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„Alternativen zu Krieg und Besatzung“ -
Internationale Irak-Konferenz am 7.-9. März 2008 in
Berlin
Ein Bericht von Teilnehmerin Helga Hörning
Rund 400 Teilnehmer aus Friedensgruppen und Menschenrechts-organisationen, und Nahost-Experten
trafen sich vom 7. bis 9. März 2008 in Berlin, um
Bilanz über fünf Jahren Krieg und Besatzung im Irak zu
ziehen.
Ich nahm an dieser Konferenz teil, weil ich
zum einen meinen Protest gegen den Krieg im Irak zum
Ausdruck bringen wollte und zum anderen mehr über die wirklichen Ereignisse und Verhältnisse im Irak zu
erfahren wünschte. Politik und Medien stellen heute
die Situation im Irak gern so dar, als ob sich das
Leben normalisiere und die Gewalt auf
ethnisch-religiösen Konflikten beruht – also in
erster Linie zwischen den Irakern stattfindet. Der
Überfall und die Kriegshandlungen der USA und ihrer
Verbündeten gegen den Irak und das Besatzungsregime
als Ursachen und bestimmende Realität im Lande werden
weitgehend verschwiegen.
Es ist ein großer Verdienst dieser Konferenz mit
kompetenten Referentinnen und Referenten, die vor
allem aus dem Irak und aus den USA kamen, ein realistisches Bild über die katastrophale Lage im
Irak, über die Rolle der Besatzungstruppen und den
legitimen Widerstand der Iraker gegen das Besatzungsregime gezeichnet zu haben.
Und es war genauso verdienstvoll, dass auch Lösungen
für ein normales Leben der irakischen Gesellschaft
nach dem wiederholt geforderten Abzug der Besatzer
diskutiert wurden.
Noch einmal wurde auf der Konferenz deutlich gemacht,
dass die Aggression gegen den Irak letztendlich
Ausdruck der Hegemonialpolitik der USA und der westlichen Allianz gegenüber der gesamten Region des
Nahen und Mittleren Ostens ist und es um die
Beherrschung der Energieressourcen dieser Region sowie um geostrategische Ziele geht.
Immerhin:
In
einem Radius von 800 Kilometern um die Stadt Basra
befinden sich 75% der bekannten Erdöl- und Erdgasressourcen der Welt.
Die USA verfolgten und verfolgen gemeinsam mit der
„Koalition der Willigen“ ohne jede Rücksicht auf die
Belange der irakischen Bevölkerung ihre Ziele. Der Zusammenbruch von Sicherheit und Ordnung der mit der Aggression verbunden war wurde billigend in Kauf
genommen und damit ein wesentlicher Grundstein für die
heute herrschende Gewalt gelegt.
Die Politik von Krieg und Besatzung waren nicht
einfach auf die Absetzung der alten Regierung
gerichtet, sondern sie sollte den Irak als
Nationalstaat, der mittelfristig womöglich wieder eine
eigenständige Politik als Regionalmacht verfolgen
könnte, vollständig ausschalten.
Erschreckend die Bilanz der Opfer, die diese
wahnwitzige Politik dem irakischen Volk gebracht hat.
Einige Darlegungen und Fakten, die in den Beiträgen
sehr offen und schonungslos angesprochen wurden
möchte ich nachstehend kurz deutlich machen. Dabei
besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit, da sich
drei Tage intensiver und eindrucksvoller Aussprache nicht in wenigen Sätzen darstellen lassen.
Seit 1991 lasteten die schwersten Sanktionen auf dem
Irak und schon Ende der 90er Jahre – so wurde auf der
Konferenz bekräftigt – konnte man davon ausgehen, dass
700.000 bis 1 Mio. Iraker an den Folgen des
mörderischen Embargos gestorben waren.
Zwei Golfkriege, 13 Jahre Sanktionen, die Aggression
im Jahre 2003 und fünf Jahre Okkupation haben bis
heute dem Irak katastrophale menschliche und
materielle Verluste gebracht, die in der offiziellen
Politik, in den Medien kaum noch eine Rolle spielen –
geschweige denn ihre Ursachen.
Im Oktober 2006 – so
wurde auf der Konferenz berichtet – hatte die angesehene medizinische Fachzeitschrift „The Lancet“
die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie
veröffentlicht, die ergab, dass bis Juni 2006 ungefähr
650.000 Iraker und Irakerinnen Opfer von Krieg und Besatzung geworden waren. Diese Opferzahlen werden
von Politiker und Medien größtenteils heruntergerechnet bzw. ignoriert. 650.000 sind
eindeutig ein Verbrechen in der Dimension eines
Völkermords.
Darüber hinaus sind fast vier Millionen Iraker auf der
Flucht, zirka zwei Millionen Vertriebene innerhalb des
Landes und zirka 2,5 Millionen Flüchtlinge leben unter
elenden Bedingungen vor allem in Syrien und Jordanien.
Die Menschen im Irak haben jede materielle Grundlage
und jegliches Vertrauen verloren. Die Grundversorgung
der Bevölkerung ist nicht gewährleistet; die einst
hoch entwickelten Gesundheits- und Bildungssysteme sind zusammengebrochen. Zwei Generationen wuchsen in
einem totalen Bildungsvakuum und in ständiger
materieller Not heran. Es braucht nicht viel Fantasie,
um sich vorzustellen, wie sich das auf die
Gesellschaft, insbesondere auf die Jugend in Bezug auf
psychische Probleme, Kriminalität, Gewaltbereitschaft
auswirkt.
Der Krieg ist nicht beendet und die Kosten trägt die
irakische Bevölkerung. Das ist die Bilanz, die die
Konferenz in diesem Zusammenhang ziehen musste.
Die Besatzungsmächte haben eine bürgerkriegsähnliche
Situation provoziert. So wurde auf der Konferenz
festgestellt und belegt, dass die gegenwärtigen
Konflikte und die Gewalt unter Irakern ohne die
Besatzung und Einmischung von außen nicht entstanden
wären. Da half auch nicht die Aufteilung der
Millionenstadt Bagdad in ethnisch getrennte,
verfeindete Mini-Bezirke hinter Mauern und Barrikaden
und die Aufstockung der US-Streitkräfte.
Trotz einer riesigen US- Militärmacht, trotz
anhaltender Versuche Krieg und Besatzung zu „irakisieren“,
trotz der Bemühungen die ethnisch-religiösen
Konflikte, wie zum Beispiel der zwischen Schiiten und
Sunniten, die im Irak keine Tradition haben,
anzuheizen – ist der Widerstand gegen die Besatzer und
ihre irakischen Kollaborateure ungebrochen. Redner aus
dem Irak berich-teten darüber, dass es heute zunehmend
sowohl zivile Aktionen – besonders in der
Erdölindustrie als auch nach wie vor einen gut
organisierten militärischen Widerstand gegen das
Besatzungsregime gibt. Im Rahmen der Konferenz wurde
die Legitimität des bewaffneten Widerstands, der sich
von kriminellen Handlungen und Angriffen auf zivile
Ziele abgrenzt, diskutiert. Gegen die Gewalt der
Besatzer und ihrer Kollaborateure, mit der ein
brutales, den Interessen des irakischen Volkes
zutiefst widersprechendes Besatzungsregime
aufrechterhalten werden soll, ist der Einsatz
gewaltförmiger Mittel legitim und entspricht durchaus
der Genfer. Konvention. So das Fazit der Diskussion.
Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Konferenz richtete
sich auf die Zukunft, auf die Beantwortung der Frage,
wie Friedenspläne für den Irak aussehen könnten.
Dreh- und Angelpunkt aller Friedenspläne, die zur Zeit
in der irakischen Opposition, in Ländern des Nahen
Ostens aber auch in politischen Kreisen Europas und
der USA diskutiert werden, ist die Forderung nach
Truppenabzug. Das Ende der Besatzung muss zeitlich
sowohl mit der Schlie-ßung von ausländischen
Militärstützpunkten, dem Abzug von ausländischem
Militär, von privaten Sicherheitsdiensten und
Söldnern als auch mit der Verkleinerung der
US-Botschaft einhergehen. Iraker aus allen
Gesellschaftsschichten sind sich sicher, dass der
Rückzug ausländischer Truppen eher zu einem Rückgang
als zu einem weiteren Anwachsen der Gewalt – wie immer
versucht wird der Öffentlichkeit zu suggerieren –
führen würde. Die Überlegungen der irakischen
Opposition konzentrieren sich vor allem auf interne
Lösungen ohne größere äußere Einmischung.
Zwei Themen, die auf der Konferenz behandelt
wurden, waren:
• Der Nachweis, dass die BRD – trotz gegenteiliger
Behauptungen – auf verschiedene, indirekte Art und
Weise am Krieg gegen den Irak beteiligt war und die
Bundesregierung Schuld auf sich geladen hat.
• Die Tatsache – über die von Rednern aus den USA
anschaulich informiert wurde – dass es unter der
USA-Bevölkerung einen wachsenden Widerstand gegen
Krieg und Besatzung durch die USA im Irak gibt.
Die
Organisatoren und die Referenten der Konferenz
verabschiedeten eine Abschlusserklärung.
Helga Hörning
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