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Wahrheit und Klarheit in Fragen der Geschichte
Diskussionsbeitrag von Prof. Dr. Gerhard Fischer
„In
der historischen Erkenntnis ist eine Pluralität von
Sichtweisen oft unvermeidlich und legitim.“ Dieser
kluge Satz stammt nicht etwa von einem Mitstreiter
unseres Berliner Alternativen Geschichtsforums bei der
GBM, sondern von dem stellvertretenden
SPD-Vorsitzenden Frank- Walter Steinmeier, und zwar
aus einer Rede vom 11. März diesen Jahres. In ihr
wandte er sich ausdrücklich gegen „eindimensionale
oder gar einsinnige Geschichtsschreibung“ und gegen
Versuche, „Geschichte zu instrumentalisieren“. Seine
Ansprache hielt er allerdings als Bundesaußenminister
vor international zusammengesetztem Publikum. Für den
„innerdeutschen“ Hausgebrauch gelten den derzeit
tonangebenden Politikern, Zeitgeschichtlern und
Medienvertretern gänzlich andere Maßstäbe. Da ist von
„Pluralität“ nichts zu merken, sondern da bewahrheitet
sich erwartungsgemäß, was wir seit jeher wissen: Wie
Geschichte betrachtet wird, hängt immer von den
Interessen der Betrachter ab. Wer zum Beispiel daran
interessiert ist, dass Sozialismus nicht einmal mehr
ansatzweise zum Zuge kommt, hängt ihm alle möglichen
Fehlleistungen, ja alle nur denkbaren Untaten an, um
zu beweisen, dass nie mehr sein kann, was nach seiner
Ansicht nie mehr sein darf.
Das ist
der Zweck der Übung etwa bei der
Gedenkstätten-Konzeption der Bundesregierung. Nicht
nur wir von der GBM haben dazu unseren Widerspruch
angemeldet, sondern auch der Zentralrat der Juden in
Deutschland, der Zentralrat der deutschen Sinti und
Roma, am vergangenen Wochenende wieder die VVN-BdA auf
ihrem Bundeskongress und andere. Indem jene Konzeption
entsprechend der Totalitarismus-Doktrin die Nazi-
Diktatur und die DDR in einem Atemzug nennt, wird die
DDR samt allen, die ihr verbunden waren,
kriminalisiert und zugleich die Nazi-Diktatur
„entkriminalisiert“ – so wurde das auf dem
VVN-Kongress genannt. Wohin das führt, zeigen die sich
häufenden Nazi-Aufmärsche, bei denen die Faschisten
immer aggressiver auftreten, oder ihre frechen
Übergriffe im „Kampf um die Straße“ – wie sie es
nennen -, bei denen sie immer brutaler zuschlagen.
Davon ablenken sollen die Versuche der heute
Herrschenden, den Antifaschismus in der gewesenen DDR
verächtlich zu machen. Auf dem VVN- Kongress
formulierte ein Redner durchaus treffend:
„Antifaschismus wie in der DDR würde der heutigen BRD
gut tun.“ Und Prof. Heinrich Fink, einer der
VVN-Vorsitzenden, erklärte in seinem Kongressreferat
unter dem Beifall der Delegierten: „Wenn es in der
alten Bundesrepublik einen verordneten Antifaschismus
gegeben hätte, brauchten wir heute nicht um ein
NPD-Verbot zu kämpfen.“
Weil
wir uns als GBM bemühen, geschichtliche Hintergründe
und Zusammenhänge aufzuhellen, und dabei Fakten
sprechen lassen, die manche nicht wahrhaben wollen,
bleiben Anfeindungen nicht aus. So erging es auch dem
Insider-Komitee, das viel unternommen hat, die
Geschichte des MfS kritisch aufzuarbeiten. Nicht etwa
erst unter dem Eindruck jüngster Anwürfe, sondern
schon vor Monaten beschloss das Komitee, seine viel
beachtete Arbeit in der bisherigen Form einzustellen.
In der Aktivität des Berliner Alternativen
Geschichtsforums werden wir um die Geschichte des MfS
auch künftig keinen Bogen machen. Die Bandagen im
Ringen um Deutungshoheit über jüngere und jüngste
deutsche Geschichte sind in letzter Zeit auf der
Gegenseite härter geworden. Wir werden in diesem, vor
allem aber im nächsten Jahr erleben, wie die andere
Seite ihr Bemühen weiter verstärkt, historische
Ereignisse und Entwicklungen zu verzerren, Biographien
zu verunglimpfen, Lebensleistungen zu entwerten und –
um es in der Sprache der Zehn Gebote auszudrücken –
falsch Zeugnis zu reden. Das entspreche dem Zeitgeist,
wird gesagt. Doch schon Goethes Faust spricht es aus:
„Was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund
der Herren eigner Geist ...“ Die derzeitigen Herren
verbreiten ihre Lesart von Geschichte, um ihr
Herrschaftssystem abzustützen, ihre Denkweise zu
begründen, ihre Politik zu rechtfertigen. Sie
verfahren, um noch einmal Goethe zu zitieren, nach der
Methode: „Im Auslegen seid frisch und munter! Legt
ihr’s nicht aus, so legt was unter.“ Wir dagegen – so
besagt es auch der Entwurf der Arbeitsschwerpunkte –
wollen zur Wahrheitsfindung beitragen; denn Wahrheit
und Klarheit in Fragen der Geschichte ist wichtig und
notwendig für Gegenwart und Zukunft. |
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