Es jährt sich zum 60. Male die Durchführung des Deutschen
Volkskongresses für Einheit und gerechten Frieden, der am 6. und 7.
Dezember 1947 in Berlin stattfand. Im
November hatte sich die SED dazu
unmittelbar an das deutsche Volk gewandt. Vorher hatte der Vorsitzende
meiner Partei, der LDPD, Dr. Wilhelm
Külz, die Bildung einer deutschen
Repräsentanz allein aus Vertretern der
politischen Parteien angeregt; das war am Widerstand Kurt Schumachers (SPD) gescheitert... Trotz Verfolgung und Verbot
kamen nun allein aus Westdeutschland
650 Delegierte.
Meine Zustimmung zu einem
Volkskongress ergab sich aus prägenden Geschehnissen: Als Jugendlicher
hatte ich in den Kriegsjahren
„Heldentod“ und schwere Kriegsverletzungen vieler Kameraden erlebt. Nach
Bombenangriffen auf meine Heimatstadt Leipzig hatte ich helfen müssen,
die Opfer in den Trümmern zu bergen, auch die Leichen der Besatzung
eines abgeschossenen USA-Bombers. Meine Ablehnung des Naziregimes wurde immer konsequenter und
aktiver. Das HJ-Gericht Sachsen
verurteilte mich 1944 wegen der Bildung einer illegalen
Jugendorganisation zu Jugendarrest. Als Achtzehnjähriger verfasste
ich 1946 und 1947 als Resultat
meiner Erfahrungen für mich und meine Freunde eine Studie unter der
Überschrift „Gedanken zum kommenden pazifistisch-humanistischen
Weltbild“. Folgerichtig nahm ich als
Delegierter der FDJ, in Übereinstimmung mit meiner Partei, am 1.
Volkskongress wie auch anschließend am 2. Volkskongress im März 1948 und
am 3. Volkskongress im Mai 1949
teil. Ich arbeitete von 1947 bis 1949
in dieser Bewegung mit, nahm an
vielen Veranstaltungen in Ost und West teil und war in Sachen der
deutschen Einheit oft unterwegs. Hierbei
spürte ich deutlich die wirkliche
Chance für die Einheit. Der auf dem 2. Volkskongress
gewählte Deutsche Volksrat, dem ich angehörte, konstituierte sich am
7. Oktober 1949 als vorläufiges
Parlament und rief die Gründung der DDR aus. Ich war nun also
Abgeordneter der Volkskammer und blieb es bis zum Ende der DDR. Welche Ziele verfolgten wir
seinerzeit?
Die programmatische und praktische Grundlage für die
Volkskongressbewegung war das Potsdamer Abkommen, das bekanntlich in der SBZ und dann in der DDR
konsequent, dagegen in der BRD gar nicht durchgeführt wurde. Für
uns galt die Losung, die mit dem 8.
Mai 1945, dem Tag der Befreiung,
verknüpft ist: „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ Kampf um die Einheit Deutschlands bedeutete
in jener Nachkriegsperiode Kampf um die Beseitigung der Überreste
des faschistischen Regimes und seiner
monopolkapitalistischen Grundlagen, bedeutete Kampf um den Aufbau
einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung in ganz Deutschland.
Ein früherer Versuch zur Einheit scheiterte: Im Juni 1947 kamen
in München zum ersten und zugleich letzten Mal die
Ministerpräsidenten der Länder aus ganz Deutschland zusammen. Die
Ministerpräsidenten aus der sowjetischen
Besatzungszone schlugen vor, als erstes über Maßnahmen zur Herstellung der
politischen und wirtschaftlichen Einheit zu verhandeln. Die der CDU/CSU und der SPD angehörenden
Vertreter der west- und süddeutschen
Länder weigerten sich, zu dieser
Grundfrage der Nation Stellung zu nehmen.
Für sie war die Spaltung
Deutschlands schon eine beschlossene Sache.
Die Münchner Konferenz endete
ergebnislos... Die Ziele des Volkskongresses
wurden nicht erreicht. Die
Spaltungspolitik der Westmächte und westdeutscher Politiker verhinderte die deutsche Einheit und führte zur
Bil- dung des Bonner Separatstaates,
zur Einbindung der BRD in die NATO, der zu einem Hauptträger des
kalten Krieges wurde, zur
Remilitarisierung.
Als es schließlich zum „Tag der Einheit“ kam, erfolgte dies
nicht – wie im Grundgesetz
vorgezeichnet – durch Vereinigung zweier
gleichberechtigter deutscher Staaten, sondern durch den erzwungenen Anschluss der DDR an die BRD mit all seinen schlimmen Folgen. Zu
ihnen gehört auch die Rolle des
vereinten Deutschland als ein
Hauptproduzent von Waffen aller Art und als
Beteiligter an Aggressions- und
Unterdrückungskriegen in aller Welt.
Die untergegangene DDR wird bis zum „Geht nicht mehr“
verunglimpft. Neue Höhepunkte in diesem
Bestreben mussten wir zum 17. Jahrestag der Herstellung der staatlichen
Einheit erleben. Die herrschenden
Kreise, ihre Geschichtsschreiber, ihre Medienmacher haben Grund, die DDR im Nachhinein zu verleumden. Sie wollen den Sozialismus als
mögliche Alternative zu den derzeitigen Gesellschaftsverhältnissen aus
dem Bewusstsein der Menschen, vor
allem der Jugend, verdrängen und aus ihren Gedanken tilgen, damit er
nicht noch einmal Macht auf deutschem Boden gewinnt. Vom zunehmenden Demokratie- und Sozialabbau in
der BRD, gegen den sich ungezählte Bürgerinnen und Bürger wehren,
soll abgelenkt werden, indem die
Lügen über den Sozialismus in der DDR umso dicker aufgetragen werden.
Was ich mir wünsche? Da die Lage in Deutschland innen- und
außenpolitisch in vielen Punkten mit der vor 60 Jahren vergleichbar ist,
sollte im Frühjahr 2008 ein neuer
Volkskongress für Einheit und Frieden
stattfinden, auf dem ein Programm für die Schaffung und Gestaltung
eines wirklich neuen Deutschlands
erarbeitet und beschlossen wird. Zur
Vorbereitung sollten sich schon jetzt alle Linken und Demokraten aus Ost
und West, alle Friedenskämpfer,
Umweltschützer, Repräsentanten humanitärer Vereinigungen und Gewerkschaften
zusammenfinden.
Das
Berliner Alternative Geschichtsforum, dem ich angehöre, würde – da bin ich
sicher – einen Beitrag dazu leisten.
*
Prof. Dr. jur. Manfred Gerlach
war seit 1945 Mitglied der
Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands (LDPD), seit 1954 ihr
Generalsekretär, von 1967 bis 1990
Parteivorsitzender. Seit 1960 war er Stellvertreter des Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, von Dezember 1989 bis April 1990 dessen amtierender
Vorsitzender.