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Kolloquium  60 Jahre Gründung der DDR

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40 Jahre Gesundheitswesen der DDR -
persönliche Betrachtungen mit dem Abstand von 20 Jahren

Obermedizinalrat
Prof. Dr. sc. med. Herbert Kreibich

Das Gesundheitswesen in der DDR war
und bleibt in vielen seiner Facetten
international hoch anerkannt und national
bis in die Gegenwart vorbildlich, dies
kann ich auch als langjährig tätiger
Ständiger Berater (Permanent Panel
Member) des Hauptquartiers der Welt-
gesundheitsorganisation in Genf bestätigen. Diese Vorbildfunktion besteht insbesondere mit den Polikliniken, dem Hausarzt-System, dem Betriebs-Gesundheitswesen, dem Mutter-Kinder- und Jugend-Gesundheitsschutz, dem Impfwesen, der Dipensaire-Betreuung chronisch Kranker mit Tbc und anderen Lungenkrankheiten, mit Diabetes und anderen Stoffwechselkrankheiten, mit Herz-Kreislauf-Krankheiten und mit Krebs-Erkrankungen, einschließlich vorbildlichem Krebsregister, sowie mit der Lebensmittelhygiene, mit der Rehabilitation psychisch Schwer- und physisch Schwerstgeschädigter sowie mit der Aus-, Weiter- und Fortbildung der Ärzte und der medizinischen Fachschulkräfte.

Ich beabsichtige mit diesem Beitrag nicht, die Fehler und Schwächen des Gesundheitswesens der DDR darzustellen, möchte dazu aber notwendigerweise die Aussage des jahrzehntelang sehr erfolgreich tätigen Gesundheitsministers der DDR, Ludwig Mecklinger, zitieren: “……geradezu typisch für die Aufarbeitung der DDR-Geschichte …… ist der offenkundige Widerspruch zwischen Zielstellung, Aufgabenstellung, auch Willensvorstellung und dem tatsächlich Erreichten - durch die nur begrenzt vorhandenen ökonomischen Möglichkeiten der DDR.” *

Aktuell ist in Deutschland die Diskussion um Polikliniken, heute allerdings meist als Medizinisches Versorgungszentrum, Gesundheitszentrum, Ärztehaus oder Polikum bezeichnet. Die Bundesgesundheitsministerin, Frau Ulla Schmidt, sprach neulich von einer ”Ost-Errungenschaft”.

Es war ein großer Fehler, die meisten Polikliniken der DDR zu schließen, denn sie sicherten für die Patienten eine integrative Versorgung und waren eine Schnittstelle zwischen stationärer und ambulanter Betreuung. Die erste Poliklinik war 1809 von Hufeland an der Charité gegründet worden. Später wurden in der Weimarer Republik nach Streiks der niedergelassenen Ärzte von der AOK kommunale Polikliniken gebildet. In Berlin lernten damals russische Ärzte die Poliklinik “Haus der Gesundheit” am Alexanderplatz kennen und führten sie danach in der UdSSR ein. Auf diesem Umweg kam 1945 ein sehr leistungsfähiges Betreuungssystem deutscher Herkunft nach Deutschland zurück. Das Hausarzt-System gehört zu den “Markenzeichen” des DDR-Gesundheitswesens. Die Hausärzte waren Fachärzte für Allgemeinmedizin oder Innere Medizin und waren vor allem als angestellte Ärzte in staatlichen Einzelpraxen, in Stadt- und Landambulatorien (Praxisgemeinschaften) oder Polikliniken an Krankenhäusern bzw. in städtischen oder betrieblichen Ballungsgebieten tätig. Bereits seit 1961 gab es die dreijährige Facharzt-Spezialisierung Praktischer Arzt und seit 1965 die fünfjährige Spezialisierung zum Facharzt für Allgemeinmedizin.

* In: Zur Umsetzung der Gesundheitspolitik im Gesundheits- und Sozialwesen der DDR, Veröff. Med. u. Ges. 1998, 4, (H15)

Durch Orientierung der Medizin-Absolventen und Zurverfügung-Stellung von ausreichenden Spezialisierungs-Verträgen Allgemeinmedizin (alle Ärzte konnten und sollten eine fünfjähriges Facharzt-Spezialisierung erhalten) waren 1988 fast die Hälfte aller Ärzte Hausärzte, ein nahezu idealer Zustand, der vergleichsweise nur in skandinavischen Ländern erreicht wurde.

Hervorzuheben ist, dass als alte deutsche Tradition die freie Arztwahl garantiert war, dies im Unterschied zu Primärarzt-Modellen anderer Länder. Der geschäftsführende Arzt der Ärztekammer Hamburg, Klaus Damm, formulierte 2002: “ In der alten Bundesrepublik hat es nie eine ausreichende Weiterbildungskapazität für Allgemeinmediziner gegeben. In Ostdeutschland war das früher ein blühendes System mit ausgezeichneter Weiterbildung - man kann es so sagen: Wir haben es versäumt, hier von der DDR zu lernen!” * Selbst war ich während meines Berufslebens in der DDR als Betriebsarzt im Werk für Fernsehelektronik in Berlin-Schöneweide und im Berliner Reifenwerk Berlin-Schmöckwitz, als Arbeitshygieniker in der zentralen Arbeitshygiene-Inspektion des Gesundheitsministeriums in Berlin-Mitte und als Arbeitsmediziner im Zentralinstitut für Arbeitsmedizin in Berlin-Lichtenberg tätig. Im nationalen Maßstab und im internationalen Vergleich war sowohl das Betriebsgesundheitswesen als auch der gesamte Gesundheits- und Arbeitsschutz besonders entwickelt und gefördert, dies entsprach auch dem generellen gesundheits- und wissenschaftspolitischen Selbstverständnis des “Arbeiter- und Bauernstaates”, der vereinigten Arbeiterpartei SED und dem der Gewerkschaften des FDGB. 1986 stellte der Präsident der Internationalen Vereinigung für Arbeitssoziologie, der US-Amerikaner John ELLING, eine umfangreiche Analyse vor, die zu folgendem Fazit kam: “In der Sphäre der Verbindung von Arbeits- und Gesundheitsschutz und der primären Gesundheitsfürsorge steht -wenn auch noch viele Probleme vorhanden sind - die DDR an vorderster Stelle unter den untersuchten Ländern ((Bundesrepublik Deutschland, DDR, Finnland, Großbritannien, Schweden, USA)”** Bereits im Deutschen Reich wurden von den Großbetrieben der Chemischen Industrie Fabrik- bzw. Werksärzte, im Bergbau Knappschaftsärzte und bei der Reichsbahn Bahnärzte angestellt. Diese Betriebsärzte und deren Mitarbeiter hatten die Aufgabe der Vorsorge und der Ersten Hilfe bei Unfällen und Intoxikationen wahrzunehmen. Am 9. Oktober 1947 wurde mit dem Befehl 234 der “Sowjetischen Militäradministration” eine Verordnung über die Verbesserung der ärztlichen Betreuung der Arbeiter und Angestellten herausgegeben, die den systematischen Aufbau eines betriebsunabhängigen, staatlichen Betriebsgesundheitswesens in allen Betrieben der Industrie, des Verkehrs und der Landwirtschaft, auf Baustellen und in den Verwaltungen, Schulen und Hochschulen initiierte.

* In: Der Kassenarzt 38/39, 2002, S. 19
** In: The struggle for worker`s health: A study of six insustrialized countries, Baywood Publishing Company Inc., Firmingdale, New York, 1986 

Je nach Art und Schwere der Arbeitsprozesse und differenziert nach Zahl der Beschäftigten wurden Polikliniken, Ambulatorien, Arzt- und Schwestern-Sanitätsstellen und Gesundheitsstuben für eine oder mehrere Firmen vorgegeben. Die Finanzierung erfolgte grundsätzlich dual (betriebliche- einschließlich Sozial-Fonds und staatliche Haushaltsmittel), das medizinische Personal war staatlich angestellt und dem Amtsarzt/Kreisarzt unterstellt. Jährlich wurden insgesamt bis zu 7.344.000 Werktätige betriebsärztlich betreut; rd. 75% der Beschäftigten durch das Betriebsgesundheitswesen. (Einrichtungen der ambulanten medizinischen Betreuung - (AMB) - nahmen diese Aufgabe insbesondere in Bezirken mit überwiegend landwirtschaftlicher Produktion wahr). Es gab 1987: § 151 Betriebspolikliniken, § 364 Betriebsambulatorien, § 1967 Betriebsarztsanitätsstellen, § 1295 Schwesternsanitätsstellen sowie einige Betriebskrankenhäuser und Betriebssanatorien, insbesondere im Bergbau und der Chemischen Industrie. - 5 - 20.472 Mitarbeiter, davon 2.909 Ärzte und 10.300 Schwestern widmeten sich der spezifischen betriebsärztlichen Betreuung der Werktätigen und der Beratung der Betriebe bei der Gestaltung gesundheitsgerechter Arbeitsbedingungen. Als Betriebsärzte sind Fachärzte für Allgemeinmedizin, Internisten, Dermatologen, Orthopäden, Augenärzte, Gynäkologen, Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, Fachärzte für Arbeitsmedizin sowie Zahnärzte tätig gewesen. Es galt als ein allgemein akzeptierter Vorzug des Betriebsgesundheitswesens in der DDR, dass der Betriebsarzt sowohl präventiv als auch kurativ tätig war. Als herausragende Ergebnisse in Forschung und Lehre der Arbeitsmedizin der DDR sind zu nennen: § das in der Welt erst- und bisher einmalige Vorgehen, im Maßstab eines Staates die arbeitsplatzbezogenen arbeitshygienischen Daten und die medizinischen Befunde der an diesen Arbeitsplätzen Beschäftigten regelmäßig, differenziert und nahezu komplett zu erfassen, einheitlich zu dokumentieren und regional wie zentral epidemiologisch auszuwerten* und § das der Facharztweiterbildung “Arbeitsmedizin” adäquate postgraduale Studium von Physikern, Ingenieuren, Chemikern, Psychologen, Soziologen u.a. zu “Fachwissenschaftlern der Medizin/Arbeitshygiene”. Dies sicherte die notwendige Interdisziplinarität der wissenschaftlichen und praktischen Arbeit auf diesem Gebiet und bleibt international maßstabsetzend.

Mit dem Anschluss der Deutschen Demokratischen Republik an die Bundesrepublik Deutschland 1990 trat ein jähes Ende des Betriebs-Gesundheitswesens ein. Die Entindustrialisierung in den Neuen Bundesländern und in der Bundeshauptstadt erreichte eine in der Geschichte bisher einmalige Dimension, die Arbeiterklasse als soziale und politische Kategorie spielt nur noch eine marginale Rolle im rudimentären Produktions- und Reproduktionsprozesses dieser Region im Herzen Europas. Dementsprechend fehlen die materiellen und personellen Voraussetzungen für einen Gesundheitsschutz in den Betrieben. Es gibt nur noch betriebsärztliche “Reste” (z.B. im Jahre 2009 im Land Brandenburg nur noch 106 vorwiegend nebenberufliche Betriebsärzte, selbst betreue ich dort z.Z. als Hausarzt 40 Firmen). Wir beschäftigen uns vor allem mit den öffentlichen Verwaltungen, Krankenhäusern, Kureinrichtungen und Handelsketten als größten regionalen “Arbeitgebern” sowie Handwerksbetrieben u.a. Kleinstfirmen und suchen nach unserer diesbezüglichen Sinn- und Zweckbestimmung. Es trat auf diesem Gebiet des gesellschaftlichen Lebens ein Rückfall auf das Niveau von Entwicklungsländern ein. * Dies geschah schrittweise seit 1976 und rechtsverbindlich geregelt von 1981 bis 1990.

Verehrte Damen und Herren, liebe Freunde und Genossen! Als marxistische Zeitzeugen sollten wir weiterhin kritisch und selbstkritisch Ursachen, Widersprüche und Folgen gesellschaftlicher Prozesse suchen und benennen, denn zu unserer “Mitgift” in die deutsche Einheit gehören weit über das “tote und lebende Inventar” hinaus, welches in den Grundlagenvertrag eingebracht wurde, unsere vergangenen und gegenwärtigen Erfahrungen.
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