|
Offener Brief an den Rektor der
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Prof. Dr. rer. nat. Rainer
Westermann
von Dr. Peter Michel ( Kunstwissenschaftler)
Sehr geehrter Herr
Prof. Dr. Westermann,
vielleicht erinnern
Sie sich an meinen Brief vom 1. August 2009, der sich
mit den Vorgängen um die Hans- und Lea Grundig Stiftung
befasste. Auf diesen Brief erhielt ich von Prof.
Soltau eine wenig aufschlussreiche, hinhaltende
Antwort. Eine Entscheidung über den Umgang mit dieser
Stiftung ist – trotz der Ankündigung Prof. Soltaus,
das Problem bis Ende des Jahres 2009 zu klären – wohl
bis jetzt noch nicht gefallen.
Nun las ich in den
vergangenen Tagen den im Internet öffentlich
zugänglichen Aufsatz »Hans und Lea Grundig:
DDR-Staatskunst heute. Nachtrag zum Fall der Mauer und
was von ihr noch steht« von Prof. Puritz in der
Schriftenreihe des CDFI zur Theorie und Praxis der
bildenden Kunst, und ich erlaube mir, den vorliegenden
Brief ebenso öffentlich zu machen.
Nach der Lektüre
des o. g. Textes wurde mir klar, dass die
Hans-und-Lea-Grundig-Stiftung an Ihrer Universität
tatsächlich fehl am Platze ist. Solcherart politische
Leichenfledderei habe ich selten gelesen. Mit
Differenzierung und Wissenschaftlichkeit, wie sie an
einer Universität üblich sein müssten, hat dieser
Artikel nichts zu tun. Allgemeine politische
Verurteilungen treten an die Stelle eines fundierten,
juristisch nutzbaren konkreten Schuldnachweises.
Zitate werden aus ihrem historischen Zusammenhang
gerissen. Die Dialektik von gesellschaftlichen und
künstlerischen Prozessen wird nicht untersucht. Es
herrscht der Ton des überwunden geglaubten Kalten
Krieges. Prof. Puritz praktiziert – mit umgekehrtem
Vorzeichen – dasselbe, was er bornierten
Parteifunktionären der SED vorwirft. Er übersieht
völlig, dass auch Hans Grundig unter den
Formalistenjägern der DDR litt und dass Lea Grundig am
Ende ihrer Entwicklung ziemlich einsam war. In jeder
Künstlerbiografie gibt es sowohl in den
Lebensumständen als auch im Werk Höhen und Tiefen; das
ist heute ebenso. Die beiden Grundigs waren großartige
Künstler; und wer nicht in der Lage ist, das zu
erkennen, der sollte die Finger von solchen
öffentlichen Verlautbarungen lassen. Er dokumentiert
sonst nur sein kunsthistorisches Unwissen. Bemerkt
Prof. Puritz nicht, dass er mit der Art und Weise
seiner Argumentation gefährlich in die Nähe jener
Kulturpolitiker des Dritten Reiches gerät, die Hans
und Lea Grundig als entartete Künstler brandmarkten
und mit Ausstellungsverbot belegten? Und ist ihm nicht
klar, dass er mit solchen Auslassungen dem Ansehen der
Universität Greifswald Schaden zufügt? Was will man
»gründlich erforschen«? Es kann doch nur darum gehen,
festgefressene Vorurteile »wissenschaftlich« zu
begründen. Über Hans und Lea Grundig gibt es genügend
Literatur, u. a. von Günter Feist und Erhard
Frommhold, die beide von dem Verdacht,
Erfüllungsgehilfen der Macht gewesen zu sein, weit
entfernt sind.
Um der Vermutung zu
entgehen, den Namen der Stiftung beseitigen, aber die
inzwischen angewachsenen Stiftungsgelder behalten zu
wollen – was dem Stiftungsrecht widerspräche -,
empfehle ich nach dem Schmäh-Artikel von Prof. Puritz
der Alma mater in Greifswald, diese Stiftung
aufzugeben und sie in Hände zu legen, die seriös damit
umzugehen wissen. Wenn Sie dafür Vorschläge brauchen,
stehe ich Ihnen gern zur Verfügung.
Mit freundlichen
Grüßen
Dr. Peter Michel
|
|