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GBM - Menschenrechtspreis 2008 für Prof. Fritz Vilmar
Ihren Menschenrechtspreis
für das Jahr 2008 verlieh die Gesellschaft zum Schutz
von Bürgerrecht und Menschenwürde e.V. in einer
Feierstunde am 27. November in Berlin dem
Sozial- und Politikwissenschaftler Prof. Dr. Fritz
Vilmar, der seit Anfang der neunziger Jahre der GBM
eng verbunden ist. Deren Vorsitzender, Prof. Dr.
Wolfgang Richter würdigte in seiner Laudatio die
sozialphilosophischen und gesellschaftlichen
Verdienste des Geehrten.
In seiner
Begrüßungsansprache verwies GBM Vorstandsmitglied
Prof. Dr. Gerhard Fischer auf die 60. Wiederkehr des
Tages, an dem Die UNO Vollversammlung die Allgemeine
Erklärung der Menschenrechte verabschiedete. "Damit
wurden grundlegende Lehren aus dem Völkerkampf gegen
den Faschismus gezogen und Fundamente für eine
Menschheitszukunft in Frieden und sozialer
Gerechtigkeit gelegt", stellte er fest. Des weiteren
schilderte er die bewährte Zusammenarbeit der
Alternativen Enquetekommission "Deutsche
Zeitgeschichte", der Vorläuferin des von ihm
geleiteten Berliner Alternativen Geschichtsforums, mit
Fritz Vilmar.

Dann ging Gerhard
Fischer darauf ein, dass am gleichen Tage im
Bendlerblock der Grundstein nahe dem Berliner
Tiergarten der Grundstein für ein "Ehrenmal der
Bundeswehr gelegt worden war. "Im Bendlerblock, wo zur
Nazizeit das OKW, das OKH und zeitweise das OKM ihren
Sitz hatten, wurden Aggressionspläne für den Zweiten
Weltkrieg ausgearbeitet. Im Hof des Bendlerblocks
mussten Oberst Stauffenberg und zwei seiner
Mitverschworenen ihr Leben geben, weil sie - aus
welchen Motiven auch immer - mit Hitlers Raubkrieg
Schluss machen wollten. Im Bendlerblock erinnert die
Gedenkstätte Deutscher Widerstand unter anderem an
Kriegsdienstverweigerer und Deserteure, die einer
Beteiligung an Aggressionshandlungen der
faschistischen Wehrmacht entgehen wollten.
An solchen
Aggressionsakten sind deutsche Soldaten seit 1999
wieder beteiligt. Dass dabei Bundeswehrangehörige wie
Zivilisten ihr Leben verloren, ist Anlass zur Trauer,
gereicht aber der Bundeswehr und ihren Auftraggebern
nicht zur Ehre. So verstehen wir unsere Zusammenkunft
auch als Bekundung von Protest und Gegenwehr -
eingedenk des Artikels 3 der Allgemeinen Erklärung der
Menschenrecht, der das Recht auf Leben proklamiert"
Prof. Dr. Wolfgang
Richter stellte seine Laudatio unter das Leitwort
""Zukunft in der Vergangenheit entdecken - den
Sozialismus neu denken". Damit seien die Themen
bezeichnet, die Fritz Vilmars Leben begleiteten, ihn
als Wissenschaftler herausforderten und als
Friedensforscher bewegten. "Was er sich auch zum
Gegenstand nahm, sei es in seinem
sozialphilosophischen Arbeiten, sei es als einer der
Väter der kritischen Friedensforschung in der
Bundesrepublik, sei es als Reformsozialist, der seine
wissenschaftliche Tätigkeit in den großen Bezugsrahmen
positiven Friedens und demokratischen Sozialismus
stellte, seien es seine Arbeiten über
Wirtschaftsdemokratie, über soziale Selbsthilfe,
Selbstorganisation in Basisbewegungen und Kommunen,
sei es sein ökologisches Engagement - es war alles
immer auch auf dem Weg zu einer humanen, gerechten
Gesellschaft in menschenrechtlicher Absicht gedacht
und getan", hob Wolfgang Richter hervor.
Fritz Vilmar habe
mitten im Geschehen mutig Positionen bezogen und
diesen Mut mit dem stetigen Bemühen verbunden, all die
umstrittenen Fragen auf eine sozialwissenschaftliche
Ebene zu heben.
„Fritz Vilmar ist wohl
zum Dialog geboren“, meinte der Redner. „Dialog nimmt
den Menschen nicht hinter dem Wissenschaftler zurück.
Fritz Vilmar kann mit Engagement umgehen, doch er ist
dadurch nicht interesselos an der Meinung des anderen,
er erachtet sie als erfahrens- und erwägenswert.“ Er
habe gerade auch durch seine objektivierende Art in
den letzten nun schon fast zwanzig Jahren viel zur
Annäherung von Ost und West beigetragen. „Er war
Gründungsmitglied und Vizepräsident des Kuratoriums
der GBM seit 1991. In einer Zeit, in der die
öffentliche Meinung von Vorurteilen, Schmähungen,
Demütigungen und Lügen durchtränkt ist, schafft die
Suche nach Wahrheit nicht nur gute Freunde. Sie macht
oft auch einsam in der wissenschaftlichen Kommunität.
Wer ein Buch über die ‚Kolonialisierung der DDR‘
geschrieben
hat, wird auch das gewiss erfahren haben.“
Vilmars Buch „Rüstung
und Abrüstung im Spätkapitalismus“ (1965) sei ein
Standardwerk der Friedensbewegung geworden, ebenso
sein Buch „Sozialistische Friedenspolitik für Europa“
(1972). Vilmars Lebensmaxime sei es, die kritische
Wissenschaft immer in den Dienst sozialer Bewegungen
zu stellen. „Seine wissenschaftliche und politische
Sozialisation in der so berühmten ‚Frankfurter Schule‘
sowie den Gewerkschaften und Basisbewegungen haben ihn
geprägt. Mit dieser seiner Analyse hat er sich auch
als Friedensforscher, als Kämpfer für Menschenrechte,
auch für das Recht des Menschen auf Leben, einen Namen
gemacht.“ Wenn die GBM, der auch die Deutsche Sektion
des Europäischen Friedensforums angegliedert ist,
heute den Menschenrechtspreis 2008 verleihe, dann wäre
das Friedensengagement von Fritz Vilmar allein schon
ein guter Grund, ihm den Preis zu verleihen. Die
Erinnerung an das Buch über Rüstung und Abrüstung sei
gerade heute auf eine bestimmte Art besonders aktuell.
Das hänge mit seinem systemkritischen,
antineoliberalen und antikapitalistischen Charakter
zusammen. „Heute, in einer Zeit, wo der
‚Spätkapitalismus‘ in eine umfassende Systemkrise
geraten ist und selbst die herrschende Elite die
Systemfrage stellt, gewinnt das Interesse an dem Buch
von Vilmar noch eine andere Facette. Soziale,
politische und gesellschaftliche Krise, die
gegenwärtige Weltkrise, die sich nicht auf eine
Wirtschaftskrise oder gar eine bloße Krise des
Monetarismus reduzieren lässt, sind nicht zuletzt
durch die starke Hinwendung des von Vilmar kritisch
untersuchten Spätkapitalismus zu Neoliberalismus und
Chicagoer Schule noch beschleunigt worden“, fuhr der
Laudator fort. Vilmar lasse sein Buch in die Frage
münden: „Können wir verhindern, dass Westeuropa den
Weg der USA geht: dass der ‚militärisch- industrielle
Komplex‘ zum Krebsgeschwür des gesamten politischen
Lebens wird?“ Das sei im Zusammenhang mit der
Enttabuisierung des Militärischen in der Politik und
wachsenden Gefahren neuer Kriege eine immer noch sehr
aktuelle Frage. Vilmars Hinweis auf die Identität von
Kapitalismus und Rüstung sei nicht das damals modische
Zugeständnis an den Zeitgeist der „Stamokap-Theorie“
gewesen, sondern sei eine These, die sich über die
Jahrzehnte immer aus Neue bestätigt hat. „Prof.
Vilmar, den ich aus der Friedensforschung kannte,
wurde von mir 1990 gebeten, an der Humboldt-
Universität zusammen mit anderen
Politikwissenschaftlern zu helfen, mit den
Gesellschaftswissenschaftlern einschließlich der
Sektion Marxismus- Leninismus eine Sektion
Politikwissenschaft aufzubauen. Fritz Vilmar war von
dem Auftrag sehr angetan und lobte Aufmerksamkeit und
Bereitschaft der Vorlesungsteilnehmer“, erinnerte sich
Prof. Richter. „Er bat mich damals um Mitarbeit im
Arbeitskreis Atomwaffenfreies Europa, dessen
Vorsitzender er war und in dessen Vorstand ich dann
auch gewählt wurde. Der Kreis wurde für einige Zeit
ein echtes Ost-West-Diskussionsforum. Von Beginn
unserer Zusammenarbeit an interessierte sich Fritz
Vilmar für die Art und Weise des Einigungsprozesses,
unterstützte unser Vorhaben, Weißbücher darüber
herauszugeben, und half bei der Titelsuche, wobei das
Wort ‚Unfrieden in Deutschland‘ auf seinen Vorschlag
zurückging. Er schrieb auch eine Nachbetrachtung zu
diesem Weißbuch.“ „Nach einer solchen Niederlage der
bis dato einflussreichsten Weltanschauung der letzten
150 Jahre“, sagte Wolfgang Richter weiter, „ist es
legitim und notwendig, um es mit einem Hegel-Wort zu
sagen, sich – um die Not zu wenden – allen Fragen der
Kritik und Selbstkritik radikal zu stellen; doch
niemand wird verhindern können, es eben mit seinen
Augen zu tun. Fritz Vilmar hat uns immer dann
kritisiert, wenn er unsere Sicht einseitig fand. Er
kritisierte manchmal hart, aber in sympathisierender
Solidarität. Er kam zu den Veranstaltungen und
Jahreshauptversammlungen der GBM. Als 1992 unser
erstes Weißbuch erschien, war er den Mitgliedern der
GBM schon sehr vertraut, und die GBM hatte ihm auch
viele ihrer Mitglieder zu verdanken.“ Auch nach seiner
Emeritierung habe Fritz Vilmar als Hochschullehrer
gearbeitet. 2002 erschien – gegen den Mainstream – das
von Stefan Bollinger und Fritz Vilmar herausgegebene
Buch „Die DDR war anders“. „Fritz Vilmar ging es nie
um Wissenschaft ohne jeden sozialen Bezug“, stellte W.
Richter fest. „Er suchte stets nach Alternativen.“ Er
fordere ein neues Konzept einer demokratischen
Gesellschaft. „Über die Konzepte kann und muss man
streiten. Er wirft den linken Parteien SPD, PDS und
Grüne ‚kleinkariertes Denken‘ vor. Wie vermeintlich
linke Konzepte scheitern müssen, deuten auch die
Gründe seines Austritts aus der SPD an, die er 2003
nach 52-jähriger Mitgliedschaft verließ, weil sie
zunehmend ‚kapitalhörig‘ sei und einen hochgradigen
sozialen Substanzverlust zeige.“ Die Bundesregierung
sei an Ignoranz gegenüber der Geschichte der DDR und
ihren zweifellos vorhandenen positiven
Seiten und Errungenschaften nicht zu überbieten und
habe seit 1999 nichts dazugelernt, „Unbelehrt betreibt
sie das Geschäft, ein DDR-Bild aus der Zeit des Kalten
Krieges zu kolportieren, und stellt die DDR in eine
Reihe mit dem faschistischen Deutschland.“ Im Blick
auf den jüngsten Menschenrechts- Bericht der
Bundesregierung an die UNO kritisierte der Redner eine
Reihe von Menschenrechtsverletzungen im Prozess der
deutschen Einheit. „In all unseren menschenrechtlichen
Bemühungen gegenüber nationalen und internationalen
Adressaten haben wir die Forschungen von Fritz Vilmar
stets als eine wichtige Hilfe und Quelle empfunden und
uns nicht selten auf ihn berufen. Die Einschätzungen
von Fritz Vilmar münden in die Forderung und das
Konzept eines neuen Reformprojekts, an dem auch wir
auf ausgewählten Feldern arbeiten; ich denke an die
Rentenregelungen ebenso wie an menschenrechtliche
Standards, an eine europäische Friedens- und
Sicherheitsordnung ebenso wie an Linien der neueren
Geschichtsschreibung.“ Fritz Vilmar habe sich auch
engagiert für die Erkenntnis eingesetzt, dass die
bildende Kunst aus der DDR nichts für die Müllhalde
der Geschichte ist. Dadurch fühle sich die GBM in
ihrer Galeriearbeit ermutigt. Sie habe seit 10 Jahren
über 50 Ausstellungen veranstaltet. „Die zeitweise
enge, zeitweise auch eher lose Form der Zusammenarbeit
mit Fritz Vilmar in vielen Phasen der GBM- Geschichte
lässt uns mit Hochachtung und Dankbarkeit von ihm und
seinem Schaffen sprechen“, schloss Prof. Richter und
überreichte Prof. Fritz Vilmar die Urkunde sowie die
dazugehörige Skulptur, geschaffen von dem kürzlich
verstorbenen Bildhauer Martin Wetzel. In seiner
Dankesrede äußerte Prof. Dr. Fritz Vilmar seine Freude
über die Verleihung des Menschenrechtspreises der GBM
und dankte ihr „für diese ehrenvolle
Auszeichnung, die meine bald zwanzigjährige
Kooperation mit der Gesellschaft besiegelt“. Seine
Ansprache widmete er dem Thema „Historische Kritik und
Würdigung - die beiden notwendigen Seiten eines
ideologiefreien DDR-Bildes“.
„Meine Gedanken über
die DDR entspringen einem langjährigen – bei diesem
Anlaß sehr dringend gewordenen – existentiellen
Bedürfnis, öffentlich Rechenschaft abzulegen über mein
Verhältnis zur DDR und über die vorherrschende
westdeutsche DDR-Politik“, hob er hervor. „Ich bin
seit der Wende eingetreten für die zahllosen aktiven
Menschen und besonders die Funktionsträger guten
Willens, die vierzig Jahre lang am Aufbau einer nicht-
kapitalistischen Ordnung mitgearbeitet hatten und
jetzt als Mitläufer und als politisch und
wirtschaftlich Unfähige diffamiert werden. Der ja
zumindest teilweise erfolgreiche Kampf der GBM gegen
das jener Diffamierungspolitik entsprechende
Rentenstrafrecht, dessen Unrecht schließlich sogar das
oberste Gericht bloßlegte und zur Revision zwang,
zeigte, dass wir mit unserem Widerstand gegen diese
westdeutsche Anti-DDR-Politik im Recht waren und die
Kolonisatoren im Unrecht
Aber der
Kolonialisierungsprozeß ging ja weiter: Mit dem
Kampfbegriff der ‚Delegitimierung‘ der DDR wurde
versucht, deren gesamtes gesellschaftliches System als
‚Unrechtsstaat‘ in den Mülleimer der Geschichte zu
werfen und seine Einrichtungen zur Zerschlagung oder
Ausweidung freizugeben. Ich brauche nur an die
Verramschung der ostdeutschen Industrie durch die so
genannte Treuhandanstalt zu erinnern oder an die
Entlassung der Mehrheit der ostdeutschen Professoren.
Hier nun stellt sich dem kritischen Soziologen die
schwierige Aufgabe, die ich mit ‚Historischer Kritik
und Würdigung der DDR‘ bezeichnet habe: Wir müssen
versuchen, in der öffentlichen Darstellung der DDR
endlich über das vorherrschende ideologische
Schwarz-Weiß-Bild hinauszukommen.“ Als anzuerkennende
sozial-kulturelle Leistungen nannte der Redner das
didaktisch vorbildliche „polytechnische Prinzip im
Schulwesen der DDR“, die „zukunftweisenden Gehalte in
der ostdeutschen Kunst“, die jahrelange, schließlich
erfolgreiche Arbeit am Zivilgesetzbuch der DDR, die
Möglichkeiten der Mitbestimmung in DDR-Betrieben,
„durch die die ostdeutsche Arbeitswelt als
Lebenszentrum in Erscheinung trat“, die
Neuorganisation der Landwirtschaft in den
Agrargenossenschaften sowie die Polikliniken als „ein
vorbildliches Modell“ medizinischer Versorgung. Des
weiteren verwies Prof. Vilmar auf die Entwicklung der
– teilweise durchaus kritischen – ostdeutschen
Rockmusik und der Singebewegung, auf die
Leistungsfähigkeit des Vorschul- und Schulwesens und
die Entwicklung der beruflichen Erwachsenenbildung,
auf „die größere Selbständigkeit der Frauen in der DDR
im Verhältnis zur BRD“, auf Sozialpolitik und
Arbeitsschutz.
Er zitierte sein und
Stefan Bollingers Urteil aus der von ihnen
herausgegebenen zweibändigen Aufsatzsammlung „Die DDR
war anders“ über „das Wichtigste, das
Zukunftsweisende“: „Es hat sich gezeigt, dass nicht
wenige sozialkulturelle Einrichtungen der DDR Anregung
und Vorbild auch für gesellschaftliche Alternativen
zum westdeutschen Status quo sind. Alle Einrichtungen
sind Belege für die These, dass in der DDR auch
beachtenswerte, zukunftsweisende gesellschaftliche
Strukturen geschaffen wurden und dass dieses
Gesellschaftssystem nicht zu negativen
Pauschalurteilen taugt.“ Seit Jahren kritisiere er –
leider ohne Erfolg! – den fehlenden Mut der PDS und
jetzt der Partei Die Linke vor der eigenen Courage,
was die öffentliche Anerkennung der gesellschaftlichen
Leistungen in der DDR – „trotz all ihrer
Fehlleistungen!“ – betrifft. Im ND habe er
geschrieben: „Ein... Defizit ihrer Programmatik ist
der mangelnde Respekt der LINKEN gegenüber dem
zunehmenden Selbstbewußtsein einer grossen Mehrheit
der Ostdeutschen. Es wird mehr und mehr klar, dass es
in der DDR nicht nur schwerwiegende staatliche
Repressionen und ökonomische Defizite gegeben hat,
sondern auch sehr beachtenswerte sozial-kulturelle
Einrichtungen.“
Andererseits lasteten
in der DDR auf den gesellschaftlichen Leistungen
„schwere Schatten, ja entstellende Einwirkungen“,
meinte Fritz Vilmar: „die undemokratische,
diktatorische Herrschaft vieler staatlicher
Funktionäre und Gesetze“. Das Leben sehr vieler
Menschen in der DDR sei „trotz der wesentlich
verbesserten Bildungs- und Berufschancen, frei von
Arbeitslosigkeit, durch den hochgradigen Mangel an
Meinungs- und Pressefreiheit, politischer und
Reisefreiheit verdüstert“ worden. „Dieser Mangel an
zivilgesellschaftlichen Grundfreiheiten bleibt auch
dann eine Beeinträchtigung des Lebens in der DDR, wenn
wir die von konservativen Politikern und Juristen seit
der westdeutschen Machtübernahme in der DDR
systematisch betriebenen Versuche, die Ostdeutschen
als Opfer einer permanenten Stasispitzel-Verfolgung
darzustellen, als Ergebnis einer antikommunistischen
Hexenjagd, zurückweisen.“ An dieser Stelle verglich
der Referent die „Verfolgung von
nationalsozialistischen und kommunistischen
Straftätern“. „Die Verfolgung der letzteren durch ein
Heer von Ermittlern der Gauck- und Birthlerbehörde
führte zu circa 100 000 Beschuldigten und zu 62 000
Ermittlungsverfahren, schließlich aber zu nur knapp
300 Verurteilungen. Die Verfolgung krimineller
Nazi-Täter in Westdeutschland endete, nachdem man bis
1958 die meisten der verurteilungsfähigen
NS-Verbrecher geräuschlos in der Versenkung hatte
verschwinden lassen, mit der Gründung einer ‚Zentralen
Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer
Gewaltverbrechen‘. Diese aber gelangte mit einer
minimalen personellen Ausstattung und gegen den
Widerstand des Bundesjustizministers, begleitet durch
immer neue Ausklammerung schwer belasteter Gruppen –
zum Beispiel der Wehrmacht! -, in 50 Jahren nur mit
großer Mühe und gegen breiten, wenn auch verhohlenen
öffentlichen Widerstand schließlich zu etwa 400
Verfahren gegen nur 900 Angeklagte“. Die repressiven
Elemente des DDR-Systems leitete Prof. Vilmar aus der
historischen Abhängigkeit ab, „die Staat und
Gesellschaft Ostdeutschlands seit 1945 an die
Sowjetunion und deren stalinistische Diktaturformen
gebunden hat“. Als solche Elemente, „die der
Rechtfertigung
des antidemokratischen russischen
Führungsprinzips dienten“, kennzeichnete Prof. Vilmar
die Dogmatisierung
des Marxismus-Leninismus in der Stalinschen Fassung,
das Kaderprinzip
der allein herrschenden Partei, die Führungsrolle der
Sowjetunion, die Verwerfung der Demokratie zugunsten
des so genannten Demokratischen Zentralismus, die
zentralistische Planwirtschaft und die
Instrumentalisierung der Kunst als alleingültiger
Staatskunst in Form des sozialistischen Realismus.
Doch seien „die positiven Konzepte und Modelle der DDR
eigenständig auf der Grundlage humanistischer und
sozialistischer Traditionen formuliert und in Angriff
genommen worden“. Es sei möglich, „viele der
soziokulturellen Einrichtungen der DDR von ihren
repressiven Rahmenbedingungen zu lösen und sie
positiv-kritisch ‚aufzuheben‘. Und dafür sollten sich
alle sozialistisch orientierten Menschen in
Deutschland selbstbewusst engagieren. Hier wurde in 40
Jahren Wesentliches in Gang gebracht, das nicht für
den Mülleimer der Geschichte ist, sosehr die
reaktionären westdeutschen Kolonisatoren sich auch
darum bemühen“, schloss der Redner.
Dann wandte sich Prof.
Siegfried Mechler, Präsident des Ostdeutschen
Kuratoriums von Verbänden, mit einem Grusswort an
Fritz Vilmar. „Durch vielfältige und langjährige
wissenschaftliche und politische Publikationen im
Interesse des größten Teils des Volkes, der
Werktätigen, hast du dich wahrhaft verdient gemacht“,
führte er aus. Besonders im Osten Deutschlands habe
der Geehrte „vielen Enttäuschten, Entwurzelten und
Deprimierten Mut gemacht für das Weiterdenken, ihnen
bewusst gemacht, dass sie in der DDR ein
anzuerkennendes Leben geführt haben, was ihnen heute
noch von der herrschenden politischen Klasse und ihren
Paladinen streitig gemacht wird“. Unter Hinweis auf
den Vilmar-Band „Die Kolonialisierung der DDR“ stellte
Prof. Mechler fest: Der 13 Jahre alte Sammelband sei
auch heute noch lesenswert „und das nicht nur aus
historischer Sicht, sondern auch für das weitere
Suchen nach fortschrittlichen
Gesellschaftsentwicklungen“. |
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