GBM - Delegiertenkonferenz am 29.05.2008

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Wahrheit und Klarheit in Fragen der Geschichte

Diskussionsbeitrag von Prof. Dr. Gerhard Fischer

„In der historischen Erkenntnis ist eine Pluralität von Sichtweisen oft unvermeidlich und legitim.“ Dieser kluge Satz stammt nicht etwa von einem Mitstreiter unseres Berliner Alternativen Geschichtsforums bei der GBM, sondern von dem stellvertretenden  SPD-Vorsitzenden Frank- Walter Steinmeier, und zwar aus einer Rede vom 11. März diesen Jahres. In ihr wandte er sich ausdrücklich gegen „eindimensionale oder gar einsinnige Geschichtsschreibung“ und gegen Versuche, „Geschichte zu instrumentalisieren“. Seine Ansprache hielt er allerdings als Bundesaußenminister vor international zusammengesetztem Publikum. Für den „innerdeutschen“ Hausgebrauch gelten den derzeit tonangebenden Politikern, Zeitgeschichtlern und Medienvertretern gänzlich andere Maßstäbe. Da ist von „Pluralität“ nichts zu merken, sondern da bewahrheitet sich erwartungsgemäß, was wir seit jeher wissen: Wie Geschichte betrachtet wird, hängt immer von den Interessen der Betrachter ab. Wer zum Beispiel daran interessiert ist, dass Sozialismus nicht einmal mehr ansatzweise zum Zuge kommt, hängt ihm alle möglichen Fehlleistungen, ja alle nur denkbaren Untaten an, um zu beweisen, dass nie mehr sein kann, was nach seiner Ansicht nie mehr sein darf.

Das ist der Zweck der Übung etwa bei der Gedenkstätten-Konzeption der Bundesregierung. Nicht nur wir von der GBM haben dazu unseren Widerspruch angemeldet, sondern auch der Zentralrat der Juden in Deutschland, der Zentralrat der deutschen Sinti und Roma, am vergangenen Wochenende wieder die VVN-BdA auf ihrem Bundeskongress und andere. Indem jene Konzeption entsprechend der Totalitarismus-Doktrin die Nazi- Diktatur und die DDR in einem Atemzug nennt, wird die DDR samt allen, die ihr verbunden waren, kriminalisiert und zugleich die Nazi-Diktatur „entkriminalisiert“ – so wurde das auf dem VVN-Kongress genannt. Wohin das führt, zeigen die sich häufenden Nazi-Aufmärsche, bei denen die Faschisten immer aggressiver auftreten, oder ihre frechen Übergriffe im „Kampf um die Straße“ – wie  sie es nennen -, bei denen sie immer brutaler zuschlagen. Davon ablenken sollen die Versuche der heute Herrschenden, den Antifaschismus in der gewesenen DDR verächtlich zu machen. Auf dem VVN- Kongress formulierte ein Redner durchaus treffend: „Antifaschismus wie in der DDR würde der heutigen BRD gut tun.“ Und Prof. Heinrich Fink, einer der VVN-Vorsitzenden, erklärte in seinem Kongressreferat unter dem Beifall der Delegierten: „Wenn es in der alten Bundesrepublik einen verordneten Antifaschismus gegeben hätte, brauchten wir heute nicht um ein NPD-Verbot zu kämpfen.“

Weil wir uns als GBM bemühen, geschichtliche Hintergründe und Zusammenhänge aufzuhellen, und dabei Fakten sprechen lassen, die manche nicht wahrhaben wollen, bleiben Anfeindungen nicht aus. So erging es auch dem Insider-Komitee, das viel unternommen hat, die Geschichte des MfS kritisch aufzuarbeiten. Nicht etwa erst unter dem Eindruck jüngster Anwürfe, sondern schon vor Monaten beschloss das Komitee, seine viel beachtete Arbeit in der bisherigen Form einzustellen. In der Aktivität des Berliner Alternativen Geschichtsforums werden wir um die Geschichte des MfS auch künftig keinen Bogen machen. Die Bandagen im Ringen um Deutungshoheit über jüngere und jüngste deutsche Geschichte sind in letzter Zeit auf der Gegenseite härter geworden. Wir werden in diesem, vor allem aber im nächsten Jahr erleben, wie die andere Seite ihr Bemühen weiter verstärkt, historische Ereignisse und Entwicklungen zu verzerren, Biographien zu verunglimpfen, Lebensleistungen zu entwerten und – um es in der Sprache der Zehn Gebote auszudrücken – falsch Zeugnis zu reden. Das entspreche dem Zeitgeist, wird gesagt. Doch schon Goethes Faust spricht es aus: „Was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist ...“ Die derzeitigen Herren verbreiten ihre Lesart von Geschichte, um ihr Herrschaftssystem abzustützen, ihre Denkweise zu begründen, ihre Politik zu rechtfertigen. Sie verfahren, um noch einmal Goethe zu zitieren, nach der Methode: „Im Auslegen seid frisch und munter! Legt ihr’s nicht aus, so legt was unter.“ Wir dagegen – so besagt es auch der Entwurf der Arbeitsschwerpunkte – wollen zur Wahrheitsfindung beitragen; denn Wahrheit und Klarheit in Fragen der Geschichte ist wichtig und notwendig für Gegenwart und Zukunft.

 
 
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