Lassen Sie mich von einem Freund
reden. Mit ihm verbinden mich gemeinsame
Erlebnisse – vor allem in seinem Atelier, und das,
was er schuf, war mir immer nahe, weil die
geistige Haltung, die dahinter stand, so sehr auch
der meinen entsprach.
Als ich ihn kennen lernte, war mir
sofort klar, dass er zu denen gehörte, die ihr
Künstlertum nicht vor sich hertrugen wie eine
Monstranz. Er konnte sich lustig machen über
Lobreden und hatte es eigentlich nicht gern, wenn
seine Ausstellungen mit langen Pamphleten eröffnet
wurden. Nun ist Eberhard Dietzsch nicht mehr unter
uns und kann sich nicht mit ironischen Bemerkungen
wehren. Er starb an seinem 68. Geburtstag am 3.
Januar 2006. Die Lücke, die er hinterließ, ist
groß, nicht nur in seiner Familie. Nach seinem Tod
ehrten ihn spontan seine Thüringer
Künstlerkollegen, für die er so viel getan, für
die er sich engagiert hatte. In seinem Denken und
in seiner Kunst hatte er nicht nur Partei genommen
für eine friedliche, menschliche Welt, sondern er
wusste auch die Partei zu nehmen, die gerade in
seinem Bezirk im Umgang mit Künstlern – um es
freundlich auszudrücken - oft nicht den richtigen
Ton fand. Und es spricht für eine große Verehrung,
dass nach seinem Tod alle Galerien und Museen in
Gera und Umgebung Ausstellungen mit seinen
Arbeiten zeigten. Wenn man heute Erinnerungen an
den Bezirksverband Gera austauscht, dann spricht
man von Eberhard Dietzsch, von »Eb«, wie ihn seine
Freunde nannten. Mit diesem Kürzel »Eb« signierte
er auch seine Arbeiten. Er war der
gleichberechtigte Freund seiner Künstlerkollegen,
hielt die Hände über sie, schützte sie vor
engstirnigen Eingriffen, sorgte für eine offene,
kameradschaftliche, familiäre Atmosphäre unter den
Künstlern, die sich sehr deutlich vom Hickhack in
anderen Bezirksverbänden – z. B. in Berlin –
unterschied, und blieb trotz dieser nahezu
väterlichen Rolle, die ihm große Anerkennung
einbrachte, immer bescheiden, ohne jede Eitelkeit,
stellte sein Werk nicht in den Mittelpunkt,
sondern hatte stets das Ganze im Blick.
Er kümmerte sich um Aufträge, um
die sozialen Belange jener, die ihn immer wieder
in seine verantwortungsvolle Funktion als
Vorsitzender des Bezirksverbandes des VBK-DDR
gewählt hatten. Und er sorgte sich darum,
Freiräume des Denkens zu bewahren, auch für sich
selbst. So hat sein Plakat »Max braucht Waffen«
bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt.
Es brachte ihm noch 1988 denselben
Vorwurf des Pazifismus ein, den auch z.B. Gerhard
Voigt aus Halle für sein Signet des Erdkugel-
Männchens auszuhalten hatte, das über seinem
Globus-Kopf das Gewehr in Stücke bricht, eine
Metapher, die schon Otto Pankok in seiner Graphik
»Christus zerbricht das Gewehr« genutzt hatte.
Dass dieses Symbol der Friedensbewegung der DDR
zur Ehre gereichte und von der UNO übernommen
wurde, ist heute vergessen. Jene, die sich vor
fast zwei Jahrzehnten engstirnig dagegen gewandt
hatten, haben ihre Scham bis heute nicht
artikuliert.
1980 hatte ich in einem Beitrag
für die »Bildende Kunst« versucht, eine Formel für
sein Schaffen zu finden, und ich glaube, dass sie
heute noch gilt: Sensibilität für das, was in der
Welt geschieht, eint sich mit feinnervigem
künstlerischem Herangehen.
Auch heute bleibt ein Erbe
Eberhard Dietzschs lebendig. Es ist das »Satiricum«
in Greiz, das – aufbauend auf einer alten Sammlung
von Karikaturen und satirischen Pressezeichnungen
z.B. von Hogarth und Honoré Daumier – mit großem
Erfolg und mit aktiver Hilfe der Sektion der
Karikaturisten im VBK-DDR unter Leitung von Harald
Kretzschmar Karikaturen aus der DDR und dem
Ausland sammelte, Biennalen und Preisvergaben
veranstaltete und bis in die Gegenwart wirkt.
Einer der wichtigsten Mitgestalter dieser Sammlung
war »Eb«. Wer heute dieses Erbe pflegt, erfüllt
auch sein Vermächtnis. Seine Malerei, der er sich
seit Mitte der Achtzigerjahre verstärkt zuwandte,
ist oft als »expressiver Realismus « mit
unterschiedlichen Graden der Abstraktion
bezeichnet worden. Für mich blieben diese Arbeiten
zunächst schwerer zugänglich, bis mir klar war,
dass sie sich ganz selbstverständlich in die
Konsequenz seines Schaffens einordnen. Auch hier
wirkt der Gestus, der aus der Zeichnung kommt und
ganz Eigenständiges hervorbringt, voller Kraft und
Lebensfreude.
Da sind – wie in den Zeichnungen –
die sehr bewusst verzerrten Perspektiven, die
ausdrucksstark hingestrichenen, scheinbar
destabilen, dennoch logischen Farbverläufe, die
Formverantwortung als moralische Aufgabe deutlich
machen. Manche seiner Landschaften erinnern an
expressionistische Bühnenbilder des frühen
Stummfilms, an die Ausdruckskunst Kubins und an
die verrätselten, Angst und Neugier vereinenden
Phantasmagorien Kafkas. Kafka war übrigens einer
der Lieblingsschriftsteller Eberhard Dietzschs.
Porträtiert hat er meist Menschen,
die ihm besonders nahe waren: seine Frau Heike,
seine Kollegen – auch in den Caféhausszenen -,
oder jene, mit denen seine Haltung vollkommen
übereinstimmte: der verehrte Wolf Kaiser, Bertolt
Brecht und Hanns Eisler. Gerade dieser fesselte
ihn. Von Eisler ist überliefert, die Partitur von
»Tristan und Isolde« habe aufgeschlagen neben
seinem Totenbett gelegen, obwohl er doch über
Wagner gesagt hatte: »Ein skandalöser Dreck! Aber
was für ein Genie!« Hier verbünden sich Sarkasmus
und Dialektik, eine Denkungsart, die Eberhard
Dietzsch gemäß war.
Es steht uns gut an, solche Kunst
zu ehren. Sie verbindet das Vergangene mit dem
Gegenwärtigen und zeigt, wie lebendig die Kunst
aus der DDR in die neue Altzeit hineinwirkt, wenn
wir sie eben lebendig halten. Zum Schluss von Otto
Julius Bierbaum ein Spruch, den »Eb« kannte und
der ihm gut gefiel: »Lorbeer ist ein gutes Kraut /
Für die Suppenköche; / Wer’s als Kopfbedeckung
wünscht, / Wisse, dass es steche.«
Der Wortlaut der Laudatio
erscheint in unserer Zeitschrift
ICARUS.
Die
GBM-Galerie in 10317 Berlin, Weitlingstraße 89
(nahe S-Bahnhof Berlin-Lichtenberg) ist montags
bis freitags von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Die
Ausstellung mit Werken von Eberhard Dietzsch wird
bis zum 7. März gezeigt.
© Mai
2008
Alle Urheberrechte liegen beim Autor