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Die Kraft der Solidarität
Aus dem Referat des GBM -Vorsitzenden Prof. Dr.
Wolfgang Richter auf der Delegiertenkonferenz
Zu Beginn des Referats
erinnerte Prof. Richter an die zeitliche Nähe der
Konferenz zum 17. Gründungstag der GBM. „17 Jahre –
das ist etwa ein Viertel unseres bewussten Lebens,
das wir mit und in der GBM verbracht und gekämpft
haben“, erklärte er. „Der wichtigste Wert unseres
Zusammenhalts, der uns Kraft gab und auch Erfolge
brachte, war und ist die Solidarität – eine
Solidarität gegen Diskriminierung und für
Menschenwürde. Das soll auch so bleiben. Ich möchte
allen unseren Mitgliedern und Mitstreitern im Namen
des Vorstands für ihre aktive und selbstlose Tätigkeit
für unsere gemeinsame Sache danken.“ Weiter führte
Prof. Richter aus, „dass sich die GBM mit ihrer
Tätigkeit im Zentrum gewichtiger Auseinandersetzungen
um die Zukunft unseres Landes befindet und dass sie
national wie international an wichtigen
Entscheidungen teilhat“. Die Größe dieser Aufgabe
mache deutlich: „Wir brauchen dringend mächtige
Bündnisse, nationale und internationale Gegenmächte.
Wir benötigen mehr
gemeinsame Aktionen, Projekte, Alternativen und
gemeinsamen Widerstand. Das reicht über unsere
Zusammenarbeit im OKV doch weit hinaus. Das fordert
vor allem auch die Zusammenarbeit mit Organisationen
wie VVN-BdA und allen anderen antifaschistischen
Kräften, mit der Friedensbewegung, den Sozialforen.
Das erfordert auch, stärkeren Kontakt mit anderen
Menschenrechtsorganisationen aufzunehmen und mit allen
linken Parteien, wie klein sie auch sein mögen, wenn
sie nur unsere Ziele verkörpern. Wir wollen nicht den
Streit der Linken fördern, sondern ihre Einheit, ihre
Zusammenarbeit.“ Das erfordere aber auch, über die
Grenzen der Bundesrepublik hinaus tätig zu sein:
gegenüber der UNO über das „Forum Menschenrechte“ und
den Menschenrechtsrat, über das Europäische
Friedensforum und den Weltfriedensrat, über soziale
Bewegungen und das Weltsozialforum, über bilaterale
Beziehungen wie zu ARAC in Frankreich, nicht zuletzt
durch Persönlichkeiten aus unserem Kuratorium und dem
Kreis unserer Menschenrechtspreisträger. Wolfgang
Richter verwies darauf, dass viele von ihnen
angesichts der Angriffe auf unsere Gesellschaft ihre
Solidarität mit ihr bekundeten. „In der
Bezirksverordnetenversammlung von Berlin- Lichtenberg
saßen wir schon vor zwei Jahren einmal auf der
Anklagebank“, erinnerte er, „als der Redner für die
GBM, Dr. Friedrich Wolff, bis nach Mitternacht warten
musste, um überhaupt das Wort zur historischen
Wahrheit über das zu erhalten, was die politische
Strafverfolgung tatsächlich über die DDR, deren Justiz
und über das MfS ans Tageslicht gebracht hatte. Es gab
darunter z.B. keinen einzigen Fall von Folter. Aber es
geht überhaupt nicht darum, irgendetwas in der
Geschichte der DDR zu schönen. Das wollen wir nicht,
und wir brauchen das auch gar nicht.“
Es gehe darum,
Revolutionen objektiv zu bewerten. So seien von der
kubanischen Revolution „nach dem Sieg über den
Faschismus und der Entstehung eines sozialistischen
Lagers die größten Hoffnungen für die Menschheit
ausgegangen“, und deshalb habe ein Revolutionär wie
Fidel Castro den Menschenrechtspreis der GBM erhalten.
„Wie lange hat Kuba nicht der Blockfreienbewegung
vorgestanden, wie viele Staatsoberhäupter haben nicht
Kuba besucht, selbst der Papst! Und da erklären
politisch gänzlich provinzialisierte und verzwergte
CDU- und SPD-Abgeordnete in der BVV Lichtenberg, dass
die GBM keine Rentensprechstunde in öffentlichen
Räumen durchführen soll, weil sie Fidel Castro einen
Menschenrechtspreis verliehen hat!“ CDU und SPD seien
sich nicht zu schade gewesen, sich der Stimmen der
neonazistischen NPD zu bedienen, um die GBM in ihrer
Tätigkeit zu behindern. Dieses Manöver sei knapp
gescheitert. Alles in allem gehe „von Kuba und seinem
Wirken mehr Hoffnung für die Menschheit aus als von
diesen Kräften der BVV Lichtenberg“. Es sei absurd,
dass zum gleichen Zeitpunkt, zu dem die GBM durch den
ehemaligen NATO-Admiral Elmar Schmähling auf der
Weltfriedenskonferenz in Caracas unter großem Beifall
zu einer gesamteuropäischen Friedenskonferenz
anlässlich des bevorstehenden 10. Jahrestags des
NATO-Überfalls auf Jugoslawien aufrufe, der GBM-
Ortsvorsitzende von Lichtenberg „sich die
hämischen Angriffe anhören muss, die auch von der NPD
ausgehen, die ja die öffentlichen Räume in diesem Land
weidlich nutzen darf“.
Am Tag nach der
BVV-Tagung seien „in der Geschäftsstelle der GBM die
Schaufensterscheiben eingeworfen worden“, und zwar
„von zwei Personen mit neun mitgebrachten
Pflastersteinen, worüber wir von der Polizei trotz
Anwältin bis heute nichts erfahren haben, außer von
zwei Zeugen und einem der Täter selbst“. Mit Recht
habe Kuno Füssel in seinem offenen Brief gefragt,
wohin das alles noch führen solle. „Die Steinwürfe am
Tag nach der Niederlage der Antragsteller waren
vielleicht ein Zeichen der Wut, jedenfalls waren sie
politisch motiviert.“ Die im Grundgesetz verbürgte
Meinungsfreiheit scheine in diesem Lande für Neonazis
weit weniger gefährdet als für Linke. Das nach dem
Zweiten Weltkrieg ausgesprochene Gelöbnis „Nie wieder
Krieg, nie wieder Faschismus!“ sei lange nicht so
gefährdet gewesen wie heute. „Wir sind durchaus eine
Organisation auf dem Boden des Grundgesetzes“, betonte
der Redner. „Wir werden uns den damit vorgegebenen
Handlungsrahmen und die dazu gegebenen Möglichkeiten
von keinem konservativen Lager oder von Rechtsextremen
einschränken lassen.“
Wolfgang Richter
erinnerte daran, dass noch vor der Welt-
Menschenrechtskonferenz 1993 in Wien ein Hearing von
19 deutschen Menschenrechtsorganisationen in Bonn
stattfand, das von Regierung und Bundestag „zur
vollständigen Verwirklichung der Menschenrechte im
vereinigten Deutschland“ unter anderem forderte,• die
Verfassung um das Recht eines jeden Bürgers auf
soziale Sicherheit zu ergänzen, ein gesichertes
Existenzminimum zu garantieren, das Recht auf Arbeit
zu schützen und zu sichern,
• jedwede
Diskriminierung im Beruf zu beseitigen, wie etwa
Benachteiligung von Frauen, Berufsverbote im
öffentlichen Dienst, Nichtanerkennung von Dienstjahren
aus politischen Gründen, Wahrung der Rechte von
Behinderten,
• die Arbeits- und
Lebensbedingungen im Geltungsbereich des Grundgesetzes
(also zwischen Ost und West) dadurch anzugleichen,
dass die Renten in einem übersehbaren und planbaren
Zeitraum auf dasselbe Niveau gebracht werden und dass
Diskriminierung durch das Rentenrecht (Rentenrecht in
den neuen Bundesländern als Rentenstrafrecht!)
ausgeschlossen wird. Gemeinsam forderten 1993 die
Menschenrechtsorganisationen ferner, dass
• die Diskriminierung
von Mietern, Pächtern und Immobilieneigentümern
verhindert wird (gegen „Rückgabe vor Entschädigung“!),
• gleiche Chancen auf
Bildung und auf eine angemessene Teilnahme am
kulturellen Leben gewährleistet werden, zum Beispiel
durch die Sicherung der kulturellen Substanz in den
neuen Bundesländern.
Das alles seien
Forderungen gegen Vereinigungsunrecht. „Die Parteien
jedoch, die seitdem an der Regierung waren, haben
diese von den Menschenrechtsorganisationen gemeinsam
erhobenen und bis heute aktuellen Forderungen nicht
realisiert, sondern boykottiert“, fuhr Wolfgang
Richter fort und kritisierte „den Gegensatz von
Menschenrechts-Rhetorik und tatsächlicher Politik“.
Bestätigt habe sich die 1993 getroffene Feststellung,
„dass Deutschland in menschenrechtlicher Hinsicht ein
Entwicklungsland ist“. In diesem Zusammenhang nannte
der Referent die deutsche Beteiligung an
Angriffskriegen, „die immer weiter aufklaffende Schere
zwischen Arm und Reich und den Schäubleschen
Sicherheitsstaat“. Die gegenwärtig vorbereitete
Gesamteuropäische Friedenskonferenz solle unter
anderem zur Widerlegung der Konstruktion der
„humanitären Intervention“ beitragen, die den
Jugoslawien- Krieg rechtfertigen sollte und nach dem
Willen der USA ein Bestandteil des Völkerrechts werden
solle. Schon Hitler habe in „Mein Kampf“ geschrieben:
„Menschenrecht bricht Staatsrecht“ und damit seine
Politik der „Fünften Kolonnen“ gerechtfertigt. Jetzt
werde dies Konzept benutzt, um die Sezession des
Kosovo zu begründen, und wegen Tibet gegen China in
Ansatz gebracht, aber auch gegen Myanmar, um „das
Recht des Stärkeren“ zu besiegeln. Niemandem wäre es
eingefallen, die USA zu überfallen, als sie bei der
Überflutung von New Orleans die Hilfsangebote von
Kuba, Venezuela und Frankreich ablehnten. Dem
Menschenrechtsausschuss und jetzt dem
Menschenrechtsrat der UNO habe die GBM eine Reihe von
Stellungnahmen zu Menschenrechtsproblemen in
Deutschland, besonders in Ostdeutschland übergeben.
Vorbereitet sei eine neue, bereits die dritte
Stellungnahme zur Verwirklichung der
Antirassismus-Konvention. Darin unterstütze die GBM
unter anderem die Forderung nach einem Verbot der NPD
und verlange eine antifaschistische Klausel im
Grundgesetz.
Seit ihrer Gründung
habe die GBM auf dem Gebiet der Sozialpolitik viel für
die Rentner getan, sowohl durch den politischen Kampf,
durch Kundgebungen, Demonstrationen,
Unterschriftensammlungen und Protestbriefe, wie auch
auf dem Rechtsweg, ob durch Widerspruchs- und
Prozessbegleitung oder durch viele Stellungnahmen für
das Bundesverfassungsgericht. In ihrem Vorschlag zur
Reform der sozialen Sicherungssysteme „geht es nicht
um eine weitere ständige Kürzung der Leistungen,
sondern um eine Stärkung der Sozialsysteme und des
Solidarprinzips und um eine Entlastung der so
genannten Arbeitnehmerbeiträge“, führte Prof. Richter
aus. „Allein schon die baldige Rentenanpassung Ost an
West wäre für uns auch ein Teil einer tatsächlich
wirksamen Gesundheitsreform.“ Einen besonderen Beitrag
habe die GBM in der „Geschichtsdebatte“ geliefert.
„Jeder von uns weiß: Der Sozialismus in der DDR wies
Licht und Schatten auf. Das ist wohl überall auf
dieser Welt so. Niemand will die Schattenseiten
verklären; aber mit verständlichem Unmut reagieren
Menschen, denen ihre Lebensleistung insgesamt als
unwert dargestellt wird. Das aber ist die
Grundstimmung bei der übergroßen Mehrzahl unserer
Mitglieder und der uns nahe stehenden Bürger.“
Wolfgang Richter sprach sich dafür aus, Geschichte
sachlich darzustellen und zu bewerten – unbeschönigt,
aber auch unverzerrt. Politisch zweckbestimmte
Vorgaben wie bei der neuen Gedenkstätten- Konzeption
der Bundesregierung seien dafür ungeeignet. „Sie setzt
Faschismus und Sozialismus gleich, um jeden Ansatz zu
neuem Sozialismus zu verhindern.“ Die Gedenktage in
diesem und im nächsten Jahr „werden neue, heftige
Auseinandersetzungen über die jüngere und jüngste
deutsche Vergangenheit und damit auch über Gegenwart
und Zukunft zur Folge haben, und auch dafür wollen wir
uns rüsten.“ Wichtige und erfolgreiche Arbeit leiste
die GBM auf dem Gebiet der Kultur. „Auch das gehört zu
unserem Kampf um Menschenrechte“, unterstrich Wolfgang
Richter.
„Die Kunstszene der DDR
ist in ihrem historisch gewachsenen Reichtum, in all
ihren Widersprüchen, auch zwischen Geist und Macht, in
all ihren Facetten ein unverzichtbarer Teil der
deutschen Nationalkultur. Wer auf diesen in vierzig
Jahren gewachsenen Reichtum bewusst oder unbewusst
verzichtet, der beschneidet die deutsche Kultur als
Ganzes und stellt sich letztlich gegen die innere
Einheit der Deutschen, von der so viel die Rede ist.“
Zur GBM gehöre schon immer Solidaritätsarbeit. Aus der
Solidaritätsbewegung während und nach dem
Angriffskrieg der USA und der NATO gegen Jugoslawien
sei unser Arbeitskreis „Solidarität“ hervorgegangen,
der gemeinsam mit dem Arbeitskreis „Kultur- und
Bildungsreisen“ jetzt eine Busreise nach Kragujevac im
zehnten Jahr unserer Patenschaft für das dortige
Kinderheim „Mladost“ vorbereite. In diesem
Zusammenhang würdigte der GBM-Vorsitzende auch die
hervorragende Aktivität des zuletzt genannten
Arbeitskreises, der zahlreiche Exkursionen mit
tausenden Teilnehmern unter dem Motto „Reisen mit
Gleichgesinnten“ veranstaltet habe.
Die Monatszeitung der
GBM bewähre sich „ als Bindeglied zwischen dem
Vorstand und den Mitgliedern, die ja nicht jünger
werden, aber mit unserer Organisation verbunden
bleiben wollen. Die Zeitung informiert sie über unser
Wollen und Wirken, und der Zeitung teilen sie ihre
Gedanken und Erfahrungen mit.“ Die Ortsverbände
sollten noch öfter in der Zeitung über ihre Tätigkeit
berichten. Lobendes lasse sich auch über die
GBM-Vierteljahreszeitschrift ICARUS sagen. Mit der
GBM- Internetseite sei ein neues Medium entstanden;
die Nutzung steige weiter. Damit sei eine effektive
Möglichkeit gegeben, „die Mitglieder und eine breite
Öffentlichkeit zeitnah über uns, unsere Aktivitäten
und Ziele zu informieren“. Vor allem die Ortsverbände
bewirkten den Zusammenhalt innerhalb der GBM,
unterstrich Prof. Richter. Herzlich dankte er allen
Mitgliedern, die seinen Brief „An die
Solidargemeinschaft der GBM“ mit Spenden in Höhe von
fast 20 000 Euro beantworteten. Das ermögliche es,
unsere Aktivitäten in diesem Jahr ohne Einschränkung
weiterzuführen. „Je älter wir gemeinsam werden“,
schloss der Redner, „desto deutlicher wird, wie sehr
wir einander brauchen. Halten wir aneinander fest! Die
Ziele werden mit unserem Alter nicht kleiner – sie
spornen uns an, immer wieder neu zuzupacken.“ |
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