Marko Frenzel
Die revolutionäre Leistung und Realität des
sozialistischen Bildungssystems in der Deutschen
Demokratischen Republik zur Heranbildung
allseitig entwickelter Menschen
Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe
Genossinnen und Genossen, die Sie sich in diesem
historischen Jahr, an diesem Tage, der
Geschichte der DDR, ihrer Ideale, Hoffnungen,
errungenen Erfolge und gelebten Widersprüche
erinnern!
Für mich sind dies besonders denkwürdige
Stunden, die ich mit Ihnen hier verleben kann,
nicht nur, weil ich mir bewusst bin, dass hier
vor mir viele Persönlichkeiten mit einer
unschätzbaren Fülle wertvoller
Lebenserfahrungen, intellektueller Reife und
unverbrüchlichen Charakters sitzen, sondern
gerade, weil mir heute die außerordentliche Ehre
zuteil wird, einen bemerkenswerten Teil der
historischen Leistungen der Deutschen
Demokratischen Republik zu reflektieren, der
dazu dienen sollte, allseitig entwickelte
Menschen für eine neue Gesellschaft auf
deutschem Boden herauszubilden. Gestatten Sie
mir, dass ich mich für diese Ehre und die
Herausforderung, mit der ich mich heute – am
ehemaligen Tag des Lehrers – konfrontiert sehe,
herzlich bei unserem Freund und heutigen
Moderator Professor Fischer bedanke.
Am Anfang standen die Trümmer des faschistischen
Zweiten Weltkrieges, der insgesamt 2.000 Tage
gewütet hatte und jeden Tag unzählige Menschen
das Leben kostete, darunter Frauen, Kinder und
viele junge Menschen. Wenn es nicht gelang,
schnellstens der Trümmer und des Hungers, der
Verzweiflung und des Elends Herr zu werden, dann
war das Leben weiterer Menschen und besonders
das Leben der Säuglinge und Kleinkinder in
Gefahr.
Fast 30 Prozent des Wohnraums in den Städten und
50 Prozent der Wohnungen in den Großstädten
waren vernichtet oder schwer beschädigt. Die
Ernteerträge waren durch die Kriegseinwirkungen
und die Vernachlässigung der Landwirtschaft
radikal zurückgegangen. Viele Betriebe lagen in
Schutt und Asche. Die Wasser- und
Stromversorgung war an vielen Orten
unterbrochen, die Menschen holten das Wasser an
den wenigen Pumpen, die vorhanden waren, und
mussten ihre Unterkünfte mit Kerzen beleuchten.
Es fehlte in den Städten an Brot und Kartoffeln,
für die Kinder gab es keine Milch.
Obwohl die sowjetische Armee sofort die
notwendigen Lebensmittel heranschaffte und die
deutschen Antifaschisten und aufbauwilligen
Bürger bei der Normalisierung des Lebens
unterstützte, betrug im Juli 1945 die
Säuglingssterblichkeit in Berlin noch 66 Prozent
und lag in anderen Orten noch darüber.
Im Oktober 1945 forderte der Hauptausschuss
"Opfer des Faschismus" in seinem Aufruf "Rettet
die Kinder" alle Bürger auf, den Kindern zum
ersten Friedens-Weihnachtsfest warme Kleidung
und Friedens-Spielzeug zu bescheren. Dank einer
großen Solidaritätsaktion, die nach diesem
Aufruf einsetzte, konnten Weihnachten 1945
364.115 Berliner Kinder (78 Prozent aller
Kinder) mit Süßigkeiten, Obst, Kleidung und
Spielzeug erfreut werden.
Diese Solidarität, Verantwortung und Sorge
drückte sich auch in dem Bemühen aus, den
kleineren und größeren Kindern täglich einen
sicheren und warmen Aufenthalt, eine warme
Mahlzeit und die Gelegenheit zu fröhlichem
Spielen und Lernen zu schaffen, während die
Mütter beim Enttrümmern und beim Wiederaufbau
der Wirtschaft halfen.
[Die Aufgaben, die bei der Überwindung dieser
katastrophalen Lage zu lösen waren, konnten nur
mit aktiver Unterstützung weitester Teile der
Bevölkerung erfüllt werden. Alle Menschen guten
Willens sollten helfen, die Überreste des
Hitlerregimes zu liquidieren, Hunger,
Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit zu
beseitigen, die zerstörten Schulhäuser,
Wohnungen und Fabriken aufzubauen und die
demokratischen Rechte und Freiheiten des Volkes
herzustellen.]
Im Berliner Stadtbezirk Weißensee wurde
vermutlich der erste Berliner Kindergarten nach
dem faschistischen Krieg am 30. Mai 1945 im
Auftrage des Antifa-Ausschusses durch zwei
Genossinnen der SPD eröffnet, die ihre
pädagogischen Erfahrungen vor 1933 in der
Organisation der "Kinderfreunde" gesammelt
hatten. Weitere Einrichtungen folgten, weil die
Kinder untergebracht und versorgt werden
mussten, während die Mütter für die Existenz
ihrer Familien und für den Wiederaufbau der
zerstörten Städte, Dörfer, Fabriken und Schulen
arbeiteten.
So begann die beispiellose Aufbauleistung eines
fortschrittlichen, einheitlichen
Bildungssystems, für dessen Kernaussagen sich
nicht nur die marxistischen Klassiker, sondern
genauso große Teile der Lehrerschaft, vor allem
die Volksschullehrer, schon seit 1848
engagierten.
Aufbau und Gestaltung des einheitlichen
sozialistischen Bildungssystems nahmen mehr als
zwei Jahrzehnte in Anspruch. Ihnen vorangegangen
waren gründliche Analysen der bisherigen
Entwicklung des Bildungswesens, eine Auswertung
geschichtlicher Erfahrungen und eine kritische
Sichtung des pädagogischen Erbes sowie der
klassischen deutschen Bildungstraditionen und
internationaler Entwicklungen. Anknüpfend an
Forderungen der revolutionären Arbeiterbewegung
und der fortschrittlichen Lehrerbewegung der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wurden
Einheitlichkeit, Staatlichkeit, Weltlichkeit,
Unentgeltlichkeit für das gesamte Schul- und
Bildungswesen der DDR bestimmend. Letztendlich
gehörte dazu auch eine nüchterne Bilanz der
realen Möglichkeiten zur materiellen und
finanziellen Absicherung eines solchen auf viele
Jahre konzipierten Prozesses.
Durch das "Gesetz zur Demokratisierung der
deutschen Schule", das im Sommer 1946 von allen
Ländern der sowjetischen Besatzungszone
verabschiedet worden war, wurde der Kindergarten
als Vorstufe der Schule in das System der
demokratischen Einheitsschule eingegliedert.
Damit waren zum ersten Mal in der deutschen
Geschichte die Wünsche und Forderungen solcher
fortschrittlichen bürgerlichen Pädagogen wie
Fröbel und Diesterweg und die schulpolitischen
Zielstellungen Bebels, Zetkins, Neubauers und
anderer Vertreter der revolutionären
Arbeiterbewegung Wirklichkeit geworden. Der
Kindergarten war seinem Wesen entsprechend als
pädagogische Einrichtung voll anerkannt und
seine Stellung im Bildungssystem gesetzlich
fixiert worden, er hatte als gleichberechtigte
pädagogische Einrichtung seinen Teil
beizutragen, um die Kinder "zu selbstständig
denkenden und verantwortungsbewusst handelnden
Menschen" zu erziehen, die fähig und bereit
waren, "sich voll in den Dienst der Gemeinschaft
des Volkes zu stellen".
Die Forderung des Gesetzes zur Demokratisierung
der deutschen Schule, allen Kindern ohne
Unterschied des Besitzes, des Glaubens und der
Abstammung eine vollwertige Ausbildung zu geben,
wurde 1949 im Artikel 39 der ersten Verfassung
der Deutschen Demokratischen Republik durch
folgende Festlegung ergänzt: "Jedem Kind muss
die Möglichkeit zur allseitigen Entfaltung
seiner körperlichen, geistigen und sittlichen
Kräfte gegeben werden."
Schon die Kinderkrippe wurde mit dem am 25.
Februar 1965 von der Volkskammer verabschiedeten
Gesetz über das einheitliche sozialistische
Bildungssystem, dem eine Volksaussprache mit
5.000 eingereichten Vorschlägen vorangegangen
war, zusammen mit dem Kindergarten zur untersten
freiwilligen Stufe des Bildungs- und
Erziehungssystems in der DDR. In den Krippen
begann neben der sehr gut ausgebauten
medizinischen Betreuung zur Überwachung der
psychischen, kognitiven und motorischen
Entwicklung bereits die pädagogische
Frühförderung der Kinder. Seit den 60er Jahren
erfolgte die Arbeit daher nach einem staatlichen
Erziehungsplan. Gewöhnung der Kinder an einen
festen, regelmäßigen Tagesablauf, systematische
geistige Beschäftigung beginnend mit der
Vollendung des 1. Lebensjahres, ausgiebige
sportliche Aktivitäten an der frischen Luft, das
Trockensein vor dem Ende des 2. Lebensjahres,
Intelligenzprägendes Spielen, Musizieren, Malen
u. v. m. stand im Mittelpunkt der täglichen
Erziehung der Kinder.
Im Zentrum der pädagogischen Arbeit im
Kindergarten stand – aufbauend auf dem
erreichten Entwicklungsniveau in der
Kinderkrippe – die gesunde, harmonische
körperliche, geistige und sprachliche
Entwicklung der Kinder. Bis Ende der 70er Jahre
waren die materiellen und personellen
Bedingungen geschaffen worden, dass alle drei-
bis sechsjährigen Kinder, deren Eltern dies
wünschten, einen Kindergarten ganztägig besuchen
konnten; in den 80er Jahren waren das über 95
Prozent. Außer den kommunal getragenen gab es
eine große Anzahl von Betriebskindergärten sowie
einige kirchliche Einrichtungen. Entsprechend
ihrem pädagogischen Auftrag oblag den
Kindergärten,
• eine harmonische geistige und sprachliche
Entwicklung der Kinder zu gewährleisten,
• für die gesundheitliche Entwicklung der Kinder
Sorge zu tragen,
• moralische und ästhetische Gefühle und
Einstellungen der Kinder zu entwickeln,
• Charaktereigenschaften und Willensqualitäten
herauszubilden,
• die Kinder zu Selbständigkeit und
Ordnungsliebe zu erziehen.
Der Realisierung dieses Auftrags diente eine
sich auf Fröbel, den eigentlichen Begründer der
Kindergärten, berufende Gestaltung der
pädagogischen Arbeit. In der praktischen Arbeit
bestimmte das Spiel als für die Vorschulkinder
typische Form der Auseinandersetzung mit der
Wirklichkeit das tägliche Leben im Kindergarten.
Das Spielen und das tägliche Leben in der Gruppe
mit Kindern aus sozial ganz unterschiedlich
gestellten Elternhäusern vermittelten wichtige
soziale Erfahrungen und waren darauf gerichtet,
dass jedes Kind aktiviert und zu eigenen
Betätigungen angeregt würde und so seine
individuellen Anlagen und Fähigkeiten
bestmöglich ausprägen konnte. Der Vorbereitung
auf das Lernen in der Schule dienten sog.
Beschäftigungen, die an 4 bis 5 Tagen in der
Woche mit jeweils etwa 15 bis 20 Minuten Dauer
durchgeführt wurden. Gegenstand waren
Muttersprache, Kinderliteratur, Bekannt machen
mit dem gesellschaftlichen Leben, Bekannt machen
mit der Natur, Entwicklung mathematischer
Vorstellungen, Sport, Musik,
bildnerisch-praktische und konstruktive
Tätigkeiten, Betrachtung von Kunstwerken. Vor
allem zwischen den Erzieherinnen der älteren
Gruppe, d. h. der 5 bis 6jährigen Kinder und den
Lehrern der zukünftigen ersten Klasse der Schule
gab es eine enge Zusammenarbeit. Grundlage der
gesamten pädagogischen Arbeit war das "Programm
für die Bildungs- und Erziehungsarbeit im
Kindergarten". Es trug Empfehlungscharakter und
enthielt Aussagen zur Gestaltung des Lebens im
Kindergarten und speziell in der Gruppe, zu den
verschiedenen Arten des Spiels, zur
Selbstbedienung und zu Arbeiten für die
Kindergruppe und den Kindergarten. Detaillierte
Aussagen zum Inhalt der Beschäftigungen
differenziert für die verschiedenen
Altersgruppen sowie umfangreiche methodische
Anregungen und Hinweise waren Bestandteil des
Programms.
Den Kern des einheitlichen sozialistischen
Bildungssystems bildete die zehnklassige
allgemein bildende polytechnische Oberschule. In
der sowjetischen Besatzungszone wurde
zielstrebig auf der Grundlage der Verfassungen
und der Ländergesetze zur Demokratisierung der
deutschen Schule daran gearbeitet, die
demokratische Einheitsschule und damit die
Überwindung des alten bürgerlichen
Bildungsprivilegs und das Recht auf Bildung für
alle Wirklichkeit werden zu lassen. Alle Kinder
erhielten eine einheitliche achtjährige
Grundschulbildung mit naturwissenschaftlichem
Fachunterricht und Unterricht in einer
Fremdsprache. Damit verbunden waren die
Schaffung einer neuen Lehrerschaft, die Bildung
antifaschistisch-demokratischer
Schulverwaltungen, die Überwindung der
Rückständigkeit des Landschulwesens und die
Sicherung einer beruflichen Ausbildung für alle
Jugendlichen, die nicht über die vierjährige
Oberschule die Hochschulreife anstrebten. Eine
wichtige Aufgabe der bildungspolitischen
Entwicklung in den 50er Jahren, die auch in den
folgenden Jahrzehnten aktuell blieb, war die
Förderung der im bürgerlichen Bildungssystem
benachteiligten Arbeiter- und Bauernkinder.
Ihrer Realisierung dienten außer speziellen
schulorganisatorischen Maßnahmen und der
Gründung der Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten vor
allem die Aktivitäten der Lehrer und Erzieher im
Unterricht und im alltäglichen pädagogischen
Geschehen.
Die umfassende sachliche Ausgestaltung der
Einheitsschule manifestierte sich im bereits
benannten "Gesetz über das einheitliche
sozialistische Bildungssystem", das bis 1989
Grundlage der Entwicklung des Bildungswesens der
Deutschen Demokratischen Republik war. Auf der
Einheitsschulidee fußend und sie weiterführend,
charakterisiert dieses Gesetz erstmalig und bis
heute in der Geschichte des deutschen
Bildungswesens einmalig über alle früheren
Schranken hinweg die Gesamtheit der staatlichen
Bildungseinrichtungen und Bildungsbestrebungen
von der frühen Kindheit bis zur Hochschul- und
Erwachsenenbildung in ihrer inneren Einheit und
Kontinuität. Damit wurden die Voraussetzungen
geschaffen, die einzelnen Glieder des
Bildungssystems so zusammenzufügen, dass sie
eine in sich geschlossene Gesamtstruktur
bildeten.
Alle jungen Menschen konnten sich in der
zehnklassige Oberschule eine solide
Allgemeinbildung auf hohem Niveau aneignen. Zum
Abitur führte nicht nur die die Klassen 11 und
12 umfassende Erweiterte Oberschule. In
wachsendem Maße erwarben viele Jugendliche im
Verbund einer Berufsausbildung mit Abitur die
Hochschulreife. In einem anderswo kaum
anzutreffendem Maß hatte diese Schule mit der
Entwicklung der Polytechnik und der Einführung
spezieller polytechnischer Unterrichtsfächer die
Welt der Arbeit und Technik in ihr
Bildungskonzept integriert.
Grundlage für die Ausgestaltung des
einheitlichen sozialistischen Bildungssystems
waren die gesamtgesellschaftlichen
Rahmenbedingungen, in denen die Förderung der
Jugend sowie speziell die Aktivitäten
staatlicher Organe und gesellschaftlicher Kräfte
zur ständigen Verbesserung der allgemeinen
Lebens- und Entwicklungsbedingungen der Kinder
und Jugendlichen einen zentralen Platz
einnahmen.
Zur pädagogischen Kultur in der Schule gehörte
die Sorge um jedes Kind und dessen Entwicklung;
dies schloss ausdrücklich die Förderung all
jener ein, die mit Behinderungen leben mussten
oder Lernschwierigkeiten hatten. Ausgehend von
der wissenschaftlich begründeten Überzeugung,
dass Begabung nicht ein durch Geburt
determinierter Entwicklungsfaktor und dass jedes
Kind begabt ist, wurde der Förderung der
Interessen und Neigungen, Fähigkeiten und
Talente eines jeden Schulkinds durch vielfältige
schulische und außerschulische Aktivitäten wie
exemplarisch in den Stationen junger
Naturforscher und Techniker, durch die Messe der
Meister von Morgen oder die Initiierung von
Spartakiaden auf verschiedenen Ebenen große
Aufmerksamkeit gewidmet.
In die Vervollkommnung der kommunistischen
Erziehung der Schuljugend und die Sicherung
hoher Leistungen in der Schule durch die
planmäßige und kontinuierliche Gestaltung der
Bildungs- und Erziehungsarbeit, das einheitliche
politische und pädagogische Handeln des
Pädagogenkollektivs und die Entwicklung und
Festigung des Schülerkollektivs waren an der
Bildung und Erziehung beteiligte
gesellschaftliche Kräfte und Organisationen –
vor allem die Pionierorganisation "Ernst
Thälmann" sowie die FDJ – genauso wie
volkseigene und genossenschaftliche Betriebe auf
der Grundlage exakt festgelegter Pflichten,
Rechte und Befugnisse eingebunden.
Die Schulen verstanden sich nicht nur als
unterrichtende, sondern in gleicher Weise als in
den Kommunen, in den Wohngebieten sozial
verankerte Einrichtungen, die im Zusammenwirken
mit "verbündeten" Erziehungsträgern im
Territorium das Leben der Kinder und
Jugendlichen und damit auch die Förderung und
Entwicklung ihrer Neigungen und Interessen
pädagogisch mitzugestalten halfen.
Gewiss gab es ideologischen Formalismus in der
Vermittlung bestimmter marxistischer
Erkenntnisse. Aber das war nicht das Typische
für die DDR-Schule. Die überwiegende Mehrzahl
der Lehrerinnen und Lehrer, auch der
Staatsbürgerkundelehrer, war um eine
pädagogischen und psychologischen Erkenntnissen
folgende Arbeit mit ihren Schülerinnen und
Schülern und um deren
Persönlichkeitsentwicklung, um ihre Erziehung zu
selbstständig denkenden und
verantwortungsbewusst handelnden Menschen
bemüht. Es ist positiv einzuschätzen, wenn
Erziehung zum Frieden, zur Solidarität,
Erziehung zur Völkerfreundschaft und
antifaschistische Erziehung nicht nur erklärte
Ziele der Schule in der DDR, sondern auch
Realität in ihrer täglichen Arbeit waren. So
gewirkt zu haben, darauf können Lehrerinnen und
Lehrer, auch andere Pädagoginnen und Pädagogen,
berechtigt mit Stolz zurückblicken.
Nicht alles, was in und mit der Oberschule
angestrebt wurde, konnte vollkommen verwirklicht
werden. So blieben Klagen der Lehrerinnen und
Lehrer über zuviel Stoff in den Lehrplänen bis
zuletzt ein Thema in
Weiterbildungsveranstaltungen und anderen
Diskussionen, trotz ernsthafter Bemühungen der
Lehrplanautoren, den Ziel-Stoff-Zeit-Gegenstand
in den Griff zu bekommen. Auch die Tatsache,
dass in den Schulen der DDR der Unterricht im
Klassenverband und der Frontalunterricht nahezu
absolut das didaktisch-methodische Geschehen
bestimmten und andere Unterrichtsformen kaum
eine Rolle spielten, muss sicher kritisch
durchdacht werden. Nur sehr zögernd und
fragmentarisch erfolgte die Einführung von
fakultativem Unterricht in den oberen Klassen.
Und die Diskussionen und Publikationen über die
pädagogische Funktion der Zensur machten
deutlich, dass die Bewertung der
Schülerleistungen als ein Dilemma erlebt und
verstanden wurde.
Quod erat demonstrandum – das Erziehungs- und
Bildungssystem der Deutschen Demokratischen
Republik hat summarisch den Beweis erbracht,
dass – integriert in eine das gesamthafte
gesellschaftliche Leben durchziehende Forderung
und Förderung des Bildungsstrebens aller
werktätigen Menschen und unter relativ
egalisierten Entwicklungsbedingungen der
Heranwachsenden mit Rücksicht auf die
Unterschiede zwischen Arm und Reich, zwischen
Stadt und Land – sowohl hohe Bildungsziele als
auch gleiche Bildungsmöglichkeiten für alle
anwend- und realisierbar waren und sind.
Dieses historische Urteil und in ihn ihm
implizierte Einsichten auf verschiedenartigen
Einzelgebieten führten zu hoher internationaler
Anerkennung z. B. durch die United Nations
Educational, Scientific and Cultural
Organization (UNESCO). Pädagogen und
Bildungspolitiker aus Entwicklungsländern –
genauso wie die aus europäischen
kapitalistischen Staaten – studierten die
Erfahrungen mit Blick auf die Nutzung für eigene
Reformvorhaben. Nicht zuletzt diese Tatsache
macht deutlich, dass DDR-Erfahrungen auf dem
Gebiet der staatlichen Bildungs- und
Erziehungsstrukturen auch heute noch nicht nur
Impulse für die eine Schule für alle, sondern
auch vielfältige Anregungen für konkrete
Lösungen bei der Verwirklichung der der
Einheitsschulidee zugrunde liegenden
bildungspolitischen und pädagogischen Anliegen
unter den konkreten Bedingungen der BRD
vermitteln können.
Das öffentliche kapitalistische Bildungssystem
der BRD befindet sich seit langem in einer
Krise, weil sich in ihm alle ökonomischen,
sozialen und kulturellen Widersprüche der
gegenwärtigen Gesellschaft widerspiegeln.
Bildungsfragen sind Fragen der Gesamtentwicklung
der gesellschaftlichen Verhältnisse und müssen
in den Kampf für deren Veränderung eingeordnet
werden. Nicht zuletzt hatte und hat das
kapitalistische Erziehungs- und Bildungssystem
auch und vor allem eine
herrschaftsstabilisierende Funktion und ist in
diesem Sinne klassenmäßig. Und dass dies
selbstverständlich in einer sozialistischen
Gesellschaft auch so ist, betonte beispielsweise
Volksbildungsministerin Margot Honecker auf dem
VIII. Pädagogischen Kongress 1978: "Jede Schule
ist der herrschenden Ideologie untergeordnet.
Wir haben das nie geleugnet, und wir bekennen
uns mit gutem Grund dazu. Denn wir vermitteln in
unserer Schule die Ideologie der Arbeiterklasse,
eine Ideologie, die den Lebensinteressen des
Volkes dient, die den Weg der sozialen Befreiung
weist, die den Weg ebnet in eine Gesellschaft,
wo der Mensch frei ist von Unterdrückung und
Ausbeutung, die den Menschen ein Leben in Glück,
Wohlstand und Frieden garantiert."
Das Ziel von Schule ist also das Formen von
Menschen, die die herrschende Ordnung anerkennen
und natürlich nach Qualifikationen streben, die
verwertbar machen. Dass ein Mensch im
kapitalistischen Sinne ein "zweckmäßiges Dasein"
als "Humankapital" fristet, wenn er arbeitet,
ist das perverse Charakteristikum dieser
Gesellschaftsform. Eine radikale Schulkritik
kann niemals auf die kritische Analyse der
Mikrostruktur, der internen Funktionsweise von
Schule beschränkt bleiben; es ist unabdingbar,
die gesellschaftlichen, die ökonomischen,
politischen, rechtlichen und institutionellen
Rahmenbedingungen von Schule zu betrachten.
Die Zerstörung jedes einzigartigen jungen
Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft ist
unvermeidlich. Was die Philosophen der ersten
Frankfurter Schule, Theodor W. Adorno, Max
Horkheimer und andere, vor sieben Jahrzehnten
beklagten, ist die logische Konsequenz der
Dysfunktionalität des kritischen Staatsbürgers
gegenüber seiner institutionellen System-Umwelt.
Vor dem wachsenden Widerspruch zwischen der
Entwicklung der Produktivkräfte, des sozialen
Reichtums – der zum ersten Mal die völlige
Selbstbestimmung und rationale, ethische und
ästhetische Verwirklichung eines Kindes und
jedes anderen Menschen möglich macht – und der
Zwangsjacke der formalen Demokratie des Systems
auf der anderen Seite ist die Demontage des
bewussten Menschen unerlässlich, um seine
massive Rebellion gegen die bürgerliche
Gesellschaft zu verhindern.
Das prometheische Subjekt, welches an der Wiege
bürgerlicher Aufklärung und Demokratie stand,
wird zu Hindernis und Gefahr für das globale
Kapital, weil es versteht, was es ist und was es
sein könnte. Das Leben ist Komödie für den
Denkenden und Tragödie für den Fühlenden, sagte
Anaximander von Milet, und in dem Maße, in
welchem das Kapital die Armut universalisiert,
erfasst die Tragödie immer mehr Menschen. Fühlen
und Denken sind jedoch auf
dialektisch-materialistische Weise miteinander
verbunden, und insofern es der neuen Theorie der
Transformation in ein postkapitalistisches
System gelingt, diese organische Verbindung auf
ein höheres Niveau der Kenntnis und Sensibilität
zu heben, werden die Menschen auf die vom System
durchgeführte Expropriation ihres Daseins mit
wachsendem Widerstand antworten.
In dem Maße, wie sich der Widerspruch zwischen
der materiellen Fülle des neuen Jahrtausends,
den Restriktionen der formalen Demokratie und
den Notwendigkeiten und Wünschen des
menschlichen Subjekts zuspitzt, wächst die
Bereitschaft der Menschen, für einen
qualitativen Wechsel zu kämpfen. Und wenn sie
weder Ökonomie noch die bürgerliche Gesellschaft
demokratisieren können, dann wird eine
Schlussfolgerung und eine Option offenkundig:
die Notwendigkeit einer anderen Zivilisation. Es
ist an der Zeit, die außergewöhnlichen,
intellektuellen Fortschritte der Menschheit in
Taten umzusetzen und viel vermeidbares Unheil
und Leid abzuwenden.
Wenn ich von anderer, von gerechter Bildung
spreche, so spreche ich von einer Gesellschaft,
die den Kapitalismus überwunden und das Profit-
und Repressionssystem des bürgerlichen Staats
hinter sich gelassen hat. "Bildung im
Sozialismus" bedeutet das Ende der sozialen
Selektion, bedeutet gleiche, freie und zeitlich
nicht beschränkten Zugang aller Menschen zur
Bildung statt schulischer Auslese, bedeutet
gemeinsames Lernen und die beste Förderung mit
allen zu Verfügung stehenden Mitteln.
Emanzipatorische Bildungskritik, derer sich die
GBM auch in Hinwendung zu jüngeren Menschen
annehmen sollte, stellt dem an Kapitalinteressen
orientierten Bildungswesen eine qualitativ
hochwertige, am Menschen ausgerichtete Bildung
als Selbstzweck und nicht als Rüstzeug für ein
Leben im Kapitalismus entgegen. Konsequent
argumentiert, Schule als Bestandteil der
Gesellschaft betrachtend, kann ein
freiheitliches und emanzipatorisches
Bildungssystem nicht kapitalismusimmanent
funktionieren.
Die Bourgeoisie – dies sei abschließend bemerkt
– ruht auf einer Zeitbombe. Wenn diese
explodiert, werden die Staatsbürger der
Weltgesellschaft die Fesseln der
Kapitalverwertungslogik sprengen und sich ihre
geraubte Zukunft zurücknehmen. Und der Mensch
wird aufhören, nur menschlich noch in der Form
und Kapital in seiner Bestimmung zu sein, um
sich ganzheitlich der Entwicklung seines
rationalen, ethischen und ästhetischen
Potenzials zu widmen. Damit findet der lange
gesellschaftliche Übergang aus dem Tierreich
sein Ende und die Menschheitsgeschichte kann
beginnen.