Freundeskreis "Kunst aus der DDR"

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Die anderthalbe Wahrheit

Am 11. Januar fand in der GBM -Galerie in Berlin-Lichtenberg die Vernissage der Ausstellung „in memoriam Eberhard Dietzsch – Malerei, Zeichnung, Graphik, Karikatur“ statt. Die Rede zur Eröffnung hielt unser Vorstandsmitglied Dr. Peter Michel. Er führte unter anderem aus:

Lassen Sie mich von einem Freund reden. Mit ihm verbinden mich gemeinsame Erlebnisse – vor allem in seinem Atelier, und das, was er schuf, war mir immer nahe, weil die geistige Haltung, die dahinter stand, so sehr auch der meinen entsprach.

Als ich ihn kennen lernte, war mir sofort klar, dass er zu denen gehörte, die ihr Künstlertum nicht vor sich hertrugen wie eine Monstranz. Er konnte sich lustig machen über Lobreden und hatte es eigentlich nicht gern, wenn seine Ausstellungen mit langen Pamphleten eröffnet wurden. Nun ist Eberhard Dietzsch nicht mehr unter uns und kann sich nicht mit ironischen Bemerkungen wehren. Er starb an seinem 68. Geburtstag am 3. Januar 2006. Die Lücke, die er hinterließ, ist groß, nicht nur in seiner Familie. Nach seinem Tod ehrten ihn spontan seine Thüringer Künstlerkollegen, für die er so viel getan, für die er sich engagiert hatte. In seinem Denken und in seiner Kunst hatte er nicht nur Partei genommen für eine friedliche, menschliche Welt, sondern er wusste auch die Partei zu nehmen, die gerade in seinem Bezirk im Umgang mit Künstlern – um es freundlich auszudrücken - oft nicht den richtigen Ton fand. Und es spricht für eine große Verehrung, dass nach seinem Tod alle Galerien und Museen in Gera und Umgebung Ausstellungen mit seinen Arbeiten zeigten. Wenn man heute Erinnerungen an den Bezirksverband Gera austauscht, dann spricht man von Eberhard Dietzsch, von »Eb«, wie ihn seine Freunde nannten. Mit diesem Kürzel »Eb« signierte er auch seine Arbeiten. Er war der gleichberechtigte Freund seiner Künstlerkollegen, hielt die Hände über sie, schützte sie vor engstirnigen Eingriffen, sorgte für eine offene, kameradschaftliche, familiäre Atmosphäre unter den Künstlern, die sich sehr deutlich vom Hickhack in anderen Bezirksverbänden – z. B. in Berlin – unterschied, und blieb trotz dieser nahezu väterlichen Rolle, die ihm große Anerkennung einbrachte, immer bescheiden, ohne jede Eitelkeit, stellte sein Werk nicht in den Mittelpunkt, sondern hatte stets das Ganze im Blick.

Er kümmerte sich um Aufträge, um die sozialen Belange jener, die ihn immer wieder in seine verantwortungsvolle Funktion als Vorsitzender des Bezirksverbandes des VBK-DDR gewählt hatten. Und er sorgte sich darum, Freiräume des Denkens zu bewahren, auch für sich selbst. So hat sein Plakat »Max braucht Waffen« bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt.

Es brachte ihm noch 1988 denselben Vorwurf des Pazifismus ein, den auch z.B. Gerhard Voigt aus Halle für sein Signet des Erdkugel- Männchens auszuhalten hatte, das über seinem Globus-Kopf das Gewehr in Stücke bricht, eine Metapher, die schon Otto Pankok in seiner Graphik »Christus zerbricht das Gewehr« genutzt hatte. Dass dieses Symbol der Friedensbewegung der DDR zur Ehre gereichte und von der UNO übernommen wurde, ist heute vergessen. Jene, die sich vor fast zwei Jahrzehnten engstirnig dagegen gewandt hatten, haben ihre Scham bis heute nicht artikuliert.

1980 hatte ich in einem Beitrag für die »Bildende Kunst« versucht, eine Formel für sein Schaffen zu finden, und ich glaube, dass sie heute noch gilt: Sensibilität für das, was in der Welt geschieht, eint sich mit feinnervigem künstlerischem Herangehen.

Auch heute bleibt ein Erbe Eberhard Dietzschs lebendig. Es ist das »Satiricum« in Greiz, das – aufbauend auf einer alten Sammlung von Karikaturen und satirischen Pressezeichnungen z.B. von Hogarth und Honoré Daumier – mit großem Erfolg und mit aktiver Hilfe der Sektion der Karikaturisten im VBK-DDR unter Leitung von Harald Kretzschmar Karikaturen aus der DDR und dem Ausland sammelte, Biennalen und Preisvergaben veranstaltete und bis in die Gegenwart wirkt. Einer der wichtigsten Mitgestalter dieser Sammlung war »Eb«. Wer heute dieses Erbe pflegt, erfüllt auch sein Vermächtnis. Seine Malerei, der er sich seit Mitte der Achtzigerjahre verstärkt zuwandte, ist oft als »expressiver Realismus « mit unterschiedlichen Graden der Abstraktion bezeichnet worden. Für mich blieben diese Arbeiten zunächst schwerer zugänglich, bis mir klar war, dass sie sich ganz selbstverständlich in die Konsequenz seines Schaffens einordnen. Auch hier wirkt der Gestus, der aus der Zeichnung kommt und ganz Eigenständiges hervorbringt, voller Kraft und Lebensfreude.

Da sind – wie in den Zeichnungen – die sehr bewusst verzerrten Perspektiven, die ausdrucksstark hingestrichenen, scheinbar destabilen, dennoch logischen Farbverläufe, die Formverantwortung als moralische Aufgabe deutlich machen. Manche seiner Landschaften erinnern an expressionistische Bühnenbilder des frühen Stummfilms, an die Ausdruckskunst Kubins und an die verrätselten, Angst und Neugier vereinenden Phantasmagorien Kafkas. Kafka war übrigens einer der Lieblingsschriftsteller Eberhard Dietzschs.

Porträtiert hat er meist Menschen, die ihm besonders nahe waren: seine Frau Heike, seine Kollegen – auch in den Caféhausszenen -, oder jene, mit denen seine Haltung vollkommen übereinstimmte: der verehrte Wolf Kaiser, Bertolt Brecht und Hanns Eisler. Gerade dieser fesselte ihn. Von Eisler ist überliefert, die Partitur von »Tristan und Isolde« habe aufgeschlagen neben seinem Totenbett gelegen, obwohl er doch über Wagner gesagt hatte: »Ein skandalöser Dreck! Aber was für ein Genie!« Hier verbünden sich Sarkasmus und Dialektik, eine Denkungsart, die Eberhard Dietzsch gemäß war.

Es steht uns gut an, solche Kunst zu ehren. Sie verbindet das Vergangene mit dem Gegenwärtigen und zeigt, wie lebendig die Kunst aus der DDR in die neue Altzeit hineinwirkt, wenn wir sie eben lebendig halten. Zum Schluss von Otto Julius Bierbaum ein Spruch, den »Eb« kannte und der ihm gut gefiel: »Lorbeer ist ein gutes Kraut / Für die Suppenköche; / Wer’s als Kopfbedeckung wünscht, / Wisse, dass es steche.«

Der Wortlaut der Laudatio erscheint in unserer Zeitschrift ICARUS.
Die GBM-Galerie in 10317 Berlin, Weitlingstraße 89 (nahe S-Bahnhof Berlin-Lichtenberg) ist montags bis freitags von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Die Ausstellung mit Werken von Eberhard Dietzsch wird bis zum 7. März gezeigt.

© Mai 2008  Alle Urheberrechte liegen beim Autor

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Diese Ausgabe
Icarus Heft 1/08

erschienen im Januar 2008
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