GBM Bundesvorstand

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Pluralismus oder Totalitarismus?

Stellungnahme des Bundesvorstandes zu Angriffen gegen die GBM e.V.

(Vorabveröffentlichung aus ICARUS)

Die Angriffe auf die Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde e.V., die Diskriminierung ihrer Mitglieder und ihres Vorstandes, das Einwerfen der Scheiben ihrer Geschäftsstelle, das Bekleben ihrer Außenwände mit neofaschistischen Flugblättern oder die Bedrohungen via Internet mehren sich seit dem Frühjahr 2008.

Das ideelle und tatendurstige Engagement gegen die GBM hat eine neue rechtskonservative und kriminelle Intensität und Qualität erreicht. Man kann nicht ausschließen, dass sich das weiter mehrt. Auch andere uns nahe stehende Organisationen sind von ähnlichen Angriffen betroffen. Man sollte hoffen, dass das parlamentarische politische System angesichts solcher Entwicklungen nicht noch weiter ausufernd die Contenance einer konsensfähigen politischen Ethik im Umgang mit Andersdenkenden verliert. Doch gerade aus einigen kommunalen Parlamenten im Osten Berlins kommen aktuell noch Anträge hinzu - so zunächst in der BVV Lichtenberg und zuletzt in Treptow-Köpenick - der GBM die Nutzung öffentlicher Räume für ihre Rentensprechstunden zu untersagen. Und das, obwohl es zuhauf Appelle für bürgerschaftliches Engagement von den BVV gibt und Lobe über Lobe für das Ehrenamt. Gerade das üben wir aus – in Reinkultur. Dennoch, SPD und CDU genierte es nicht, in Lichtenberg gerade auch auf die Stimmen der Neonazis zu setzen, um gegen die GBM zu Felde zu ziehen - wenn das auch scheiterte. Doch gingen sie mit ihren Philippiken noch weiter bis zum Berliner Abgeordnetenhaus.

Warum das alles? Weil die GBM ein wichtiges Mitglied des Europäischen Friedensforums ist, das die Beendigung aller Kriege, die Auflösung der NATO und den Abzug der USA-Militärstützpunkte aus Deutschland fordert bzw. auch die Anerkennung der Sezession des Kosovo durch die Bundesrepublik Deutschland ablehnt? Weil sich die GBM zum wiederholten Male mit Parallelberichten zu den Staatenberichten der Bundesrepublik an die UNO wendete und daraus oftmals eine harsche Kritik des Einigungsprozesses durch UNO-Organe erwuchs? Weil die GBM den angestrebten Schäubleschen Sicherheitsstaat nicht hinnimmt und Demokratieabbau nicht toleriert? Weil die GBM immer schon für ein Antidiskriminierungsgesetz eintrat? Oder gar, weil die GBM sich entschieden gegen Sozialabbau einsetzt und viel für die Durchsetzung der Rechte der Rentner in ganz Deutschland getan hat? Da beschwert sich doch auch jemand aus der Phalanx von SPD, Grünen oder CDU in der BVV Treptow/Köpenick, dass die GBM auch gegen Rentengesetze auftritt, die die Ostdeutschen benachteiligen und von „Strafrente“ spricht. Das werden wir natürlich auch weiterhin tun.

Die GBM hat schon viele Male als kompetenter Gutachter die Möglichkeit zu Stellungnahmen bei Rentenklagen vor dem Bundesverfassungsgericht erhalten. Viermal musste der Bundestag infolge solcher Urteile die Rentengesetzgebung ändern und seine ausschließlich aus politischen Gründen vorgenommenen willkürlichen Rentenkürzungen aufheben.
Und dennoch geschah alles nur halbherzig. Für Minister, deren Stellvertreter, bestimmte Richter und andere leitende Funktionäre des Staats- und Parteiapparats besteht das Rentenstrafrecht bis heute fort. Wir sind der Überzeugung, das auch das nächste Urteil zeigen wird, dass die Stellungnahme der GBM zur Willkürlichkeit der Rentenkürzung für diese Personen in Karlsruhe Anerkennung findet. Denn es gilt der Grundsatz der Wertneutralität des Rentenrechts. Wer in unsere Rentensprechstunden kommt, ist tatsächlich gut beraten.

Doch gegen unsere Rentenkonsultationen zu sein, dabei belässt man es nicht. Man geht in die große Politik. Man ist dafür, die GBM aus dem öffentlichen Leben auszuschalten. Es ist schon komisch. In der Ukraine und in Serbien haben wir in diesem Jahr gerade großen Tageszeitungen die Titelseiten gefüllt. Und zuhause finden wir provinziellen Mief. Da wird uns u.a. vorgeworfen, dass wir neben vielen anderen wie Angela Davis, Felicia Langer, Friedrich Wolff, Hermann Klenner etc. auch Fidel Castro, der als langjähriger Vorsitzender der Blockfreienbewegung eine Hoffnung für Millionen in der ganzen Welt verkörpert, einen Menschenrechtspreis verliehen haben.

Man sollte sich einmal ansehen, was im Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik unter Pluralismus steht. „Pluralismus als Begriff der politischen Theorie kennzeichnet die moderne Lebenswelt in den hoch industrialisierten .Gesellschaften der westlichen OECD-Länder. Im Pluralismus konkurrieren eine Vielzahl gesellschaftlicher Gruppen und Organisationen mit- und gegeneinander um gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Macht. Sie versuchen ihren Einfluss in den politischen Prozess einzubringen und auf die staatliche Gewalt durchzusetzen. Verschiedene intermediäre Gruppen – z.B. Parteien, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, karitative Organisationen, Kirchen, wissenschaftliche Vereinigungen, Bürgerinitiativen u.v.a.m. – verfolgen selbständig und autonom ihre Ziele innerhalb des Systems, wobei sie theoretisch gleichberechtigt sind.“ Und weiter heißt es: „Durch die Wiedervereinigung (Vereinigung) ist das Spektrum der unterschiedlichen Interessen zweifellos erweitert worden.“ Das stört manchen. Aber er wird sich damit arrangieren müssen, will er seinen Platz in der Gesellschaft politisch ausfüllen.

Da meinte jemand in der Debatte der BVV, es gehe schließlich nicht um die Rente, sondern um die Geisteshaltung des Vorstands der GBM. Das Wort „Geisteshaltung“ lässt die Gegenfrage aufkommen, wes Geistes Kind derjenige selbst ist. Wenn man es anders ausdrückt, so geht es ihm um die politischen Überzeugungen des Vorstands. Und Überzeugungen sind nun einmal – übrigens auch konservative - .bis auf die durch Völkerrechtsurteile wie Nürnberg verurteilten faschistischen durch alle Menschenrechtskonventionen der UNO geschützt und dürfen nicht zum Anlass irgendwelcher Sanktionen gemacht werden. Es ist offenbar nicht überflüssig im 60. Jahr der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte darauf aufmerksam zu machen. Die Konventionen sind in der Bundesrepublik gültiges Recht. Es ist uns natürlich nicht neu, dass in der Bundesrepublik auch andere Menschenrechte stiefmütterlich behandelt werden. Wir sind Gründungsmitglied des Forums Menschenrechte, das indes über 50 Organisationen vereint - von ai über pro asyl, von Pax Christi bis zum Deutschen Frauenrat mit Millionen Mitgliedern. Und alle haben in diesem Land ihre Aufgabe. Es gibt viel zu tun.

Und Ostdeutschland ist in menschenrechtlicher Hinsicht noch ein besonderes Entwicklungsland, wofür allein schon die doppelt so hohe Zahl der Arbeitslosen und Jugendarbeitslosen spricht.
Man hört schon die verärgerten Retourkutschen: Wo war in der DDR denn der Pluralismus? Auch diese Frage müsste man mit komparatistischem Blick auf eine sozialwissenschaftliche Ebene heben. Schon Ende der 60er Jahre konstatierte der Nestor der bundesdeutschen Politikwissenschaft, Klaus von Beyme: „In dem neuen Pluralismus der siebziger Jahre sind auch Nichtmarxisten immer stärker dazu übergegangen, Sozialismus und Pluralismus nicht nur als vereinbar, sondern einander sogar voraussetzende Prinzipien anzusehen. Auch die marxistische Soziologie in sozialistischen Ländern selbst rückt zunehmend davon ab, die sozialistische Gesellschaft dogmatisch als konfliktlose Gesellschaft zu definieren.“ (Interessengruppen in der Demokratie, München 1969 S. 221) Ich will gar nicht noch an die Dialogpolitik der 80er Jahre erinnern. Das war damals, auch angesichts aller Probleme, die es – wie wir bis heute sehen – in der Bundesrepublik gibt, weit mehr als wenig.

Die gegen uns auftretenden Abgeordneten, die uns keine Räume mehr für Bürgersprechstunden geben möchten, aus Furcht auch, die GBM könnte weitere Mitglieder finden, wünschen sich kein pluralistisches Land. Sie müssen sich sagen lassen, dass unter dem Stichwort „Pluralismus“ in allen möglichen Veröffentlichungen steht, dass sie als Politiker davon nicht abrücken sollten, weil das wirklich dem Geist des Grundgesetzes zuwiderläuft. Denn: „Im Gegensatz zu totalitären Ideologien oder zum Partikularismus erkennt der Pluralismus die bestehenden unterschiedlichen Interessen und politischen Positionen an und betrachtet deren individuelle Verwirklichung, Vertretung und Artikulation als erwünscht.“ (Wikipedia) Erwünscht? Davon sind diese Abgeordneten weit entfernt.
Oder gehörten sie wie Herr Gauck zu den geladenen Gästen der Prager Konferenz, die Ende Mai 2008 stattfand und auf der man solche Sätze von Senator Martin Mejstrik hörte, wie: „Solange Europa den Gedanken nicht akzeptieren wird, dass der Nationalsozialismus und der Kommunismus völlig gleichwertige verbrecherische Regime sind, wird es nicht einheitlich sein.“ Das ist eine neue alte Form von Totalitarismus, die Thomas Mann dereinst die „Grundtorheit unserer Epoche“ nannte.
 

Prof. Dr. Wolfgang Richter

 
 
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ICARUS 04/2009
erschienen im Dezember 2009

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