GBM Galerie Hans- und Lea Grundig Ausstellung

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Der Aufschrei im Bild

Heidrun Hegewald zur Eröffnung der Hans- und Lea-Grundig-Ausstellung in der GBM-Galerie

  In der überfüllten Berliner GBM-
  Galerie wurde am 5. Februar im
  Rahmen der Hans- und Lea-
  Grundig-Ehrung 2010 eine
  Ausstellung mit Kaltnadel-
  Radierungen der beiden Künstler
  aus den 30er-Jahren eröffnet. In 
  ihrer einleitenden Laudatio führte
  die Malerin, Grafikerin und
  Publizistin Heidrun Hegewald aus:

Wir eröffnen heute eine kleine Ausstellung von zwei Großen: Lea und Hans Grundig.  Antifaschisten mit leibhaft ertragenem Leid. Ihr künstlerisches Werk, ihre Werke sind geachteter Bestand der KUNSTEPOCHE des Existenz-Raums der DDR. Die Kunst der „anderen Moderne“ – wie Dr. Peter Michel sie richtig determiniert. Die Moderne – die Geistigkeit, thematische Zuspitzung, politischen Zorn und die Träume humanistischer Utopien zuließ. Die Moderne, die auch gezeichnet ist vom Recht der Unerbittlichkeit. Ein Überlebenstribut mit Legitimation derer, die dem faschistischen Wahnsinn entkommen waren.

Die Künstlergeneration des antifaschistischen Widerstands lebte sich in wiedergewonnenes Leben ein. Hellsichtig und hochsensibilisiert gegen das, was der faschistische Imperialismus und der von ihm benutzte arische Größenwahn für den Anspruch auf eine tausendjährige Weltmacht aus
der Welt machte.

Die sich „Nationalsozialisten“ nannten, haben gegen alle Gebote des Humanismus verstoßen. Im Frevel des Hochmuts entthronten sie den christlichen Gott und richteten über Leben und Tod. In satanischer Perversion. Die Herrenmenschen mordeten industriell. Die schwarze Aschesäule stand im Himmel wie die Türme der Gotteshäuser. Orte der vermeintlich Gerechten. Hüter und Hirten der unterschiedlichen Konfessionen predigten Nächstenliebe und dienten, bis auf wenige, den Faschisten. CHRISTUS WAR EIN JUDE.

Lea und Hans Grundig brachten sich mit ihren realistischen ahnungsschwer anklagenden Arbeiten in tödliche Gefahr. In dialektischem Realismus zu ihrem widerständig politischen Handeln.

Für diese Ausstellung heute haben wir eine einmalige Legende: Doppeldeutungen in Eindeutigkeit! Wir stellen von beiden Künstlern geschaffene Kaltnadelradierungen zu einem Thema als Blatt-Paare aus. Aus den dreißiger Jahren. Es war ein- und dieselbe Angst, die die Griffel führte. Es war ein- und dieselbe Verzweiflung, die ihren Blättern den verwandten Ausdruck gab.

Kaltnadel-Radierung – „die kleine Form“ – ist der unmittelbarste technische Weg, das Blatt, druckgrafisch vervielfältigt, auf den Weg der Mahnung und des Protestes zu bringen. Mit dem tiefschwarz druckenden Grat des aufgeworfenen Metalls verdichten die Schraffuren der Schwärze die Dramatik. Die Katastrophe droht aus dem Dunkel. Ein Grundsatz der Grundigs war: „Bildhaft machen – ein Bild für die Sache.“ Kunstblätter mit dieser realistischen Sendung – im Wesen das Thema und den Ausdruck des WOFÜR und WOGEGEN – sind Bitten, GEBETE für humanes und politisches Mitleiden. Diesem widerständigen utopischen Hymnus in der Kunst sind formale Umschweife im Wesen fremd. Eine formale Erfindung wäre einzig dieser humanistischen Verzweiflung verpflichtet.

Den Graphiken, den Blättern der Grundigs wurde die Warnung angeheftet. Der Aufschrei im Bild! Die Wirklichkeit reißt die Kunstfähigkeit als Katalysator an sich. Die Grundigs lebten in dieser Zeit bis zum leiblichen Zugriff unter Berufsverbot. Ihre Kunst war „entartet“. Wie sollten wir heute diesen beiden Menschen, den unbändig hoffenden, die historische Niederlage „einer“ DDR erklären?
Der gemeinsame Schwur für eine bessere Welt ist zur Farce verkommen und steht im Schatten der von Gewalt aufgedunsenen neofaschistischen Haßgestalt. In einem Deutschland, von dessen Boden natohörig wieder Krieg begangen wird. In einer Gesellschaftsstruktur, der Gleichheit, Brüderlichkeit, Solidarität und Freiheit aus der Art geschlagen sind.

Die Utopie der Grundigs – für Lea Grundig ein Teil Wirklichkeit –, ihr gerechter Traum vom Sozialismus ist nur noch in der Entstellung oder in den Mühen unserer Erinnerung zu haben. Wir müssten ihnen auch sagen, dass unser Leben durchzogen ist mit der „Verdinglichung aller menschlichen Beziehungen“, die Karl Marx als den größten Fluch des Kapitalismus bezeichnet. Diese „Verdinglichung“ tritt der realistischen Kunst unserer Schule mitten ins Angesicht.

Betrachten wir eine Doppelung des Themas in zwei Grafiken: Die Radierung der Lea Grundig trägt den Titel „Gestapo im Haus“. Bei Hans
Grundig: „Die Gestapo war da“. Beide Arbeiten entstanden 1935. Bei Lea spähen noch Angstgesichter hinter der Tür hervor. Bei Hans ist kein Mensch mehr im Raum. Das Fensterkreuz schattet ein Kreuz auf den Boden. Aus!Angst sucht nach Menschen. siehe Hans Mayers Untertitel zu seinem „Der Turm von Babel“ Zwischen beiden Graphiken laufen die logischen Bildfolgen der aufgebrachten Vorstellung ab. Kunst im deutenden Dienst.

Die Veranstalter möchten sich bei Frau Dr. Heiner bedanken. Für die GBMGalerie
hat sie die Blatt-Paare zusammengestellt. Mit ihrer Liebe zum Werk der Grundigs, besonders zu dem der Lea Grundig, bewahrt sie dieses gewissenhaft. Sie ist eine kompetente Sachwalterin. Wir danken!

Künstlerische Mission im Auftrag erfahrener Bitternis, realistische Kunsthaltungen, die dem Kunstwerk die Vision vom Sieg der Menschlichkeit anvertrauen, sind unter heutigem Kulturverständnis der Verachtung preisgegeben. In Zusammenarbeit mit der „junge- Welt-Ladengalerie“ eröffnen wir heute hier und dort eine Ausstellung: Ehrungen für Lea und Hans Grundig.

Eine betonte Reaktion auf den Versuch der Ernst-Moritz-Arndt- Universität Greifswald, im Jahre 2009 eine Entehrung der Grundigs zu vollziehen.

Die Ausstellung in der GBM-Galerie (Kurator: Dr. Peter Michel) ist in Berlin- Lichtenberg, Weitlingstr. 89, bis zum 9. April montags bis freitags von 10.00 bis 16.00 Uhr geöffnet.          
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erschienen im Dezember 2009

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