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Esel und Sack

Ein Gastkommentar von Prof. Kurt Pätzold zur Kampagne gegen die Junge Welt.

Auf die Titelseite dieser Zeitung in ihrer Ausgabe zum 13. August haben Politiker der Linkspartei und solche, die sich dafür halten, mit einem Boykottaufruf geantwortet, der ihnen als schärfste Form der Distanzierung gelten mag.
Wie immer man den IQ der Urheber dieser Kampagne – keine Anzeigen keine Artikel, keine Interviews, kein Platz auf Veranstaltungen usw. – schätzen mag, es kann ihnen nicht entgangen sein, dass diese Zeitungsseite ein entschiedener, scharfer, nicht zu ignorierender Protest gegen ein Geschichtsbild der DDR war, das sich, gesteigert bis zur Hysterie, seit Wochen auf die deutsche Öffentlichkeit ergießt.

Sie können das um so weniger übersehen haben, als ihr eigenes mit eben diesem eine gewisse und mitunter keineswegs entfernte Verwandtschaft aufweist. So galt, wenn auch nicht in erster Linie, diese kritische Attacke auch ihnen. Sie entschieden sich nicht für eine Antwort, mochte sie nach der Devise ausfallen, dass auf einen groben Klotz ein grober Keil gehöre. Vielleicht in Ermangelung eines solchen Keils. Sie entschlossen sich zur Betonung ihrer Verwandtschaft. Denn ihr Boykottaufruf ist zunächst einmal ein Bekenntnis zum nationalen Geschichtsbild, dessen Grundbausteine, soweit es die DDR angeht, Stasi, Spitzel, IM, Mauer, Todesstreifen, Mauertote, Hohenschönhausen bilden.
Je dunkler die Nacht um so klarer selbst noch die momentan etwas verblassenden Sterne in Deutschland einig Vaterland.

Dass der JW-Artikel genutzt wurde, um ein weiteres Signal nach außen zu senden, das etwa – biblisch gesprochen - besagt „Fürchtet Euch nicht“, erschöpft aber die Absicht des Boykottaufrufs nicht. Er ist auch ein Appell an jene, die sich aus den Reihen der eigenen Partei – nicht nur – aber auch in Spalten der Jungen Welt les- und hörbar machen. Praktisch läuft diese Forderung darauf hinaus, ihren Aktionsradius in der Öffentlichkeit einzuschränken. Diese Art von Kontaktverboten hat ihre vielen Vorgeschichten – in der DDR und auch in der deutschen Sozialdemokratie. Doch ist auch das des Pudels Kern nicht.

Mit dem Boykottaufruf ist ein Signal des Sammeln in der Linkspartei ergangen, gerichtet an die verschiedenen Gruppen, Grüppchen und Strömungen, die den definitiven Bruch mit Traditionen und Zielen sozialistischer Bewegungen bewirken wollen. Das Vorkommnis wird ausgebeutet, um die Konfrontationen innerhalb der Partei auf dem Wege zu ihrem Parteitag zu verschärfen. Und so ergibt sich ein Bild, das an das Sprichwort erinnert, das besagt, mitunter ist gar nicht das Sack gemeint, der geschlagen wird, sondern der Esel, der ihn trägt. Es mag Redakteuren und Lesern der JW dieses Bild vom Sack nicht gefallen. Doch lassen sich mit ihm die verschiedensten Assoziationen verbinden und über den Inhalt ist damit ja nichts gesagt.

Prof. Kurt Pätzold
 
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