
Machtstrukturen Europas schon vor ihrem Ende verloren und
ohne den Anker DDR verfiel der Warschauer Vertrag in
raschem Tempo. Die USA aber hatte die NATO und ihren
Einfluss in Europa wie noch nie gestärkt. Mit der
Osterweiterung der NATO wurde der militärische Ring um
Russland über 700 Kilometer näher gerückt und in
militärischer Tiefe ausgebaut. Zu Wasser, zu Lande und in
der Luft war die deutsche Bundeswehr schon 1992/93 in
Somalia dabei. Der erste Hauch eines Groß-Deutschlands war
zu spüren. Alle Ursachen für Konflikte und Kriege in
Somalia sind geblieben, und nun kreuzt die deutsche Flotte
wieder am Horn von Afrika.
Es ist bitter, bleibt aber ein Teil der
deutschen Geschichte: die deutsche Teilnahme an der
völkerrechtswidrigen Aggression in Jugoslawien geschah
unter der rot-grünen Regierung Schröders. Der
Verteidigungsminister Scharping verbreitete die Lügen der
USA, um den Krieg zu begründen. Der Außenminister Fischer
hatte die letzte politische Scham verloren und stand fest
an der Seite seiner US-amerikanischen Kollegin.
Verblendet von der faschistischen
Ideologie bin ich mit 17 Jahren noch 1945 in den Krieg
gezogen. Meine Generation stellte sich in der DDR dann an
die Seite der Antifaschisten, die gegen Faschismus und
Krieg gekämpft hatten. Kriege sind kein Gesetz der Natur
und sie fallen auch nicht von Gottes Himmel. Die beiden
Weltkriege des 20. Jahrhunderts entsprangen
imperialistischen Interessen an der Neuaufteilung der Welt
und am Zugang zu Ressourcen der Erde für Maximalprofit.
Diese Interessen sind nicht aufgehoben, sie wirken in der
Gegenwart weiter. Kriege haben einen Vorlauf in Rüstung
und militärischer Ausbildung. Forschung, Entwicklung und
modernste Produktion werden dafür eingesetzt. In den
Jahren 2007/08 wurden die höchsten Militärausgaben in der
Welt seit dem Zweiten Weltkrieg dafür getätigt. Diese
Schraube dreht sich ständig weiter und könnte noch
schneller werden.
Der Kampf für Abrüstung, auch der
Kernwaffen, die es immer noch gibt, muss stärker als
bisher geführt werden. Kriege brauchen, wie „modern“ sie
auch immer geführt werden, Menschen, die darauf
vorbereitet und dazu bereit sind, sie mitzutragen und zu
führen. Krieg heißt Tod. Leben muss Frieden heißen. Wenn
wir über die NATO sprechen, sollten wir die militärische
Ausrichtung der EU und die hier wachsenden Gefahren
unbedingt beachten. Die EU schafft ihre schnelle
Eingreiftruppe von 60 000 Mann und hat große Teile bereits
kampfbereit und einsatzfähig. 60 000 für den Einsatz heißt
über 100 000 Menschen, die die Logistik dafür sichern.
Die EU hat bereits ihre militärische
Stärke und ihre Vernetzung mit der NATO ist in voller
Entfaltung. Das Europäische Parlament hat zwar über
militärische Einsätze nicht zu entscheiden, aber ein Forum
für das Auftreten ihrer Militärs bietet sich doch. Die
Mitglieder des Parlaments sollen politisch-ideologische
Träger einer militanten Europäischen Union sein. Ich
konnte ihre Darstellungen als Mitglied des Europäischen
Parlaments erleben und habe meine Ablehnung dieser
Entwicklung mit Nachdruck vertreten. Der Lissabonner
Vertrag überträgt der Versammlung der 27 Regierungschefs
die Entscheidung über einen Kriegseinsatz der
Streitkräfte. Er gibt auch Raum, wenn nicht alle
mitmachen, für eine Gruppe der Willigen, wenn sie es denn
wollen. Er schafft auch, mehr als der NATO-Vertrag, eine
Aufrüstungspflicht und setzt eine Rüstungsagentur ein, die
den Prozess der Aufrüstung der europäischen Streitkräfte
zu fördern hat. Im Hintergrund steht der militärisch-
industrielle Komplex in den führenden Staaten der EU, die
auf dem Markt der Rüstung einen größeren Anteil zur
Sicherung ihrer Maximalprofite erlangen wollen. Die Partei
DIE LINKE ist herausgefordert, im Wahlkampf für das
Europäische Parlament ihren Ruf als Friedenspartei neu zu
bestätigen.
Die Krise, an deren Anfang wir erst
stehen, enthält viele Elemente, die auch den Kreislauf
NATO - Rüstung - Krieg verstärken werden. Es geht nicht
nur um eine Finanzkrise oder um eine Delle in der
Produktion. Es ist den Menschen auch nicht einfach die
Kaufkraft abhanden gekommen. Und es stimmt schon überhaupt
nicht, wenn es heißt: Marx ist tot, es lebe die
Marktwirtschaft. Der reale Kapitalismus geht in eine Krise
des Systems. Die Grundaussagen der marxschen
Kapitalismusanalyse bestätigen sich. Es war schon ein
Trugschluss, als es 1990/91 hieß: der Markt wird die
Probleme des Anschlusses der DDR richten. Was wir an
Barbarei und Krieg, Ungerechtigkeit und Armut, Hunger und
Zerstörung der Umwelt, an Abbau von realer demokratischer
Mitbestimmung erleben, sind nicht einfach schnell
korrigierbare Auswüchse oder die Folge von Fehlverhalten
in Politik und Wirtschaft des Kapitalismus. Nein, alle
diese Merkmale sind Ausdruck des Wesens eines realen
Kapitalismus, wie er heute, 20 Jahre nach dem Ende des
realen Sozialismus in Europa, existiert.
Am Ende einer Kette von Betrachtungen
über NATO-Rüstung und Krieg erhebt sich doch die
Frage: Kapitalismus - Krieg - Barbarei oder ein Leben und
Überleben der Menschheit auf dieser Erde. Was wird das 21.
Jahrhundert sein - ein neues Jahrhundert von Imperialismus
und imperialistischen Kriegen oder ein Jahrhundert der
Erfahrungen mit neuem Nachdenken und neuer Suche nach
Sozialismus? Noch sind diese Dinge nicht entschieden, aber
die Hoffnung und die Chancen für die Lösung der
Menschheitsfragen wie Gerechtigkeit in allen
Lebensbereichen, für Freiheit, für Solidarität, für
Frieden und Freundschaft der Völker bleiben. Sie zu nutzen
heißt auch, dafür zu kämpfen.
|