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GBM Galerie - Ausstellung Archi Galentz

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Der eigene Schlüssel
Peter Michel
 
Rede zur Eröffnung der Ausstellung
»ЖИВОПИСЬ - Malerei als Lebensschrift.
Gemälde und Graphik von Archi Galentz«
in der GBM-Galerie am 30. März 2012.
An der Eröffnung nahm die Diaspora-
Ministerin der Republik Armenien, Frau
Hranusch Hakopyan, teil, die aus diesem
Anlass den armenischen Arshil-Gorky-Orden
an den Künstler verlieh. Begrüßt werden
konnten auch der Außerordentliche und
Bevollmächtigte Botschafter der Republik
Armenien in der Bundesrepublik Deutschland,
 seine Exzellenz Armen Martirosyan, der
offizielle Vertreter von Bergkarabach, Herr
Harutiun Grigoryan, und der Kulturattaché
der Botschaft der Russischen Föderation in der BRD, Botschaftsrat Alexander Lopushinskiy.


Wir können heute eine zweifache Premiere feiern: Zum ersten Mal präsentieren wir Werke eines Malers und Graphikers, dessen Wurzeln in einer ehemaligen Sowjetrepublik liegen, die heute ihre staatliche Eigenständigkeit bewahrt; und Archi Galentz ist mit seinen 41 Jahren der jüngste Künstler, der bisher hier ausstellte. Mit ihm haben wir einen neuen Freund gewonnen und ihn mit offenen Armen aufgenommen.

Die Emanzipation von einer standardisierten, dogmatischen Kanonisierung der Künste und von ihrer Unterordnung unter eine enge Regulierungskonzeption vollzog sich in Armenien – ähnlich wie in der DDR – spätestens in den Siebzigerjahren. Es ging in diesem Prozess nicht darum, nebulösen Freiheitsvorstellungen nachzujagen, sondern vielmehr darum, künstlerisches Verantwortungsbewusstsein mit der tatsächlichen, widersprüchlichen Realität zu vereinen, große menschliche Ideale nicht über Bord zu werfen, sondern sie gerade damit zu bewahren und zugleich auf Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen. In der DDR nutzten viele Künstler dafür die Sprache der Mythen; in Armenien war es die Besinnung auf die Kraft der nationalen Traditionen; in beiden Ländern gepaart mit dem Eigensinn des künstlerischen Subjekts.

Es ist deshalb kein Wunder, wenn es gerade im Osten Deutschlands viele Künstler und Kunstinteressierte gab, die die reiche Kunst Armeniens verehrten und geradezu liebten. Namen wie Minas Awetisjan, Martiros Sarjan, Akop Kodshojan, Akop Akopjan, Sarkis Muradjan und andere waren nicht unbekannt. Einige von ihnen stellten in der DDR aus, andere spielten in der kunstpublizistischen Literatur eine Rolle. Alfred Nützmann gab z. B. in der Reihe »Welt der Kunst« des Henschelverlages Berlin 1975 ein von Genrich Igitjan geschriebenes Buch über Minas Awetisjan heraus. Diese Verehrung armenischer Kunst hält bis heute an. Erst kürzlich unterhielt ich mich mit dem Herbert-Sandberg-Schüler Ulrich Müller-Reimkasten, der als Professor an der Hochschule Burg Giebichenstein in Halle lehrt. Er sprach voller Vorfreude von einer geplanten Reise nach Armenien. Kein Wunder: Er ist auch Teppichgestalter und die Überlieferungen armenischen Kunsthandwerks interessieren ihn besonders.

Im bisherigen Schaffen von Archi Galentz vereinigen sich die Erfahrungen mehrerer Generationen. Sein Großvater mütterlicherseits, Nikolaj Nikossian, ist Bildhauer und unterrichtete an der Stroganow-Kunsthochschule in Moskau. Seine Großeltern väterlicherseits sind geachtete Künstler Armeniens, die es schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstanden, Nationales weiterzuführen und gleichzeitig offen zu sein für Neues in der Kunst Europas und der Welt. Eine große Verehrung Picassos, der Moderne überhaupt, verband sich mit dem, was in Armenien gewachsen war. Archi Galentz ist in Moskau geboren; auch sein Vater ist dort ein bekannter Maler. Wer aus einem solchen Umfeld kommt, strebt ganz selbstverständlich nach Eigenständigkeit. Archi Galentz hat allen Grund, selbstbewusst zu sein. Jede Künstlergeneration hat das Recht, einen eigenen Weg zu suchen und zu gehen. Seine Studienjahre in Jerewan und Berlin halfen ihm, die spezifischen Mittel zu finden, um die eigene künstlerische Freiheit zu nutzen.

Gesellschaftliche Umbrüche führen ja oft dazu, im Namen neuer Freiheit vieles von dem über Bord zu werfen, was über Jahrhunderte gewachsen ist. Auch bei uns gab es einige, die nun plötzlich dem, was sie für »Weltkunst« hielten, hinterher rannten. Das Ausprobieren von Neuem ist in der Kunst nicht nur legitim, sondern notwendig, doch schnell kann Freiheit in Maßstablosigkeit, im Verachten des künstlerischen Handwerks, in Dilettantismus enden.

Zu diesen Künstlern gehört Archi Galentz nicht. Seine Kunst ist voller Ernsthaftigkeit und Qualitätsstreben. Darin ist er vielen ein Vorbild. Die malerischen Erfahrungen, die er in Russland, Armenien und Deutschland sammeln konnte, führten zu Besonderheiten im figurativen Bildaufbau und vor allem – wie er selbst schrieb – zu typischen Vorstellungen von der »Farbe als raumdefinierendem Medium«. Unser europäisches Auge ist beim Betrachten von Kunstwerken geschult an Leonardo da Vincis Entdeckung des »sfumato«, einer Malweise, die Räumlichkeit und Bildtiefe mit weicher werdenden Umrissen, gedämpfterer Farbigkeit, mit dem Verblauen und Verblassen nach hinten erzeugt. Ganz anders deutet Archi Galentz den Bildraum. Bei ihm rückt tiefes, dunkles Blau – z. B. in seinem »Stillleben mit Zeitgenossen und Shiva« - in den Vordergrund und helle, warme Töne erscheinen in den dahinter liegenden Teilen. Es entsteht eine Definition des Raumes aus kraftvoller, expressiver und zugleich delikater Farbigkeit, die an armenische Teppiche erinnert. In weiteren Bildern kommt es zu einem Wechselspiel von Lokal-, Erscheinungs- und Symbolfarben; eine Spannung wird erzeugt, wie sie für seine Malerei kennzeichnend ist.

Die Bilder, die mich hier am meisten berühren - »Armenien. Ein Requiem«, »Erschießungskommando« und eine Lithographie zu einem tief tragischen Thema - verweisen auf Perioden armenischer Geschichte, an die immer wieder erinnert werden muss, weil dort die Ursachen der Diaspora vieler tausender Armenier bis in die Gegenwart liegen. Türken verübten 1895-97, 1909, im und nach dem I. Weltkrieg immer wieder schreckliche Massaker an den Armeniern, so dass der größte Teil des Volkes vernichtet wurde. Bis heute weigert sich die offizielle Türkei, diese Verbrechen des Osmanischen Reiches als Völkermord anzuerkennen. Dass uns diese Tatsachen als Menschenrechtsorganisation tief bewegen, ist selbstverständlich. Wir dürfen aber die Arbeiten von Archi Galentz zu diesem Themenkreis nicht als Illustrationen historischer Vorgänge zur Kenntnis nehmen. Gerade in ihrer künstlerischen, symbolhaften Verallgemeinerung ergreifen sie uns tiefer als äußerliche Abschilderungen der Geschehnisse. Die große Zahl von Porträts in unserer Ausstellung wirkt wie eine Galerie der Freunde, wie ein ständiges Suchen nach menschlicher Nähe. Und in den Landschaften vermeidet Archi Galentz das, was Minas Awetisjan einmal formulierte: »Ein Künstler, der die Natur kopiert, gleicht dem Kirchendiener, der ein Gebet murmelt, ohne je sein Wesen zu begreifen. Dieser wiederholt nur, was andere vor ihm geschaffen haben, und denkt dabei nicht über seinen Sinn nach. Die Natur jedoch ist kein kanonisiertes Buch, kein Dogma. Ihre Schatzkammer öffnet jeder mit seinem eigenen Schlüssel. Wer das Sichtbare blindlings reproduziert, ist ein Künstler, der nur passiv wahrnimmt, die Natur nicht entdeckt, sie nicht versteht, sondern allein von ihr abschreibt.« Nein, lieber Archi, das ist deine Sache nicht. Deine Landschaften sind nicht Abschriften, sondern Deutungen; sie demonstrieren dein subjektives Verhältnis zu ihnen. Der große Realist Courbet sagte einmal: »Kunst ist Wirklichkeit, gefiltert durch ein Temperament«. Hier können wir das erleben.

Du wirst es mir nicht übel nehmen, wenn ich in diesem Zusammenhang an die Herkunft von Minas Awetisjan erinnere. Er stammte aus einem jener Dörfer, in denen sich armenische Flüchtlinge angesiedelt hatten, die aus Gegenden kamen, die vom türkischen Sultansreich verschlungen worden waren. Diese Vertriebenen hatten ihre künstlerischen Erfahrungen der Teppichknüpferei, der Gestaltung von Silberwaren und Holzgeräten mitgebracht. Sie rückten in ihrer neuen Heimat zusammen und behüteten ihre Traditionen in ihren Herzen. Das ist – denke ich – ein Grundzug der Kunst Armeniens: das Bewahren und Bereichern des künstlerische Erbes über Jahrhunderte des Glanzes und der Katastrophen hinweg. Und ich bin mir sicher, dass du, lieber Archi, dieses Erbe – nicht nur das armenische, sondern auch das russische und deutsche – bei aller Offenheit aktuellen Entwicklungen gegenüber als deine »Lebensschrift« weiterführen wirst.

 

 
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