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Kolloquium  60 Jahre Gründung der DDR

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Pfarrer Dr. Dieter Frielinghaus

Die Position von Christen zur DDR

Es gibt vielerlei Arten von Christen. Manche wollen es ausdrücklich sein und beteiligen sich auch am kirchlichen Leben. Diese fasse ich im Folgenden vornehmlich in den Blick.
Sie hatten es schon mit sich selber schwer, eine eigene Position zur DDR zu finden, und es wurde ihnen noch dazu von mehreren Seiten schwer gemacht.
Die meisten wollten anfänglich nur wissen, was „die Kirche“ dazu sagt. Und die war gegen den Sozialismus der DDR wie gegen jeden weiteren konkreten Sozialismus auch. Nicht, dass sie dies groß zum Inhalt ihrer Predigt gemacht hat, es verstand sich einfach von selbst, Nebenbemerkungen reichten aus. Falls jemand die Frage direkt stellte, belehrte ihn der Pfarrer, die Kirche mache keine Politik, der Christ müsse selber entscheiden.
Nur, die Christen waren nicht gewohnt zu fragen: was will der Glaube, was sagt Jesus, was steht geschrieben, wie also habe ich, wie haben wir zu entscheiden? Trat aber in der Kirchengemeinde eine/r auf und sagte: Weil wir früher die sozialen Pflichten vernachlässigt haben, die uns jetzt abverlangt werden, weil wir den Krieg für unvermeidlich und sogar für gut gehalten haben, während wir ihn nun verhindern sollen, darum will ich in der sozialistischen Gesellschaft mitarbeiten – dann wurde dieser Mensch von den Brüdern und Schwestern wie ein Sittenloser angesehen.
Nach der Verdrängung und Abwanderung der Arbeiterschaft aus der Kirche schon im 19. Jahrhundert waren die meisten Christen ohnehin bürgerlicher Herkunft. Sie empfanden ihre Bindung an die Kirche und die an die bürgerliche Klasse als ein und dasselbe. Sie orientierten sich ausschließlich am „Westen“. Infolgedessen lehnten sie fast automatisch jeden sozialisti-schen Schritt als „typisch östlich“ ab. Nicht selten kannten sie nicht einmal die Nachrichten der eigenen Seite, die das in ihren Augen ja auch gar nicht war. Ihre Seite war die andere, deren Sicht sie kritiklos aufnahmen.
Hatten die Christen es infolge der kirchlichen Stimmung sowie ihrer bürgerlichen Gewohnheit schwer mit der DDR, so hat auch diese ihrerseits es ihnen schwer gemacht. Nach dem eben Erwähnten und erst recht nach der langen Geschichte der Kirche auf Seiten der Besitzenden ist das mehr als verständlich. Schwer verständlich dagegen, dass nur wenige Christen darüber nachdenken wollten. Mögen die Bestimmenden in der DDR Christen abgewiesen oder ihnen misstraut haben, andererseits sind sie ihnen nach Absicht und Tat in großer Offenheit entgegengekommen. Wer wollte, konnte das sehen und erfahren. Trotz und wegen der Konzentrationslager, wo sie andere als antikommunistische Christen erlebt hatten, hielten die Kommunis-ten die Christen wie alle anderen erst einmal ohne weiteres für gute Menschen. Sie trauten ihnen Gutes zu, erwarteten es dann allerdings auch von ihnen.
Bis heute halte ich es für beschämend, mit welch beleidigendem Misstrauen die Kirchen und ihr folgende Christen dieser Bereitschaft entgegengetreten sind. Zugleich haben sie diejenigen, die der Einladung folgten, als Feiglinge angesehen, die von unehrlichen Leuten Privilegien nahmen. Pfarrer, die im Friedensrat mitarbeiteten, wurden als „Friedenspfarrer“ bezeichnet, und das verstanden die Christen kopfnickend als das Schimpfwort, als das es gemeint war.
Eine andere Art Privilegien beanspruchte die Kirche selbstredend, ohne zu beachten, wie sehr sie sich erniedrigte. Sie stellte ihr materielles Leben auf den „Westen“. Dort wollte man sich das auch ausgebeten haben. Die Christen in der DDR sollten in der Überzeugung leben, ihre Existenz hänge an den Feinden der DDR. Dass ihre Kirche damit auch in kriminelle Handlun-gen der anderen Seite verstrickt wurde, wussten nicht alle Christen, aber viele, darunter die, die es nicht wissen wollten, aber billigten. So gab die Kirche die Reste christlicher Freiheit auf in dem ersten Staat, der von ihr keine religiöse Weihe beanspruchte und ihr damit faktisch erstmalig die Freiheit gegenüber dem Staate gelassen hatte.
Teils bald, teils quälend langsam und ungenau merkten Christen und Kirchen, dass ihre Auffassung von der DDR nicht stimmte.
Am ersten vielleicht merkten sie es an der allzu durchsichtigen antikommunistischen Agitation. Die Kommunisten fraßen keine Christen. An dem Ausdruck, für den ich mich entschuldige, hängt nur wenig Karikatur. Schon in kirchlichen Broschüren antibolschewistischen Inhalts der Zwanzigerjahre wird den Christen für den Fall der Fälle ihre physische Vernichtung vorausgesagt. Dazu gab es einmal eine bewegende ungarische Kontrastvariante. Ein nicht kleiner evangelischer Kreis dieses Landes war 1944/45 davon überzeugt: Nach unseren nationalchauvinistischen und judenfeindlichen Taten hatten sie das Recht, uns umzubringen, sie haben es nicht getan. So fing die Bekehrung eines Teils der dortigen Kirche zur Zusammenarbeit mit den Kommunisten an. Auch in Ungarn spricht heute kaum noch ein Christ davon...
Weitere Beispiele, an denen die Christen erkennen mussten, dass die von ihnen bevorzugten Medien logen: Die Gottesdienste wurden weder untersagt noch beeinflusst. Die Kommunisten pflegten einen hohen kulturellen Standard ganz im Gegensatz zu der bürgerlichen Diffamierung ihrer Kulturlosigkeit. Der sozialistische Staat propagierte den Frieden, er plante keine militärischen Angriffe. Man wollte es nicht, musste es ihm aber fast glauben: Die Abrüstung war ihm selber lebensnotwendig. Darum gönnte man sie ihm noch nicht, obwohl die Rüstungswut des Westens auch die Christen beunruhigte.
Als die Befreiungskämpfe der Völker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas zunahmen, taten die Kirchen und Christen einen Schritt der Annäherung an den Sozialismus. Ihre 1958 eingeführte jährliche Sammlung „Brot für die Welt“ stieß sie auf ein Weltproblem, das, wie ein Bischof formulierte, „wir früher so nicht gewusst haben“. Die Kommunisten allerdings hatten es seit langem gewusst und gesagt. Nun dämmerte den Christen die Erkenntnis von der Schuld des Imperialismus und von der möglichen Lösung des Problems durch den Sozialismus. Lieber blieb ihnen dennoch der Wunsch, ihre Almosen möchten es richten. Der zu laute und sachlich falsche Name der Spendenaktion ist bis heute nicht überdacht worden.
Nicht wenig wurde unternommen, die Christen und nicht zuletzt ihre Pastöre an die Hand zu nehmen und zu freundlicher Einsicht zu leiten. Dazu wirkten erst der Friedensrat und dann die Nationale Front. Staatliche und kommunale Stellen richteten halbwegs regelmäßige Treffen ein, wo sie Erfolge, Pläne und Schwierigkeiten darlegten und Hilfe erbaten. So wurde zumindest teilweises Verständnis zumal zu lokalen Fragen erzielt.
Mehr spezifisch an die zur Kirche gehörenden Bürger wendete sich die CDU. So konnten sozialistische Gedanken in die Gemeindekirchenräte, umgekehrt allerdings auch mürrische Reden über die DDR in die Grundorganisationen der CDU geraten.
Theologische Aktivitäten, die Christen frei zum Sozialismus zu machen, wurden offensichtlich von der Kirche, aus der sie kamen, am gefährlichsten empfunden. Sie schwieg darüber, als ob sie nie davon gehört hätte, unter der Hand aber verpasste sie Invektiven weniger gegen Lehren als gegen Lehrer. Ich nenne Emil Fuchs und Hanfried Müller. Emil Fuchs stand für die Bewegung des Religiösen Sozialismus mit ihrem Kampf gegen den Faschismus schon in der Weimarer Republik. Hanfried Müller und der Weißenseer Arbeitskreis versuchten das Erbe der Bekennenden Kirche zu aktivieren, die sich gegen das Eindringen des Nationalsozialismus in die Verkündigung und die Ordnung der Kirche gewehrt und dabei zu Teilen auch politisch gegen den Faschismus gekämpft hatte, es sei zuvörderst an Dietrich Bonhoeffer erinnert. Müller und Fuchs standen bei persönlich gegenseitiger Verehrung und gesellschaftlich gleicher Einstellung theologisch im Gegensatz zueinander. Ich meine, dass hier nicht von Theologengezänk gesprochen werden darf. Müller fürchtete, der Religiöse Sozialismus, der mit Recht gegen das alte Unwesen stritt, die Nation zum Inhalt des christlichen Glaubens zu machen, wolle stattdessen Glauben und Sozialismus zusammenbinden. Dies verdränge die Mitte des Glaubens, die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Menschen, die nicht an die Bedingung geknüpft sein darf, sie religiös zu dirigieren. Einer kirchlichen Verlautbarung „Von Freiheit und Dienst der Kirche“, welche die Freiheit von der DDR meinte, stellte der Weißenseer Arbeitskreis das Wort „Von der Freiheit der Kirche zum Dienen“ gegenüber. Diese Freiheit schloss die Freiheit zur DDR ein.
Der Staat war nicht glücklich bei der orthodoxen Theologie des am konsequentesten marxistischen seiner christlichen Bürger. Aber das Kriterium der Praxis zeigt, dass gerade er und seine Freunde am unbeirrtesten zum Sozialismus und zur DDR standen und stehen und die ge-genwärtige Niederlage von Anfang an und ohne Unterbrechung als Konterrevolution gekennzeichnet haben. Von einer Menge christlicher Freunde der DDR können wir ganz wie von vielen scheinbar gestandenen Kommunisten nur fragen: Wo sind sie geblieben?
Lassen wir das Wort „ Freunde“ beiseite. Wie alle im Sozialismus eine Entwicklung durchgemacht haben, so auch die Kirche. Und sie hat vielfach bezeugt, dazu zu stehen. „Kirche im Sozialismus“ lautete zusamt der Auslegung: „nicht gegen, nicht neben, sondern im Sozialismus“. „Nicht neben“ hieß: Wir sind nicht nur faktisch hier, als ob wir sonst nichts oder nur notgedrungen miteinander zu tun hätten. „Nicht gegen“ hieß: Der Staat ist nicht allein anerkannt als Obrigkeit, sondern auch akzeptiert mit seiner Grundlage. „In diesem sozialistischen Staat“, betonte noch zwei oder drei Tage nach der Abwahl Erich Honeckers der Leitende Bischof bei dessen Nachfolger Egon Krenz. Am Sonntag darauf predigte er in seiner Bischofs-kirche das Gegenteil. Es ist nicht überliefert, dass jemand aus der andächtigen Gemeinde gerufen hätte: „Wie nun?“
Und das hat sich hundertfach wiederholt. Sie rühmen sich, sie feiern sich, sie verspüren weiter kein Entsetzen bei dem Abbau sozialer Sicherungen noch beim Führen imperialistischer Kriege, sie legen ihre Memoiren vor: Wir waren dabei, als die DDR hinweggefegt wurde, ach was, wir haben es selber gemacht. Und keiner schreit: So habt ihr also gelogen und betrogen.

Es ist noch schlimmer gekommen. Es gab einmal, in der Bundesrepublik sowie westlich von ihr, weit mehr als in der DDR, eine Fülle christlicher Publikationen zu gesellschaftlicher Einkehr, die alle darlegten, dass „wir“ zwar den Kommunismus keineswegs wollen noch wollen dürfen, dass wir aber als Bürgertum wie als Kirche die Schuld an seinem Aufkommen tragen und gesellschaftlich mit allem Ernst umzukehren haben. Viele Christen gerade in der Bundesrepublik haben sich dadurch in ihrem Glauben herausgefordert gefühlt. Ihre Kontakte zu Verwandten und Freunden in der DDR haben solche Einsichten vertieft und nicht wenige von ihnen zu aufmerksamen Freunden der DDR gemacht. Dies haben sie auch öffentlich ausgesprochen.
Diese Literatur, diese Selbstkritik und Selbstverpflichtung, diese Leute selber sind gleichsam über Nacht nahezu verschwunden. Eine Menge langjähriger Freundschaften sind nicht eigentlich zerbrochen, sondern einfach weg gebrochen.
Erklären kann ich mir das nicht. Aber ich habe einige Vermutungen. Großen Anteil hat sicherlich die raffiniert wirksame Propaganda der „Sieger“. Sie hat im Handumdrehen durchgesetzt, dass jeder, dem sein Einsatz für den Sozialismus nicht Leid tut, bei seinen nun so demokratischen Mitmenschen nicht etwa als Andersdenkender, sondern als Geheimagent gilt: Ihr seid „Stasi“! Natürlich will das niemand den bisherigen guten Freunden ins Gesicht sagen.
Ferner hat die seit Mitte der achtziger Jahre lebhafte ökumenische Bewegung für „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ mit der „Wende“ eine bezeichnende Wende erfahren. In imperialistischer Sicht sind diese Dinge bei der Kirche am besten aufgehoben. Man kann darüber sprechen, ohne dass etwas passiert und ohne dass dies von den Gläubigen sogleich bemerkt wird.
Die Kirche wird bei immer weniger Zuspruch mit immer mehr gesellschaftlicher Macht ausgestattet. Dies kann manchem Christenmenschen schön etwas eintragen und vor allem ihm Wichtigkeit verleihen, die früherem Engagement sogar ähnlich scheint.
Christlich gesprochen ist dies keine begeisternde Bilanz. Aber die Rechnung geht nicht ganz auf. Unter den Christen in den „neuen Bundesländern“ finden sich genauso viele wie unter den anderen mit dem wiederholten Aha-Erlebnis: „Es stimmt ja, was sie uns früher gelehrt haben.“ Diese sind dem Sozialismus näher, als sie sich klarmachen. Sie sind gebildeter. Es lohnt sich, ihnen ans Herz zu legen, dass die Überwindung von Verbrechen Zukunft öffnet.



 
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