»Alles, was an Sozialismus erinnert, soll
verschwinden«
Interview der "Jungen
Welt"
mit Prof. Wolfgang Richter vom 12.10.07
Von
Wera Richter
Der
NDR hat sich nach Intervention Ihres Anwalts
Johannes Eisenberg rechtsverbindlich verpflichtet,
ohne Anerkenntnis einer Rechtspflicht »zukünftig
zu unterlassen, zu behaupten oder zu verbreiten,
Stasi-Offiziere hätten die Gesellschaft zum Schutz
von Bürgerrecht und Menschenwürde gegründet«. Dies
war in der Sendung »Anne Will – Unrecht vergeht
nicht: der lange Schatten der DDR« vom 30.
September behauptet worden. Ist die
Unterlassungserklärung für Sie ein Erfolg?
Es ist
für die andere Seite jedenfalls eine Niederlage,
wenn sie de facto zugeben muß, einen so gezielt
falschen Umgang mit der Wahrheit zu pflegen. Das
legt ja den Verdacht nahe, daß es auch andere
Teile der Sendung betrifft.
Was sagen Sie zu dem Vorwurf, die
GBM, also die
Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und
Menschenwürde e.V., sei von »Stasi-Offizieren«
gegründet?
Zunächst steht die Frage, wie der
Sender überhaupt darauf gekommen ist. Was stört
ihn an der GBM, daß er
zur gezielten Lüge greifen muß? Sind es unsere
sieben Weißbücher über die Diskriminierung der
Ostdeutschen, sind es unsere beachteten
Schattenberichte für die UNO zu Stellungnahmen der
Bundesrepublik, von denen zwei weitere zu
Rassismus und zu sozialen Fragen anstehen oder ist
es unser Buch: »Ein neuer Faschismus«?
Werden wir diffaniert, um unsere politischen
Aktivitäten abzuwerten? Denn in der Sache ist der
Vorwurf absurd. Das ist nicht das erste Mal. Wir
haben uns schon gegen das Buch »Stasiland« von
Anna Funder erfolgreich gewehrt und eine
einstweilige Verfügung zur Streichung hanebüchener
Vorwürfe erzielt. Unter den 27 Mitgliedern unserer
Gründungsversammlung war ein Mitarbeiter des
Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR
und auch jemand, auf den der letzte geplante
politische Prozeß der DDR wartete. Vertreter von
Sozialverbänden, Theologen, Künstler,
Wissenschaftler waren dabei. Persönlichkeiten aus
Ost und West, wie Prof. Roland Reich, Prof. Fritz
Vilmar, Wolfgang Harich, Prof. Moritz Mebel, Prof.
Friedrich Jung, Gisela May, Erwin Geschonneck,
Heidrun Hegewald, Käthe Reichel, Jutta Wachowiak,
Barbara Thalheim oder die Pastoren Hans-Jochen
Vogel, Gustav-Adolf Kriener, Christian Keller,
Dieter Frielinghaus und viele mehr, hatten
öffentlich zur Gründung der GBM
aufgerufen.
Bei der Einblendung in der Talkshow
von Anne Will zeigte man die Straßenansicht der
Geschäftsstelle der GBM.
Die Kamera verweilte auf der Losung: »Alle
Menschenrechte für alle Menschen«.
Das
erweckte den Eindruck, als sei das bloß unser
schönes Motto, aber es ist die Losung, unter der
die Menschenrechtskonferenz der UNO 1993 in Wien
stand, an der wir teilgenommen haben. Das sollten
sich die Fernsehsender in ihre Studios hängen,
anstatt sich darüber lustig zu machen. Die
Menschenrechte der UNO-Konventionen sind allen
Menschen von allen Staaten zu gewähren. Dazu
zählen wirklich alle Menschen – auch Offiziere der
Staatssicherheit. Und mehr noch: Das MfS ist in
seiner Geschichte nicht wie das Bundeskriminalamt
oder die Dienste der Bundesrepublik Deutschland
»maßgeblich von früheren SS-Angehörigen geprägt
worden, von Personal aus dem
Reichsicherheitshauptamt, der
Organisationszentrale des Holocaust, sowie von
Leuten, die Polizeikarriere im Dienste von
Massenmord-Kommandos und bei der Geheimen
Feldpolizei im Zweiten Weltkrieg gemacht hatten«,
wie erst jüngst in der Frankfurter Allgemeinen
Zeitung zu lesen war.
In der Sendung wurde auch behauptet, die
GBM sei der Meinung,
»Stasi-Offiziere« sind die eigentlichen Opfer der
Geschichte. Sind sie das?
Schon im deutschen Maßstab hieße es, Millionen zu
verschweigen, wollte man die Verlierer auf diese
Gruppe beschränken. Der Anschluß der DDR war ein
weltpolitisches Ereignis im Kontext einer schweren
historischen Niederlage des Sozialismus. Heute
wird immer sichtbarer – wie Kriege, Sozialraub,
Polarisierung von Arm und Reich sowie
Profitinteresse gegen die dringliche Lösung
drohender globaler Probleme zeigen –, daß der
Kapitalismus keine menschenwürdige Alternative
bietet. Die verstärkten Angriffe der politischen
Klasse auf alles, was links ist, sind Ausdruck
einer tiefen Krise, Hilf- und Ausweglosigkeit der
Herrschenden. Alles, was auch nur im entferntesten
an Sozialismus erinnert, soll verschwinden. Da
kann man wohl nicht noch sonderlich auf
Menschenrechte achten.
Betrachten Sie – wie Ihnen vorgeworfen wurde – die
Medien als eine Art von Siegerjustiz?
Ich
habe zu viele Sendungen gesehen, in denen sich
Medien als eine Art moderne Waffengattung auf
politische Menschenjagd begeben haben, als daß ich
energisch widersprechen könnte. |