Artur Spengler, Memleben
Mein Leben in Deutschland
Geboren am 10. Januar 1930, wuchs ich als
kleines Kind noch knapp 3 Jahre in der Weimarer
Republik heran, um dann die 12 Jahre des Dritten
Reiches als Junge und junger Mann bewusst zu
erleben.
Als 15jähriger war ich als Volkssturmmann, als
Kradmelder, mit dabei, die „Heimat zu
verteidigen“. Als 19jähriges FDJ-Mitglied
erlebte ich zunächst im Mai 1949 die Ausrufung
der Bundesrepublik Deutschland und danach im
Oktober 1949 die Gründung der Deutschen
Demokratischen Republik. Ich war mit meinen
FDJ-Freunden dabei, als wir am Abend des 8.
Oktober in Berlin vor unserem Präsidenten
Wilhelm Pieck vorbeizogen und ihm dabei
gelobten, alles in unserer Kraft Stehende für
den Aufbau unserer jungen Demokratischen
Republik zu tun. Diesem Gebot bin ich dauerhaft
treu geblieben.
Nachdem ich am 2. Juli 1948 die Prüfung zum
Abitur erfolgreich bestanden hatte, berichtete
ich am selben Tag meiner Mutter, dass der neu
eingeführte Unterricht im Fach Geschichte über
den wissenschaftlichen Sozialismus mir sehr viel
bedeutet hat und dass ich mich mit diesen Fragen
weiter beschäftigen würde. Die Ideen der
Vorsozialisten, der Gedankenreichtum von Marx
und Engels, hatte mich außerordentlich
beeindruckt. So war es eigentlich normal, dass
ich – seit August 1946 – Mitglied der FDJ (bald
Vorsitzender einer Betriebsgruppe und danach der
gesamten Ortsgruppe mit 3 Grundeinheiten) in
Gatersleben war; am 25. Januar 1949 Mitglied der
Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands
wurde.
In dieser Zeit hatte ich sehr aufmerksam die
Entwicklung in Deutschland verfolgt und aktiv in
der Volkskongressbewegung in der damaligen
Ostzone mitgearbeitet. Ich war froh und stolz,
als die DDR gegründet worden war. Ich habe in
ihr mit ganzem Einsatz gearbeitet und gewirkt.
So begann ich nach Abschluss meiner zweijährigen
beruflichen Ausbildung als Landwirt das Studium
der Agrarwissenschaften an der
Landwirtschaftlichen Fakultät der
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. In
den Praktika und Semesterferien übte ich
vertretungsweise Leitungsfunktionen in den
damaligen Universitätsversuchsgütern Gatersleben
bzw. Etzdorf aus und bereitete mich so auf
spätere leitende Funktionen in unserer
Landwirtschaft vor. Ein gewisser Höhepunkt im
letzten Studienjahr war die Unterstützung der
sich seit der 2. Parteikonferenz der SED im
Sommer 1952 bildenden Landwirtschaftlichen
Produktionsgenossenschaften. In 40 unter meiner
Leitung stehenden Brigaden von jeweils 3 bis 4
Studenten unterstützten wir erfolgreich 70 der
im Werden befindlichen LPG im Saalkreis und
angrenzenden Gebieten des Bezirkes Halle.
Während eines späteren Plenums des ZK der SED
erhielten wir dafür viel Anerkennung und Lob.
Auf dem Kongress werktätiger Bauern in Leipzig
im Februar 1953 berichtete ich über diese unsere
Arbeit.
Nach Beendigung des Studiums wurde mir als
23jährigen jungen Diplomlandwirt zunächst die
Leitung des Volkseigenen Gutes Werder bei
Merseburg für ein Jahr übertragen. Dem schloss
sich meine 9jährige Tätigkeit als Direktor im
Volkseigenen Gut Hübitz, Kreis Eisleben, an. In
diesen Jahren schuf ich dort durch zielstrebige
Arbeit den ersten vollmechanisierten und
vollmotorisierten Landwirtschaftsbetrieb der DDR
und entwickelte ihn in jeder Hinsicht enorm
weiter. Die Leistungen des Betriebskollektivs
wurden mit der Verleihung des ‚Vaterländischen
Verdienstordens’ geehrt, nachdem wir 1960 im
Wettbewerb aller staatlichen Güter in der DDR
Sieger waren und die Wanderfahne des
Landwirtschaftsministeriums und der Gewerkschaft
Land, Nahrungsgüter, Forst übernommen hatten.
Für meine Hübitzer Zeit war auch der 3monatige
Einsatz im Rahmen einer Brigade zur Gewinnung
der Einzelbauern in der Gemeinde Bornstedt von
Bedeutung. Dort haben wir in systematischer
Kleinarbeit, in aufklärenden sachlichen
Gesprächen – so, wie es Lenin gefordert hatte –
die überwiegende Mehrheit der dortigen Bauern
für diesen Schritt gewinnen können und stellten
die Tätigkeit Ende 1959 ein, obwohl nicht alle
Bauern ihren Eintritt in die LPG erklärt hatten.
Erst und ohne Zutun unserer Arbeitsgruppe in der
Frühjahrsaktion 1960 sind mit mehr oder weniger
Gewalt dort die letzten Bauern zum Eintritt
geführt worden.
In diesen Jahren meiner Hübitzer Tätigkeit war
ich Mitglied der Kammer der Technik, Fachverband
Land- und Forsttechnik, geworden und hatte 1960
die Deutsche Agrar-wissenschaftliche
Gesellschaft mit gegründet. Beide Organisationen
haben durch ihre organisierte
freiwillig-technische Gemeinschaftsarbeit, und
vor allem durch Erfahrungsaustausche und
Weiterbildung, viel dazu getan, dass es in
unserer Landwirtschaft gut voranging. In beiden
Organisationen habe ich an leitender Stelle in
Halle bzw. zentral mitgewirkt.
Für meine persönliche Entwicklung war die
Tätigkeit als Mitglied der Agrar-kommission beim
Politbüro des ZK der SED, die 1959 unter die
Leitung von Gerhard Grüneberg gestellt worden
war, von erheblicher Bedeutung. Ich habe selber
dabei viel gelernt und zugleich auch eine
wissenschaftliche Arbeit initiiert, die ich als
Externer am Institut für Betriebswirtschaft der
Agrarfakultät in Halle tätigte.
Systematische Untersuchungen zur Technologie und
zur Ökonomie der Produktion führten dazu, dass
ich Ende 1963 meine Dissertation mit folgender
Thematik vorlegte: „Die Technisierung eines
sozialistischen Landwirtschaftsbetriebes der DDR
und deren Auswirkungen auf Arbeitsproduktivität,
Nutzeffekt der Gesamtarbeit und Rentabilität
(dargestellt am Beispiel des VEG Hübitz, Bezirk
Halle (S.)“.
Ich konnte diese im Dezember 1964 im Rahmen
eines großen Kolloquiums erfolg-reich
verteidigen.
In meiner ganzen Wirkungszeit in den
Volkseigenen Gütern, den Staatsgütern der DDR,
ließ ich mich leiten von den politischen und
ökonomischen Aufgaben, wie sie bereits Edwin
Hoernle, der herausragende Agrarpolitiker der
KPD, formuliert hatte.
Ihnen, den volkseigenen Gütern, den Staatsgütern
der DDR, war primär die Aufgabe gestellt,
hochwertiges Saatgut und leistungsfähiges
Zuchtvieh für die gesamte Landwirtschaft zu
erzeugen, große moderne Musterwirtschaften zu
sein, die den wissenschaftlich-technischen
Fortschritt meisterten und auf diesem Wege
wesentliche Beiträge zur Versorgung der Bürger
unseres Landes mit hochwertigen Nahrungsmitteln
leisteten und auch Rohstoffe für die Industrie
bereitstellten. Diese Staatsgüter waren zugleich
auserkoren, im ländlichen Raum den Fortschritt
zu verwirklichen und die Zurückgebliebenheit der
Landregionen zu überwinden. Den Staatsgütern
oblag es daher, die gesamte Ausbildung des
beruflichen Nachwuchses zu gewährleisten.
Diese Aufgabenstellung war für mich immer das
entscheidende Motiv für mein gesamtes Wirken und
in diesem Sinne habe ich auch alle meine
Mitar-beiterinnen und Mitarbeiter motiviert.
Durch Entscheidung der übergeordneten Organe war
ich per 15. Dezember 1963 als Direktor des
Volkseigenen Gutes Memleben im damaligen Kreis
Nebra eingesetzt worden. Hier wirkte ich bis
Ende 1991 – es war der bedeutendste Abschnitt
meines beruflichen und auch gesellschaftlichen
Lebens.
Das VEG Memleben war – wie auch sein Nachbar,
das VEG Rossleben – damals 1963 ein
zurückgebliebener Betrieb und diese Tatsache
wurde auf der Ausstellung der agra 1964 in
Leipzig-Markkleeberg in der Halle VEG deutlich
zum Ausdruck gebracht. Der Auftrag an mein
Kollektiv und mich bestand also darin, die
Zurückgebliebenheit dieses Unternehmens zu
überwinden. Das gelang uns bereits im ersten
Jahr meiner dortigen Tätigkeit. Was uns aber
durch einen Beschluss des Politbüros nicht
gelang, war die Wiedervereinigung zwischen
Memleben und Roßleben, die schon einmal von 1952
bis 1955 ein so genanntes Großgut gewesen waren
und dann wieder geteilt wurden, weil man mit
diesem großen Betrieb nicht richtig fertig
wurde. Diesen Gedanken des Zusammengehens mit
dem benachbarten Rossleben habe ich natürlich
nie außer Acht gelassen und wir konnten diesen
Schritt mit Jahresbeginn 1972 vollziehen. Damit
war ein 3.030 ha großes Gut entstanden.
Inzwischen hatten uns aber auch schon die
Bewegungen der Kooperation erfasst. 1967 habe
ich im Auftrag des Sekretariats der Kreisleitung
der SED (ich war Kreisleitungsmitglied) eine
gründliche Studie gemacht, wie im Kreis Nebra
Kooperationsbeziehungen sinnvoll und im
Einvernehmen mit dem Willen der Bauern gerecht
werden konnten. Auf der Grundlage dieses von den
Spezialisten ausgearbeiteten, mit allen
Bäuerinnen und Bauern diskutierten und später
beschlossenen Programms, haben wir 1968 die
Kooperationsgemeinschaft „Unstruttal-Finne“
gegründet und in dieser per 01.01.1969 mit der
Kooperativen Pflanzenproduktion begonnen. Auch
in der Kooperationsgemeinschaft Burgscheidungen
wurde das so gestartet. Das 10. Plenum des ZK
der SED vom April 1970 konnte uns an unserem
Vorgehen nicht hindern, wenngleich damals
Bindungen solcher Art in vielen Orten wieder
auseinander gingen. Wir hatten bei uns von
Anfang an die Kooperative Pflanzenproduktion so
aufgebaut, wie sie später in den KAP’s durch
zentrale Regulierungen geordnet waren mit
eigenen Fonds, mit eigenem Plan, mit eigener
Abrechnung, aber immer auf der Grundlage der
Beschlüsse der Ausgangsbetriebe.
So hat sich daraus dann auch die endgültige
Struktur, nämlich das VEG Pflanzenproduktion
(mit genossenschaftlichen Anteilen) und die LPG
Tierproduktion Wohlmirstedt und Wiehe entwickeln
können. Dass die Rinder- und Schweinemast
zeitweise, von 1978 bis 1989, aus diesem Verbund
als eigenes bezirksgeleitetes VEG Tierproduktion
ausgegliedert wurde, hat unseren kooperativen
Prozess nicht gehemmt, war aber im Prinzip nicht
nötig gewesen. Das war unnötiges Festhalten an
bürokratischen Bestimmungen.
Mit der Übernahme der beiden Volkseigenen Güter
Memleben und Rossleben in den Verband der
Vereinigung Volkseigener Betriebe Saat- und
Pflanzgut Quedlinburg per 01.04.1964 hatten wir
beide Betriebe auf Saatgutproduktion
spezialisiert bei konsequenter Anwendung des
wissenschaftlich-technischen Fortschritts und
vielen modernen Arbeitsmethoden konnte unser
Betriebskollektiv das Unternehmen hervorragend
entwickeln. Das VEG „Thomas Müntzer“ Memleben
war mit seinen 6.150 ha und über 800
Beschäftigten eines der größten
Saatzuchtbetriebe der DDR. Allein das hier
erzeugte Saatgut reichte aus, um die Erträge auf
einer Anbaufläche von 120.000 ha positiv zu
beeinflussen. Notwendigerweise folgten weitere
Entwicklungen. So die Gründung der
Saatgutforschungsgruppe Roßleben, die das
Institut für Saatgutforschung in der DDR werden
sollte. Zunächst 26 wissenschaftliche und
technische Mitarbeiter arbeiteten in Labors und
in einem Versuchsfeld von 16 ha an den Formen,
wie man komplizierte Pflanzen zur guten
Saatgutgewinnung führt und wie durch Nach- und
Vorbehandlung von Saatgut eine höhere
Effektivität erreicht werden kann. Außerdem
wurde bei uns die Saatzuchtstation Roßleben
stationiert, die sich mit der Neuzüchtung von
Sojabohnen und Futtererbsen sowie mit der
Erhaltungszüchtung mehrerer Fruchtarten
befasste. Memleben war in der Saatgutwirtschaft
der DDR eine wichtige Säule, so war es fast
logisch, dass mir die Leitung der Arbeitsgruppe
Saatgut- und Verfahrensforschung im Rahmen der
VVB übertragen wurde. Diese Funktion schloss
ein, zugleich ‚Nationaler Kurator’ der DDR für
die Verfahren der Saatgutwirtschaft beim
Koordinierungszentrum für die Züchtung von
Getreide und Hülsenfrüchten in Odessa zu sein.
Jährlich musste ich dem Koordinierungszentrum
über die Aktivitäten in der Republik berichten
und alle zwei Jahren tagten wir und führten
gründliche Auswertungen und Besprechungen für
neue Aufgaben durch.
Alle diese Aufgaben konnten wir gut lösen und
dabei auch das Ansehen unserer ausländischen
Partner, der Kollegen aus den sozialistischen
Bruderländern, gewinnen.
Nicht unbegründet war das gesamte
Betriebskollektiv, voran die tüchtigen Schäfer,
stolz auf die nahezu 8000 Schafe, die in unserem
Unternehmen gehalten wurden und auf die
Tatsache, dass wir eines der besten
Schafzuchtzentren des Merino-Fleischschafes in
der DDR waren.
In diesen Jahren vernachlässigte ich natürlich
nicht meine eigene wissenschaftliche Arbeit.
Zusammen mit Dr. Peter Feiffer aus Nordhausen
(Mitarbeiter des Forschungszentrums für
Mechanisierung Schlieben-Bornim der
Landwirtschaftsakademie) hatte ich das Verfahren
der Prozessoptimierung des Mädrusches entwickelt
und gemeinsam haben wir sie in jahrelanger
Arbeit in die Praxis der ganzen Republik mit
hohem ökonomischen Nutzeffekt überführt. So war
es möglich, dass wir daraus 1986 unsere
Gemeinschaftsdissertation B vorlegten und vor
einem renommierten Promotionsausschuss
erfolgreich verteidigten.
In den vielen Jahren meiner Tätigkeit in der
Leitung sozialistischer Landwirt-schaftsbetriebe
habe ich immer etwas Zeit abgezweigt, um
Berufskollegen und andere junge Menschen
weiterzubilden. Das erfolgte einerseits in den
schon genannten Organisationen KdT und awig und
hinsichtlich der Ausbildung der Studenten durch
mein Wirken als Lehrbeauftragter (1972) und
später als Honorardozent (1976) für
Sozialistische Betriebswirtschaft an der
Landwirtschaftlichen Fakultät der
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Nach dem Aufbau der Kooperationsbeziehungen war
ich auch Vorsitzender des Kooperationsrates
geworden und habe diese Tätigkeit viele Jahre
ausgeübt. Diese Arbeit war für das
Zusammenwirken der im Kooperationsverbund
zusammengefassten Volkseigenen Güter und
Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften
von großer Wichtigkeit, ging es doch darum, die
unterschiedlichen Aufgaben und auch
unterschiedlichen Meinungen sinnvoll zu einem
einheitlichen Ganzen zusammenzuführen. Das
konnten wir zum Wohle der Arbeiter der VEG und
der Genossenschaftsbauern der LPG, trotz
vielfacher Probleme und oft auch unnötiger
Schwierigkeiten, realisieren.
Als wir 1964 in Memleben eine neue
Zentralwerkstatt auf einem bestimmten Punkt auf
dem Gutshof erbauen wollte, erfuhr ich, welch
große historische Rolle der Ort Memleben in der
Geschichte Deutschlands gespielt hat. Hier war
einer der Königshöfe bzw. Kaiserpfalzen von
Heinrich I. und nach ihm folgenden Ottonen, hier
befand sich die große Marienkirche aus dem 10.
Jahrhundert, die damals wohl das größte Bauwerk
in Deutschland gewesen ist. Daraus ergab sich
für mich die Aufgabe, der Denkmalspflege mehr
zuzuwenden, denn ich hatte außer den Ruinen des
Klosters und der Kaiserpfalz in Memleben, schon
die Burg in Wendelstein als rechtsträger in
Obhut. Hinzugekommen waren später das Schloss
des früheren Rittergutes in Bucha und das
Schloss des frühren Gutsbesitzers in Wiehe. Es
war auf diesem Gebiet also viel zu tun und wir
und ich haben das sehr gern getan.
Überhaupt hat mir die Entwicklung der
Landregionen immer am Herzen gelegen, durch
Infrastrukturmaßnahmen vielfältiger Art, durch
Hilfe für die Gemeinden, aber auch durch
Unterstützung des geistig-kulturellen und des
sportlichen Lebens. Memleben nahm darin
zweifellos in der Republik eine Spitzenstellung
ein. Acht Kulturgruppen, zum Teil in zwei
Kulturensembles zusammenarbeitend, die drei
großen Sportgemeinschaften in etlichen
Sektionen, die erfolgreiche Teilnahme an sieben
den Arbeiterfestspielen parallel gestellten
Kulturfesttage auf dem Lande, die Verbindung mit
vielen Kulturschaffenden, mit Malern, Grafikern,
Schriftstellern, mit Theatern, zeugen von der
Breite dieser Arbeit, die einen hohen
Stellenwert in meinem persönlichen Wirken
einnahm. Höhepunkt waren die jährlichen
Betriebs- und Kooperationsfestspiele, die wir
von 1972 bis 1990 20mal durchführten. Höhepunkte
waren auch die vier Filme, die über das
landwirtschaftliche und geistig-kulturelle
Schaffen in Memleben gedreht worden sind; einer
dieser Filme ist zum 25. Jahrestag der DDR in
allen Botschaften unserer Republik im Ausland
gezeigt worden.
Alle diese Dinge waren vor allen Dingen wichtig
im Hinblick darauf, dass das VEG „Thomas Müntzer“
Memleben der Trägerbetrieb einer großen
Betriebsberufsschule geworden war. Etwa 100
junge Menschen erlernten bei uns in zweijähriger
Ausbildungszeit praktisch die Berufe des
Agrotechniker/Mechanisators der
Pflanzenproduktion, des Schäfers und des
Rinderzüchters sowie des Land-maschinen- und
Traktorenschlossers. Die theoretische Ausbildung
erfasste sogar insgesamt 450 Jungen und Mädchen;
350 erfuhren ihre praktische Ausbildung also in
anderen Betrieben und bei uns nur den
theoretischen Teil. Mit der in jeder Hinsicht
niveauvollen Berufsausbildung haben wir den
Grundstein geschaffen für die weitere gute
Entwicklung unserer sozialistischen
Landwirtschaft. Die heute die Agrarpro-duktion
tragenden Bäuerinnen und Bauern in
Ostdeutschland sind überwiegend auf diesem Weg
für ihre heutige Tätigkeit vorbereitet worden.
Als die Wende im Herbst 1989 sich abzeichnete,
haben engagierte VEG-Direktoren, voran Dietmar
Ketzel und Fritz Messner und weitere sowie auch
ich, den Zentralen Verband der Staatsgüter der
DDR gegründet. Wir wollten damit das Ziel
erreichen, die Stellung der Volkseigenen Güter
im System unserer Landwirtschaft deutlicher
auszuprägen und dann aber auch dafür sorgen,
dass diese Betriebe im Falle der
Wiedervereinigung nicht wieder privatisiert
würden, sondern in neue marktwirtschaftliche
Formen zum Wohle der Landwirtschaft und ihrer
Menschen überführt würden. Dieses Ziel gelang
uns nicht, Bundeskanzler ließ uns mitteilen:
„Der beste Weg für die Entwicklung der
staatlichen Güter der DDR ist ihre
Privatisierung“. So haben wir diesen
Staatsgüterverband am 18. Juni 1997 aufgelöst
und den Mit-gliedern empfohlen, sich länderweise
in Arbeitskreisen ehemaliger
Staatsgüter-Direktoren zusammenzuschließen, um
zu versuchen, einen gewissen Einfluss auf eine
vernünftige Entwicklung der Landwirtschaft zu
nehmen. Das ist in Sachsen-Anhalt,
Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen
auch geschehen. In Thüringen leider nicht.
Per 31.12.1991 wurde auch das von mir geleitete
VEG „Thomas Müntzer“ Memleben aufgelöst und
privatisiert. Für mich begann damit auch eine
neue Lebensetappe – ich musste viel nachdenken
und neu überlegen. Empfohlen durch den damaligen
Vizepräsidenten des Landesbauernverbandes
Sachsen-Anhalt entschloss ich mich,
Unternehmensberater zu werden und mitzuhelfen,
die neu entstehenden Agrarunternehmen auf den
richtigen Weg zu bringen. Das bedeutete vor
allem, auch viele ehemalige LPG in neue
Rechtsformen zu überführen. Vor allem mussten
Wege aufgezeigt werden, wie sie sich gut
entwickeln konnten. Das habe ich zunächst als
Mitarbeiter eines Rechtsanwaltes, dann allein
getan. Im sehr eingeschränkten Umfang tue ich
das heute noch.
Ich hatte 1990/1991 zeitweise meine
Mitgliedschaft in der PDS ruhen lassen, war dann
Ende 1992 in die Arbeitsgemeinschaft
Agrarpolitik/Ländlicher Raum gestoßen und habe
seitdem in ihr aktiv gearbeitet (zuletzt als
Vorsitzender des Sprecherrates der BAG).
Als man 1994 die erste Verwaltungsreform in
Sachsen-Anhalt durchführte und dabei in unserem
Fall die Altkreise Naumburg, Nebra und Zeitz zu
dem Burgenlandkreis zusammenschließen wollten,
holte man mich zur Erarbeitung des
Wahlkreisprogramms unserer Partei und ich habe
dabei auch für den neuen Kreistag fungiert und
10 Jahre lang die dortige Fraktion meiner Partei
geführt. Bei der Wahl zum Landrat 1994 hatte ich
mit 26 % das beste Ergebnis aller PDS-Kandidaten
für ein solches Amt in Sachsen-Anhalt, das
reichte ganz knapp nicht, um in die Stichwahl zu
kommen.
Auf Bitten des Landseniorenverbandes
Sachsen-Anhalt und des Kreisbauernverbandes
Burgenlandkreis engagierte ich mich in der Ende
2000 gebildeten Landseniorenvereinigung, die
sich als kooperatives Organ des Bauernverbandes
versteht. Über 100 Mitglieder und Freunde kommen
hier regelmäßig zusammen, tauschen sich aus und
erleben gemeinsam interessante Bildungsfahrten
und auch mehrtägige Reisen ins In- und Ausland.
Nach zähen Bemühungen im Rahmen der
Freundschaftsgesellschaft der
Landwirtschaftlichen Fakultät der Universität
Halle, die Fakultät als solche zu erhalten,
konnten wir das nicht schaffen. Kultusminister
und Universitätsleitung lösten die Fakultät auf
und stuften sie in ein Institut für Agrar- und
Ernährungswissenschaften zurück. Daraufhin
gründeten wir die Fördergesellschaft für
Agrarwissenschaften e.V. Ende 2006 und stellten
uns das Ziel, in Ostdeutschland nicht nur die
Fakultät in Halle wieder herzustellen, sondern
auch die Agrarfakultäten in Rostock und Berlin
nicht zu zerschlagen. An diesem Ziel arbeite ich
inzwischen als Mitglied des Vorstandes der
Fördergesellschaft für Agrarwissenschaften e.V.
noch intensiv. Erste positive Ergebnisse konnten
wir erreichen.
In diesem Jahr 2009 gedenken wir nicht nur der
Existenz des Grundgesetzes unserer
Bundesrepublik Deutschland, sondern wir erinnern
uns auch an das 40jährige Bestehen der Deutschen
Demokratischen Republik – unseres Staates, den
wir aufgebaut, entwickelt und gestaltet haben.
Das schließt notwendigerweise ein Resümee ein.
Meine Erfahrung: es entsprach dem Wunsch und
Wollen der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung,
1949 mit der Gründung der DDR einen neuen Weg
eingeleitet zu haben. Es gab großen Elan für den
Wiederaufbau, später auch viel Zustimmung zu
einem sozialistischen Weg.
Leider ist dieser
Enthusiasmus der ersten Jahre durch kleinere,
größere und prinzipielle Fehler, vor allem der
führenden Partei, der SED, aber auch des
sozialistischen Staates, bei nicht wenigen
Bürgern nach und nach in Missfallen und sogar in
Protest umgeschlagen. Schließlich haben die
Bürger durch die Aktionen zur Wende diesen Staat
aufgehoben.
Unangemessen und unerträglich war vielfach das
Hineinregieren der SED in die Belange des
Staates und der Wirtschaft, oftmals durch in der
Sache nicht ausreichend qualifizierte Personen.
Unnötige Fehler im wirtschaftlichen Aufbau, auch
in der gut entwickelten Landwirtschaft,
erschwerten unsere Arbeit. Und das war in sehr
vielen Bereichen so. Das sozialistische Ideal
wurde vielfach mit Füßen getreten und so
beschädigt.
Dabei wird bis heute positiv gewertet:
die Bodenreform ab 1945, die Schulreform, den
neu gestalteten Status mit zentraler
Orientierung, die verschiedenen
Hochschulreformen, die sozialistische
Umgestaltung der Landwirtschaft, der soziale
Wohnungsbau, nicht zuletzt auch die neue
Rechtsordnung (Arbeitsgesetzbuch,
Zivilgesetzbuch, die oft sehr ver-nünftige
Lösung von Rechtsverfahren);
im Besonderen auch das Grundrecht auf Arbeit,
das Grundrecht auf angemessene Entlohnung, auf
Aus- und Weiterbildung, auf gesellschaftliche
Arbeit auch in der regulären Arbeitszeit und die
Vielfalt von sozialen Maßnahmen.
Viele Elemente der sozialistischen
Kulturpolitik, die Förderung des
Volkskunstschaffens und vieles andere.
Dagegen sind die mangelhafte Ausformung
vieler Seiten des demokratischen Ver-ständnisses,
der Demokratie, die fehlende Reisefreiheit, die
lange Wartezeit auf hochwertige Konsumgüter wie
Autos, das Fehlen vieler bestimmter zum Leben
notwendigen Stoffe wie Südfrüchte und und und,
Fakten, die verständlicherweise die Bevölkerung
in Gänze nicht akzeptieren konnte.
Viele suchen heute einen Weg, wie die
zweifellosen Vorteile des sozialistischen
Wirtschaftens und Lebens mit den vielen
positiven Elementen der sozialen Marktwirtschaft
(ohne das neoliberal organisierte und betriebene
Staatswesen) verbunden werden können. Ein
solcher Weg wird und muss gefunden werden. Viele
gute Erfahrungen aus der DDR können uns dabei
helfen!