Peter Michel
Die Verhältnisse durchschaubar machen
Laudatio zur Verleihung des
Menschenrechtspreises der GBM an Heidrun
Hegewald, Willi Sitte und Walter Womacka
Im Dezember 1937 richtete Thomas Mann – aus
seinem schweizerischen Exil – eine Botschaft an
amerikanische Künstler, die sich zu einem
antifaschistischen Kongress zusammengefunden
hatten. »Man hört sagen«, schrieb er, »der
Künstler solle bei seinem Leisten bleiben und
vergebe sich etwas, wenn er ›in die politische
Arena hinabsteige‹, um sich an den Kämpfen des
Tages zu beteiligen. Ich halte diesen Einwand
für hinfällig eben in der Überzeugung, oder
vielmehr in der klaren Erkenntnis von der
Untrennbarkeit der Sphären des Menschlichen,
mögen sie nun Kunst, Kultur oder Politik
heißen.« Diese »klare Erkenntnis« bestimmt auch
das Verhältnis unserer
Menschenrechtsorganisation zu zahlreichen
Künstlern aller Bereiche; und der Entschluss,
heute Prof. Willi Sitte, Heidrun Hegewald und
Prof. Walter Womacka mit unserem
Menschenrechtspreis zu ehren, hat in dieser
Erkenntnis seine Grundlage.
Alle drei sind als Maler und Graphiker ihr
ganzes bisheriges Leben lang untrennbar mit dem
verbunden, was sie an Widersprüchen,
Schönheiten, Schändlichkeiten und Leidenschaften
in ihrem großen und kleinen Umfeld umgab und
umgibt. Künstlerisches und gesellschaftliches
Engagement sind bei ihnen auf
selbstverständliche Weise eins. Das hat seine
Ursachen in den Biografien.
Krieg und Nachkrieg prägten ihr Leben
entscheidend. Heidrun Hegewald erlebte als Kind
im Flammeninferno Dresdens, wie ihr heimatliches
Haus in Schutt und Asche sank. Walter Womacka
und Willi Sitte wurden in Naziuniformen gepresst
und verloren durch die unermessliche Schuld des
faschistischen Deutschland ihre böhmische
Heimat. Für Walter Womacka endeten der Krieg in
amerikanischer Gefangenschaft und der Nachkrieg
mit der Entscheidung, aus Braunschweig in die
gerade gegründete Deutsche Demokratische
Republik überzusiedeln. Willi Sitte kämpfte in
Italien an der Seite der Partisanen; auch er
entscheid sich für ein Leben im Osten
Deutschlands.
Alle drei beeinflussten mit ihrer Kunst in
starkem Maße das spezifische Erscheinungsbild
der »anderen Moderne« in der DDR und nach 1990
in Ostdeutschland. Ja, wir sind so frei, den
Terminus der Moderne für uns zu besetzen, so wie
das unser Freund Prof. Peter H. Feist bereits
vor einigen Jahren praktizierte, und ihn nicht
jenen zu überlassen, die heute mit höchstem
Aufwand Gleichgültigkeiten empormanipulieren.
Und wenn von Avantgarde die Rede ist, so steht
das Werk dieser drei Künstler paradigmatisch für
den eigentlichen Inhalt dieses Begriffs. Alle
drei leiden nicht an dünkelhaftem Hochmut dem
Betrachter gegenüber; sie suchen den Dialog mit
ihm und nehmen ihn ernst; sie entfernen sich
nicht von ihm, bauen auch auf seine Erfahrungen
und fordern ihn.
Alle drei erlebten Demütigungen: Heidrun
Hegewald mit der Nichtachtung ihrer
künstlerischen Arbeit durch selbsternannte
Kunstrichter, durch den Verlust ihres in vielen
Jahren mühevoll den eigenen Bedürfnissen
angepassten Ateliers, durch den Zwang, heute auf
andere Weise ihren Lebensunterhalt zu verdienen,
Walter Womacka durch die Zerstörung seiner
besten Wandbilder beim Abriss des
Außenministeriums der DDR oder durch das
schließliche Verweigern seiner Eintragung ins
Goldene Buch Eisenhüttenstadts durch den
inzwischen abgewählten Bürgermeister - und Willi
Sitte durch die unsäglichen Vorgänge um seine
langfristig geplante und schließlich verbotene
Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum
Nürnberg. Von allen drei Künstlern wurden in
Dresden und andernorts nach dem November 1989
Werke aus den Präsentationen der Galerien
entfernt und in die Depots verbannt. Das sind
Schandflecke, die so schnell nicht von der
polierten Oberfläche der deutschen Kulturnation
zu beseitigen sind.
Doch es gibt auch die unübersehbaren Zeichen
herzlicher, achtungsvoller Verbundenheit und
aktiver Solidarität. Walter Womacka erfährt sie
durch das Wirken seines Freundeskreises und die
erfolgreichen Mühen von Kulturverantwortlichen
in Berlin-Mitte und Eisenhüttenstadt, seine
baugebundenen Werke zu restaurieren und unter
Denkmalschutz zu stellen. Heidrun Hegewald hat
in unserem Freundeskreis »Kunst aus der DDR«, im
ANTIEISZEITKOMITEE, in der
Rosa-Luxemburg-Stiftung und im Berliner
Kulturverein »Helle Panke« Partner, die ihr Werk
präsentieren und verbreiten helfen, nicht nur
ihre Bilder, sondern auch die klugen,
anspruchsvollen Texte, mit denen sie in den
vergangenen zwanzig Jahren verstärkt in die
Öffentlichkeit trat. Willi Sittes Werk fand in
der neuen Merseburger Galerie eine Heimstatt.
Stiftungsrat, Stadt und weitere Partner
leisteten bei der Einrichtung eine hervorragende
Arbeit, und das tun sie auch heute. Als diese
Galerie eingeweiht wurde, warnten
Ministerpräsident Böhmer und Exbundeskanzler
Schröder davor, die Arbeit von Künstlern mit der
billigen tagespolitischen Elle zu messen.
Solcherart Vernunft ist nötig, um die viel
beschworene innere Einheit der Deutschen zu
entwickeln, von der wir noch so weit entfernt
sind; doch diese Mahnung vergessen auch die
gegenwärtig Mächtigen immer mehr.
Der Aachener Kunstmäzen Peter Ludwig schrieb am
2. Juni 1990 an Walter Womacka: »Bleiben Sie,
wie Sie sind!« Alle drei sind sich treu
geblieben. Sie haben ihre Biografien nie
verbogen. Sie ließen sich ihre Würde nicht
nehmen, denn alles, was sie seit ihrer Kindheit
bis heute erlebten und erkannten, sitzt viel zu
tief und fest in ihnen.
Alle drei meldeten sich – nicht nur mit ihren
Bildern, sondern auch in öffentlichen
Auseinandersetzungen und in ihren Publikationen
– politisch mutig zu Wort; Heidrun Hegewald z.B.
in ihrem Buch »Frau K. Die zwei Arten zu
erbleichen«, in ihrem Hörbuch »Land – dreimal
anderes« oder in zahlreichen Beiträgen in
Zeitschriften und anderen Medien, Walter Womacka
und Willi Sitte u. a. in ihren Autobiografien
»Farbe bekennen« und »Farben und Folgen«.
Was sie eint, ist ihre Haltung. Was sie
unterscheidet, ist ihre künstlerische Sprache.
Für jeden ist sie unverkennbar. Doch auch sie
hat ein Gemeinsames, das bei allem Eigensinn als
Fundament unerschütterlich ist: Es ist die
Entscheidung für einen reichen, differenzierten
Realismus, in dem der Mensch im Mittelpunkt
steht – in der Gänze seines Lebens und Erlebens,
seines Glücks und seines Schmerzes. Alle drei
machen mit ihrer Kunst Menschen, Dinge und
Verhältnisse durchschaubarer, verdeutlichen
Ursachen und Hintergründe. Alle drei begreifen
Gegenwart und Zukunft aus der Geschichte. Ihre
Werke sind dem Menschen gemäß und seinen
grundlegenden Rechten. Zugleich sind sie
Fortsetzung kunstgeschichtlicher Tradition.
Willi Sitte, Heidrun Hegewald und Walter Womacka
fragen nach ihren Wurzeln und leugnen sie nicht.
Sie spielen das Spiel nicht mit, nach dessen
Regeln angeblich stets das Neue das Bessere ist,
um marktkompatibel zu sein. Heidrun Hegewald
entdeckte mit ihrer ganz eigenständigen Kunst
den Geist der Käthe Kollwitz durch sich selbst.
Willi Sittes Werk entstand stets im Dialog mit
den Großen der Kunstgeschichte bis hin zur
Klassischen Moderne. Das ist bei Walter Womacka
ganz ähnlich; zu seinen vielen imaginären
Gesprächspartnern gehören Pablo Picasso, Diego
Rivera und David Alfaro Siqueiros.
Als wir im Januar dieses Jahres eine
Personalausstellung Willi Sittes in unserer
Galerie in der Berliner Weitlingstraße
eröffneten, bezeichnete ich sein großes,
mehrteiliges Gemälde »Jeder Mensch hat das Recht
auf Leben und Freiheit« als ein Programmbild
unserer Menschenrechtsorganisation. Er malte es
nach dem Ende des Vietnamkrieges und nach dem
blutigen Putsch Pinochets in Chile, aber er
schlug einen weiten Bogen in Geschichte und
Gegenwart, um Menschenrechte einzuklagen und
ihren Missbrauch anzuprangern. Dafür nutzte er
die sakrale Pathosform des Triptychons und seine
Erfahrungen in der Simultanmalerei. Auf der
Mitteltafel wird ein Vietnamese – mit
verbundenen Augen an ein Kreuz gebunden wie an
einen Pfahl – zum Gleichnis für ein geschundenes
Volk. Er hängt weit nach vorn und ringt mit dem
Tod. Doch die innere Spannung seines Körpers
macht ihn zum Symbol kraftvollen Widerstands.
Die abwehrende Geste eines abgeschossenen
US-amerikanischen Piloten, der mit gekreuzten
Armen die Augen vor seiner Schuld, vor seinem
Verbrechen verschließt, wirkt hilflos. Sein
Mordwerkzeug ist zerstört. Die Bildtafel brennt
in den Farben des Infernos, und diese flammenden
Farben wirken in die anderen Bildtafeln hinein.
Hinweise auf die Anklagebank der Nürnberger
Prozesse, auf die zerschlagene Gitarre Victor
Jaras, auf Menschenversuche und Folter, auf die
Zerstörung kultureller Werte provozieren auf der
linken Seitentafel die ganz aktuelle Forderung
nach der Notwendigkeit von
Kriegsverbrechertribunalen nach dem
NATO-Überfall auf Jugoslawien, nach massenhaften
»Kollateralschäden« - auch in Afghanistan heute,
wo erst vor wenigen Wochen, am 4. September, in
der Nähe von Kundus Zivilisten, darunter viele
Frauen und Kinder, auf Anforderung eines
deutschen Oberst von Bomben zerfetzt wurden und
verbrannten. Im unteren Teil der rechten Tafel
quillt aus dem Leib eines umgestürzten
Trojanischen Pferdes sein todbringender Inhalt.
»Friedensmission« nannte sich der Mord an
friedlichen Menschen bei der Bombardierung der
Brücke von Varvarin. Die Predella beschwört noch
einmal das grausige Ende des deutschen
Faschismus. Das Bild erzwingt Gedankenketten,
wie sie uns ständig beschäftigen. Es ist heute
so zeitgemäß wie damals.
Ein ebensolches Programmbild schuf Walter Womacka. Hier wird weniger assoziiert, doch mit
gleicher Wucht angeklagt. Es zeigt eine
Beweinungsszene mit einem direkten Bezug auf die
Ereignisse des Aggressionskrieges in
Jugoslawien. Ermordete liegen im Vordergrund,
davor eine trauernde, verzweifelte Frau, im
Hintergrund die Szene eines Massakers vor
brennenden Ruinen. Groß und bildbestimmend
drängt sich als ein Gegenstück zum
erschreckenden Bildinhalt eine blaue, in
Schönheit gemalte Rose hervor. Die blaue Blume
ist das Zeichen der Dichtung im Roman »Heinrich
von Ofterdingen« von Novalis; sie wurde seit
Beginn des 19. Jahrhunderts zum Symbol der
romantischen Poesie und ihrer auf das Unendliche
gerichteten Sehnsucht. Diese bildnerische, ganz
und gar unkriegerische Metapher steht im
Fadenkreuz eines elektronisch geführten Krieges.
Ihr droht Vernichtung, wenn sie nicht geschützt
wird. Für die Gesellschaft zum Schutz von
Bürgerrecht und Menschenwürde wurde sie zum
sinnstiftenden Zeichen.
»Kassandra sieht ein Schlangenei« nannte
Heidrun Hegewald ihr eindringliches Gemälde. Um
den tiefen, menschenbezogenen Sinn des
Dargestellten zu ergründen, ist unser Wissen
über antike und christliche Mythologie ebenso
gefragt wie unsere Fähigkeit, die Symbolik ganz
gegenwärtiger Dinge zu erfassen. Von den
Siebziger- bis zum Ende der Achtzigerjahre des
20. Jahrhunderts tauchte die tragische
Frauengestalt Kassandra in den Künsten der DDR,
nach Heidrun Hegewald auch bei Christa Wolf,
immer wieder auf – als Warnerin vor einer
nuklearen Katastrophe, als Mahnerin, die
offensichtlichen Widersprüche der eigenen
Entwicklung bei Strafe des Untergangs nicht zu
überdecken. In der Überlieferung konnte
Kassandra Künftiges richtig voraussagen, doch
niemand glaubte ihr. Dieses Bild, 1981
entstanden, ist ein Appell gegen immanenten und
aufkommenden Faschismus, gegen die Vision eines
totalen Weltenbrandes, ist eine ästhetische und
intellektuelle Provokation. In einem fahlen,
verheißungsvollen Licht erkennt man den
Hurraschrei eines Glatzköpfigen, das gläubige,
faszinierte Aufblicken einer Schwangeren.
Stärker farbig akzentuiert, kleinwüchsig,
flachköpfig, ledergeschnürt, die Augen unter
einer SA-Mütze verborgen, trägt ein eigenartiges
Mischwesen aus Mann und Frau mit dem Gesicht
eines Hitler ein Schlangenei ins Bild. Noch
zwängt sich die Schlange in die zum Zerreißen
gespannte, durchsichtige Haut. Bald wird sie
Unheil verbreiten und mit hypnotischer Energie
Doppelzüngigkeit und Hinterlist in die Welt
bringen. Ihr giftiger Biss wird die Menschen
willenlos machen und ihr kritisches Denken
lähmen. Niemand erkennt die Gefahr. Der Schrei
der Kassandra verhallt ungehört. Der
Massenwahnsinn ist stärker als die Weissagung
der künftigen Katastrophe. Kassandra weiß um die
Nutzlosigkeit ihres Tuns, doch sie kann nicht
anders; sie muss ihrer Verantwortung gerecht
werden. Mit einer Schutzgeste verhindert sie,
dass das Kind auf ihrem Arm das Verderben
bringende Schlangenei wahrnimmt. Es hält in der
Hand einen Papierkranich, wie ihn das japanische
Mädchen Sadako Sasaki hundertfach faltete, bevor
es an den Folgen der Atombombenabwürfe starb.
Diese Malerei ist anschauliches Denken; erwartet
wird, dass der Betrachter solcherart
Herausforderung annimmt. Ästhetisches und
Ethisches konkretisieren sich im Bild als
weltanschauliches Bekenntnis.
In den Fünfzigerjahren zeichnete und malte
Willi Sitte u. a. an einer Bildfolge, die die
Verbrechen der deutschen Wehrmacht in der
tschechischen Gemeinde Lidice und andernorts zum
Inhalt hatte. Mit dem Gemälde »Massaker II« und
anderen Werken arbeitete er sich an diesen
komplexen Stoff heran. Er war damals in einer
für ihn wichtigen Phase der Auseinandersetzung
mit dem Gedanken- und Formenreichtum der Kunst
Pablo Picassos, Renato Guttusos und der
italienischen Realismo-Bewegung. Das war für ihn
kein formaler Akt, sondern eine Frage der
Haltung, die ihm in den Jahren der
Formalismus-Diskussion viel Ärger einbrachte,
den heute niemand mehr versteht. Wie Picasso
sein großes »Guernica«-Bild so und nicht anders
malte, weil das grausige Geschehen ebendiese
Form verlangte, so kam auch Willi Sitte zu
bildnerischen Entscheidungen, die wie kaum
andere in seiner Zeit geeignet waren, über
Betroffenheit hinaus zu wirken. Er studierte
sehr genau die Dokumente und fand eine komplexe,
streng und spannungsvoll formulierte
künstlerische Sprache, die uns auch jetzt tief
berührt und uns auffordert, solche Verbrechen
nie wieder zuzulassen.
Walter Womackas Gemälde »Verwundeter Stier«
existiert in mehreren Varianten. In dieser
Fassung von 1997 wird die ganze Tragweite des
gesellschaftlichen Umbruchs von 1989/90
unmittelbar erlebbar. Eine zerfetzte Zeitung mit
einem Foto Gorbatschows ist zu sehen, in einer
wild bewegten Zuschauermenge das Porträt Che
Guevaras, eine Coca-Cola-Werbung, der Tanz um
das Goldene Kalb, Zeichen der Vermarktung von
Liebe und Sexualität, eine Gruppe bewaffneter
Polizisten. Im Zentrum aber drängt sich
keilförmig ein Stier unserer Blickrichtung
entgegen. Er kämpft nicht mehr und gibt sein
Leben auf. Noch steht er. Unter den Banderillas
strömt Blut aus seinem Nacken. Maul und Nüstern
triefen. Die Muleta reizt ihn nicht mehr. Der
Tod wird ihm zur Erlösung. Schwer und schwarz
wartet er auf den Degen, den ihm der Espada
frontal zwischen die Schulterblätter stoßen
wird. Die gesichtslose Masse hinter der sicheren
Bande tobt. Aus der Erinnerung steigt wieder
Picassos »Guernica« auf. Dort erhebt sich ein
Stier wie ein schützender Fels über einer
verzweifelt schreienden Mutter, in deren Händen
ein totes Kind hängt. Seit 1937 hat der Stier
seine vorwiegend mythische Bedeutung erweitert.
Er wurde zum Topos für ein verletztes, aber
nicht erniedrigtes Volk. Und Walter Womacka
griff genau 60 Jahre später erneut zu diesem
Zeichen. Ein solch sorgenvoller, bis zur
Bitternis reichender Grundton liegt über vielen
Arbeiten, die er in den letzten beiden
Jahrzehnten schuf. Jene, die ihn als Schönmaler
abwerten wollen, sollten genauer hinsehen.
Vieles weist nun stärker in ein Erschrecken, in
Nachdenklichkeit über Gefährdungen, über das
Scheitern von Hoffnungen und in direkte, für
wache Sinne entschlüsselbare Warnungen.
Es war ein Grundzug der in der DDR
entstandenen Kunst, dass als Teil ihres
Traditionsbewusstseins immer wieder Bezug
genommen wurde auf die christliche Ikonographie.
»Die Mutter mit dem Kinde« von Heidrun Hegewald
ist ein Beispiel dafür. Ein Madonnen-Motiv und
das Kreuz bestimmen die Komposition. Mit einer
unendlich zarten Behütungsgeste trägt sie das
soeben Geborene, dessen Hülle noch anmutet wie
der Rest einer Fruchtblase. Ihr Blick ist voller
Misstrauen. Das Mutter-Kind-Motiv wird vom Kreuz
durchdrungen. Seine Symbolik ist ambivalent. Als
Fensterkreuz wäre es ein Zeichen für innen und
außen, für Geborgenheit und erhofften Schutz vor
Bedrohung; als Fadenkreuz ist es ein direkter
Hinweis auf unmittelbar bevorstehenden Mord.
Beide Sinngebungen sind gemeint. Ein gleißendes
Licht streift die Baumgruppe und trifft das
Kind. Aus dem Himmel dringt tief leuchtendes Rot
und lässt die Frauengestalt im Feuerschein
glühen. Diese Schönheit aber trügt. Erkennt man
im feurigen Rot nicht nur die Abendstimmung,
sondern das Unheil bringende Signal, wird auch
die drängende kalkige Helle der Gegenseite vom
möglichen Erlösungszeichen zur alles
verschlingenden nuklearen Gefahr. Eines im
Anderen, Hoffnung und Schrecken, bildgewordene
Dialektik.
Solch dialektisches Denken prägt auch das
Stillleben »Helm mit Lilien«, das Walter Womacka
1984 malte. Es setzt die Überlieferung der
Vanitasbilder der Niederländer fort, in denen
bestimmte Gegenstände zu Symbolen wurden. Hier
stehen sich Zeichen des Todes – ein
zerschossener, verrosteter Stahlhelm und der
knöcherne Schädel eines Stiers – und des Lebens
gegenüber. In der Volkssymbolik ist die Lilie
nicht nur Zeichen für Reinheit, sondern auch für
den bleichen Tod. Natürlich hatte Walter Womacka
alles das im Hinterkopf, als er dieses Bild
malte; zugleich lässt er uns an seiner Freude an
meisterhaft komponierten Bildelementen
teilnehmen. Die Botschaft heißt: Nie wieder
Krieg! So ist es ein Beispiel dafür, wie Kunst
aus Imaginationen entsteht, die uns alle fesseln
und in die wir unser Wissen und unsere
Erfahrungen einbringen.
In Heidrun Hegewalds Gesamtwerk ist
unverfälschte, produktive Betroffenheit ständig
präsent; sie ist nicht zur Floskel verkommen wie
bei Politikern, die Betroffenheit zelebrieren,
wenn es um Verbrechen an Juden, um Amokläufe
oder besonders auffällige Opfer
neofaschistischer Gewalt geht, und dann ihre
Tagesordnung fortsetzen. Und wenn in dieser
Hegewaldschen Rigorosität Verehrung und
Huldigung aufscheinen – so wie in ihrem
Rosa-Luxemburg-Bildnis -, so gehört auch das zu
ihrem künstlerischen Credo. In einer Reflexion
über dieses Bild schrieb sie, sie könne nur ihre
eigene Rosa malen; jeder, der sie betrachte,
müsse sich die Frage stellen, ob es auch seine
Rosa sei. Nach allem, was wir von oder über Rosa
Luxemburg wissen, kann man diese Frage nur
bejahen. Das Bild hatte – durchaus vergleichbar
z.B. mit dem, was Willi Sitte in den
Fünfzigerjahren oder Walter Womacka nach der
politischen Rückwende widerfuhr – ein bitteres
Schicksal: Als Auftragswerk des Ministeriums für
Kultur der DDR sollte es für die X.
Kunstausstellung in Dresden geschaffen sein. Es
fand aber keine Abnahme statt; das Bild wurde
der Jury nicht vorgestellt und es landete
schließlich im Depot des Staatlichen Museums
Schwerin. Von dort holte ich es für meinen Teil
der Berliner Kunstkritikerausstellung »Der
eigene Blick«, die November/Dezember 1988 im
Ephraim-Palais stattfand. So war es vor dem Ende
der DDR wenigstens einmal öffentlich zu sehen.
Dass es ängstlich verborgen werden sollte, hängt
sicher damit zusammen, dass selbsternannte
Bürgerrechtler das verkürzte Luxemburg-Zitat von
der Freiheit, die stets die Freiheit des
Andersdenkenden sei, für ihre Zwecke missbraucht
hatten. Man sollte diesen Luxemburg-Kennern die
Frage stellen, ob das Zitat heute noch gilt. Das
Luxemburg-Bildnis Heidrun Hegewalds gehört
geistig zu uns. Vielleicht kann es eines Tages
das Schweriner Depot verlassen.
Nun schließt sich der Kreis. Ein Bild Willi Sittes soll uns noch einmal in seinen Bann
ziehen. Es entstand als Studie zu seinem großen
Bild »Mensch, Ritter, Tod und Teufel« und zeigt
einen Geschundenen, von dem nur Kopf, Oberkörper
und Oberarme zu sehen sind – schmerzvoll ins
Bildformat gepresst. Ein Kreuz ist nicht
vorhanden. Dennoch erkennt jeder sofort die
Ikonographie des Gekreuzigten. Ein Haupt ohne
Dornenkrone, doch mit zerschossener Zielscheibe
auf der Stirn hängt dem Betrachter entgegen,
schwer wie der blutverkrustete Körper, den es in
die Tiefe zieht. Auch die verdeckten,
ausgelöschten Augen sind nach unten gerichtet;
sie können nicht mehr – Erlösung suchend – nach
oben blicken. Der Mund des Sterbenden ist halb
geöffnet; die Unterlippe hängt herunter.
Heftige, vibrierende, bis ins Tachistische
gesteigerte Pinselhiebe sind Ausdruck höchster
Dramatik, unerträglicher Schmerzen. Dieses Bild
des Todes nutzt das zwei Jahrtausende alte »ecce
homo« (Siehe, ein Mensch!) als universales
Zeichen. Mancher wird es in religiöser Denkart
als modernen Kruzifixus verstehen; anderen kann
es ein Memento für verübte Gräuel sein. Das eine
schließt das andere nicht aus. Immer aber ist
dieses Bild die Darstellung eines Menschen, an
dem sich Unmenschlichkeit austobt.
Ständig werfen alle drei Künstler in ihren
Werken Fragen auf – an sich selbst und an uns:
Fragen nach den Ursachen von Verbrechen, Fragen
nach dem Glück, hartnäckig wiederholt gegen
substanzlose Glücksverheißungen der Gegenwart,
nach der Verantwortung für sich und andere, nach
dem ehrlichen Umgang mit uns selbst. Solche
Fragen sind unverzichtbarer Teil dessen, was
ihre Kunstwirkung ausmacht, nicht mehr und nicht
weniger. Für jeden von ihnen
ist die künstlerische Form als kultiviertes
Handwerk das Maß und der Wert, mit dem ein
großes Anliegen transportiert wird, ist sie
Ausdruck des ganz Persönlichen, des im
ureigensten Sinne Menschlichen, das schließlich
Liebe heißt. Und hier beginnt für uns, die wir
eine gemeinsame Geschichte haben, die Suche nach
Werten, die künstlerischer Arbeit – und nicht
nur ihr - in der unmittelbaren Gegenwart gemäß
sind. Schiller stellte, als er 1795 die »Briefe
über die ästhetische Erziehung des Menschen«
schrieb, dieselbe Frage: »Wie verwahrt sich aber
der Künstler vor den Verderbnissen seiner Zeit,
die ihn von allen Seiten umfangen? Wenn er ihr
Urteil verachtet. Er blicke aufwärts nach seiner
Würde und dem Gesetz …; er aber strebe, aus dem
Bunde des Möglichen mit dem Notwendigen das
Ideal zu erzeugen …, präge es aus in allen
sinnlichen und geistigen Formen und werfe es
schweigend in die unendliche Zeit.«
Mit der heutigen Verleihung unseres
Menschenrechtspreises möchten wir Euch, liebe
Heidrun, lieber Walter und lieber Willi,
zugleich ehren und Euch Dank sagen; Dank für
Euer bisheriges Lebenswerk, Dank für Eure enge
Verbundenheit mit unserer Gesellschaft und mit
allen, die ihr nahe stehen, Dank für Euer
künstlerisches und publizistisches Wirken für
die Menschenrechte. Unser Dank gilt ebenso Euren
Lebenspartnern, die Euch uneigennützig zur Seite
stehen, und allen, die mit Eurem Werk engagiert
verbunden sind.
Wir lieben und achten Eure Arbeit, weil wir sie
brauchen in dieser Zeit.
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