Pfarrer Dr. Dieter Frielinghaus
Die Position von Christen zur DDR
Es gibt vielerlei Arten von Christen. Manche
wollen es ausdrücklich sein und beteiligen sich
auch am kirchlichen Leben. Diese fasse ich im
Folgenden vornehmlich in den Blick.
Sie hatten es schon mit sich selber schwer, eine
eigene Position zur DDR zu finden, und es wurde
ihnen noch dazu von mehreren Seiten schwer
gemacht.
Die meisten wollten anfänglich nur wissen, was
„die Kirche“ dazu sagt. Und die war gegen den
Sozialismus der DDR wie gegen jeden weiteren
konkreten Sozialismus auch. Nicht, dass sie dies
groß zum Inhalt ihrer Predigt gemacht hat, es
verstand sich einfach von selbst,
Nebenbemerkungen reichten aus. Falls jemand die
Frage direkt stellte, belehrte ihn der Pfarrer,
die Kirche mache keine Politik, der Christ müsse
selber entscheiden.
Nur, die Christen waren nicht gewohnt zu fragen:
was will der Glaube, was sagt Jesus, was steht
geschrieben, wie also habe ich, wie haben wir zu
entscheiden? Trat aber in der Kirchengemeinde
eine/r auf und sagte: Weil wir früher die
sozialen Pflichten vernachlässigt haben, die uns
jetzt abverlangt werden, weil wir den Krieg für
unvermeidlich und sogar für gut gehalten haben,
während wir ihn nun verhindern sollen, darum
will ich in der sozialistischen Gesellschaft
mitarbeiten – dann wurde dieser Mensch von den
Brüdern und Schwestern wie ein Sittenloser
angesehen.
Nach der Verdrängung und Abwanderung der
Arbeiterschaft aus der Kirche schon im 19.
Jahrhundert waren die meisten Christen ohnehin
bürgerlicher Herkunft. Sie empfanden ihre
Bindung an die Kirche und die an die bürgerliche
Klasse als ein und dasselbe. Sie orientierten
sich ausschließlich am „Westen“. Infolgedessen
lehnten sie fast automatisch jeden
sozialisti-schen Schritt als „typisch östlich“
ab. Nicht selten kannten sie nicht einmal die
Nachrichten der eigenen Seite, die das in ihren
Augen ja auch gar nicht war. Ihre Seite war die
andere, deren Sicht sie kritiklos aufnahmen.
Hatten die Christen es infolge der kirchlichen
Stimmung sowie ihrer bürgerlichen Gewohnheit
schwer mit der DDR, so hat auch diese ihrerseits
es ihnen schwer gemacht. Nach dem eben Erwähnten
und erst recht nach der langen Geschichte der
Kirche auf Seiten der Besitzenden ist das mehr
als verständlich. Schwer verständlich dagegen,
dass nur wenige Christen darüber nachdenken
wollten. Mögen die Bestimmenden in der DDR
Christen abgewiesen oder ihnen misstraut haben,
andererseits sind sie ihnen nach Absicht und Tat
in großer Offenheit entgegengekommen. Wer
wollte, konnte das sehen und erfahren. Trotz und
wegen der Konzentrationslager, wo sie andere als
antikommunistische Christen erlebt hatten,
hielten die Kommunis-ten die Christen wie alle
anderen erst einmal ohne weiteres für gute
Menschen. Sie trauten ihnen Gutes zu, erwarteten
es dann allerdings auch von ihnen.
Bis heute halte ich es für beschämend, mit welch
beleidigendem Misstrauen die Kirchen und ihr
folgende Christen dieser Bereitschaft
entgegengetreten sind. Zugleich haben sie
diejenigen, die der Einladung folgten, als
Feiglinge angesehen, die von unehrlichen Leuten
Privilegien nahmen. Pfarrer, die im Friedensrat
mitarbeiteten, wurden als „Friedenspfarrer“
bezeichnet, und das verstanden die Christen
kopfnickend als das Schimpfwort, als das es
gemeint war.
Eine andere Art Privilegien beanspruchte die
Kirche selbstredend, ohne zu beachten, wie sehr
sie sich erniedrigte. Sie stellte ihr
materielles Leben auf den „Westen“. Dort wollte
man sich das auch ausgebeten haben. Die Christen
in der DDR sollten in der Überzeugung leben,
ihre Existenz hänge an den Feinden der DDR. Dass
ihre Kirche damit auch in kriminelle Handlun-gen
der anderen Seite verstrickt wurde, wussten
nicht alle Christen, aber viele, darunter die,
die es nicht wissen wollten, aber billigten. So
gab die Kirche die Reste christlicher Freiheit
auf in dem ersten Staat, der von ihr keine
religiöse Weihe beanspruchte und ihr damit
faktisch erstmalig die Freiheit gegenüber dem
Staate gelassen hatte.
Teils bald, teils quälend langsam und ungenau
merkten Christen und Kirchen, dass ihre
Auffassung von der DDR nicht stimmte.
Am ersten vielleicht merkten sie es an der allzu
durchsichtigen antikommunistischen Agitation.
Die Kommunisten fraßen keine Christen. An dem
Ausdruck, für den ich mich entschuldige, hängt
nur wenig Karikatur. Schon in kirchlichen
Broschüren antibolschewistischen Inhalts der
Zwanzigerjahre wird den Christen für den Fall
der Fälle ihre physische Vernichtung
vorausgesagt. Dazu gab es einmal eine bewegende
ungarische Kontrastvariante. Ein nicht kleiner
evangelischer Kreis dieses Landes war 1944/45
davon überzeugt: Nach unseren
nationalchauvinistischen und judenfeindlichen
Taten hatten sie das Recht, uns umzubringen, sie
haben es nicht getan. So fing die Bekehrung
eines Teils der dortigen Kirche zur
Zusammenarbeit mit den Kommunisten an. Auch in
Ungarn spricht heute kaum noch ein Christ
davon...
Weitere Beispiele, an denen die Christen
erkennen mussten, dass die von ihnen bevorzugten
Medien logen: Die Gottesdienste wurden weder
untersagt noch beeinflusst. Die Kommunisten
pflegten einen hohen kulturellen Standard ganz
im Gegensatz zu der bürgerlichen Diffamierung
ihrer Kulturlosigkeit. Der sozialistische Staat
propagierte den Frieden, er plante keine
militärischen Angriffe. Man wollte es nicht,
musste es ihm aber fast glauben: Die Abrüstung
war ihm selber lebensnotwendig. Darum gönnte man
sie ihm noch nicht, obwohl die Rüstungswut des
Westens auch die Christen beunruhigte.
Als die Befreiungskämpfe der Völker Asiens,
Afrikas und Lateinamerikas zunahmen, taten die
Kirchen und Christen einen Schritt der
Annäherung an den Sozialismus. Ihre 1958
eingeführte jährliche Sammlung „Brot für die
Welt“ stieß sie auf ein Weltproblem, das, wie
ein Bischof formulierte, „wir früher so nicht
gewusst haben“. Die Kommunisten allerdings
hatten es seit langem gewusst und gesagt. Nun
dämmerte den Christen die Erkenntnis von der
Schuld des Imperialismus und von der möglichen
Lösung des Problems durch den Sozialismus.
Lieber blieb ihnen dennoch der Wunsch, ihre
Almosen möchten es richten. Der zu laute und
sachlich falsche Name der Spendenaktion ist bis
heute nicht überdacht worden.
Nicht wenig wurde unternommen, die Christen und
nicht zuletzt ihre Pastöre an die Hand zu nehmen
und zu freundlicher Einsicht zu leiten. Dazu
wirkten erst der Friedensrat und dann die
Nationale Front. Staatliche und kommunale
Stellen richteten halbwegs regelmäßige Treffen
ein, wo sie Erfolge, Pläne und Schwierigkeiten
darlegten und Hilfe erbaten. So wurde zumindest
teilweises Verständnis zumal zu lokalen Fragen
erzielt.
Mehr spezifisch an die zur Kirche gehörenden
Bürger wendete sich die CDU. So konnten
sozialistische Gedanken in die
Gemeindekirchenräte, umgekehrt allerdings auch
mürrische Reden über die DDR in die
Grundorganisationen der CDU geraten.
Theologische Aktivitäten, die Christen frei zum
Sozialismus zu machen, wurden offensichtlich von
der Kirche, aus der sie kamen, am gefährlichsten
empfunden. Sie schwieg darüber, als ob sie nie
davon gehört hätte, unter der Hand aber
verpasste sie Invektiven weniger gegen Lehren
als gegen Lehrer. Ich nenne Emil Fuchs und
Hanfried Müller. Emil Fuchs stand für die
Bewegung des Religiösen Sozialismus mit ihrem
Kampf gegen den Faschismus schon in der Weimarer
Republik. Hanfried Müller und der Weißenseer
Arbeitskreis versuchten das Erbe der Bekennenden
Kirche zu aktivieren, die sich gegen das
Eindringen des Nationalsozialismus in die
Verkündigung und die Ordnung der Kirche gewehrt
und dabei zu Teilen auch politisch gegen den
Faschismus gekämpft hatte, es sei zuvörderst an
Dietrich Bonhoeffer erinnert. Müller und Fuchs
standen bei persönlich gegenseitiger Verehrung
und gesellschaftlich gleicher Einstellung
theologisch im Gegensatz zueinander. Ich meine,
dass hier nicht von Theologengezänk gesprochen
werden darf. Müller fürchtete, der Religiöse
Sozialismus, der mit Recht gegen das alte
Unwesen stritt, die Nation zum Inhalt des
christlichen Glaubens zu machen, wolle
stattdessen Glauben und Sozialismus
zusammenbinden. Dies verdränge die Mitte des
Glaubens, die Liebe zu Gott und die Liebe zu den
Menschen, die nicht an die Bedingung geknüpft
sein darf, sie religiös zu dirigieren. Einer
kirchlichen Verlautbarung „Von Freiheit und
Dienst der Kirche“, welche die Freiheit von der
DDR meinte, stellte der Weißenseer Arbeitskreis
das Wort „Von der Freiheit der Kirche zum
Dienen“ gegenüber. Diese Freiheit schloss die
Freiheit zur DDR ein.
Der Staat war nicht glücklich bei der orthodoxen
Theologie des am konsequentesten marxistischen
seiner christlichen Bürger. Aber das Kriterium
der Praxis zeigt, dass gerade er und seine
Freunde am unbeirrtesten zum Sozialismus und zur
DDR standen und stehen und die ge-genwärtige
Niederlage von Anfang an und ohne Unterbrechung
als Konterrevolution gekennzeichnet haben. Von
einer Menge christlicher Freunde der DDR können
wir ganz wie von vielen scheinbar gestandenen
Kommunisten nur fragen: Wo sind sie geblieben?
Lassen wir das Wort „ Freunde“ beiseite. Wie
alle im Sozialismus eine Entwicklung
durchgemacht haben, so auch die Kirche. Und sie
hat vielfach bezeugt, dazu zu stehen. „Kirche im
Sozialismus“ lautete zusamt der Auslegung:
„nicht gegen, nicht neben, sondern im
Sozialismus“. „Nicht neben“ hieß: Wir sind nicht
nur faktisch hier, als ob wir sonst nichts oder
nur notgedrungen miteinander zu tun hätten.
„Nicht gegen“ hieß: Der Staat ist nicht allein
anerkannt als Obrigkeit, sondern auch akzeptiert
mit seiner Grundlage. „In diesem sozialistischen
Staat“, betonte noch zwei oder drei Tage nach
der Abwahl Erich Honeckers der Leitende Bischof
bei dessen Nachfolger Egon Krenz. Am Sonntag
darauf predigte er in seiner Bischofs-kirche das
Gegenteil. Es ist nicht überliefert, dass jemand
aus der andächtigen Gemeinde gerufen hätte: „Wie
nun?“
Und das hat sich hundertfach wiederholt. Sie
rühmen sich, sie feiern sich, sie verspüren
weiter kein Entsetzen bei dem Abbau sozialer
Sicherungen noch beim Führen imperialistischer
Kriege, sie legen ihre Memoiren vor: Wir waren
dabei, als die DDR hinweggefegt wurde, ach was,
wir haben es selber gemacht. Und keiner schreit:
So habt ihr also gelogen und betrogen.
Es ist noch schlimmer gekommen. Es gab einmal,
in der Bundesrepublik sowie westlich von ihr,
weit mehr als in der DDR, eine Fülle
christlicher Publikationen zu gesellschaftlicher
Einkehr, die alle darlegten, dass „wir“ zwar den
Kommunismus keineswegs wollen noch wollen
dürfen, dass wir aber als Bürgertum wie als
Kirche die Schuld an seinem Aufkommen tragen und
gesellschaftlich mit allem Ernst umzukehren
haben. Viele Christen gerade in der
Bundesrepublik haben sich dadurch in ihrem
Glauben herausgefordert gefühlt. Ihre Kontakte
zu Verwandten und Freunden in der DDR haben
solche Einsichten vertieft und nicht wenige von
ihnen zu aufmerksamen Freunden der DDR gemacht.
Dies haben sie auch öffentlich ausgesprochen.
Diese Literatur, diese Selbstkritik und
Selbstverpflichtung, diese Leute selber sind
gleichsam über Nacht nahezu verschwunden. Eine
Menge langjähriger Freundschaften sind nicht
eigentlich zerbrochen, sondern einfach weg
gebrochen.
Erklären kann ich mir das nicht. Aber ich habe
einige Vermutungen. Großen Anteil hat sicherlich
die raffiniert wirksame Propaganda der „Sieger“.
Sie hat im Handumdrehen durchgesetzt, dass
jeder, dem sein Einsatz für den Sozialismus
nicht Leid tut, bei seinen nun so demokratischen
Mitmenschen nicht etwa als Andersdenkender,
sondern als Geheimagent gilt: Ihr seid „Stasi“!
Natürlich will das niemand den bisherigen guten
Freunden ins Gesicht sagen.
Ferner hat die seit Mitte der achtziger Jahre
lebhafte ökumenische Bewegung für
„Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der
Schöpfung“ mit der „Wende“ eine bezeichnende
Wende erfahren. In imperialistischer Sicht sind
diese Dinge bei der Kirche am besten aufgehoben.
Man kann darüber sprechen, ohne dass etwas
passiert und ohne dass dies von den Gläubigen
sogleich bemerkt wird.
Die Kirche wird bei immer weniger Zuspruch mit
immer mehr gesellschaftlicher Macht
ausgestattet. Dies kann manchem Christenmenschen
schön etwas eintragen und vor allem ihm
Wichtigkeit verleihen, die früherem Engagement
sogar ähnlich scheint.
Christlich gesprochen ist dies keine
begeisternde Bilanz. Aber die Rechnung geht
nicht ganz auf. Unter den Christen in den „neuen
Bundesländern“ finden sich genauso viele wie
unter den anderen mit dem wiederholten
Aha-Erlebnis: „Es stimmt ja, was sie uns früher
gelehrt haben.“ Diese sind dem Sozialismus
näher, als sie sich klarmachen. Sie sind
gebildeter. Es lohnt sich, ihnen ans Herz zu
legen, dass die Überwindung von Verbrechen
Zukunft öffnet.