Versprecher der Bundeskanzlerin
(Eine Dokumentation)
von Georg Grasnick
Frau Merkel hat
unmittelbar nach Abschluss des Karlsruher
CDU-Parteitages in den meisten Tageszeitungen eine
Anzeige veröffentlichen lassen. An die „lieben
Mitbürgerinnen und Mitbürger“ gerichtet. „Vier
Versprechen, doch zuerst ein Dank“ ist die Anzeige
überschrieben. Aber der Reihe nach.
Wofür „zuerst ein Dank“?
Für „die gemeinsame Anstrengung“ und den „Gemeinsinn“
bei der Meisterung der Krise, schreibt Frau Merkel. Und
sie schwelgt: „Die Welt schaut auf unser Land“.
Tatsächlich wird ein
„deutsches Wirtschaftswunder“ in Massenmedien
inszeniert. Dank der Inspiration der Bundeskanzlerin,
ihrer Partei und ihres Kabinetts. Drei Prozent Wachstum
in diesem Jahr werden angesagt. Nur: Das
Bruttoinlandsprodukt war im vergangenen Jahr um 4,7
Prozent zurückgegangen. Am Ende dieses Jahres dürfte
deshalb immerhin noch ein Minus von einem Prozent zu
verzeichnen sein, um das Niveau von 2008 wieder zu
erreichen.
Aber bleiben wir bei der
Anzeige.
Zu den Wundern deutscher
Krisenbewältigung zählt Frau Merkel: „Die finanziellen
Entlastungen für Unternehmen und Familien haben …
gewirkt.“ Und: „Auch wir in der Bundesregierung haben
dafür gearbeitet, die Auswirkungen der Krise in Grenzen
zu halten.“ Der Laie staunt! „Entlastungen für
Unternehmen und Familien“? Beide in einem Atemzug? Und
im Nebulösen belassene „Auswirkungen der Krise“?
Weitere
Polarisierung
Zu den „finanziellen
Entlastungen für Unternehmen“.
Da waren in der Tat die
schnell und großzügig aufgespannten „Rettungsschirme“
für Großbanken mit einem Volumen von 480 Milliarden
Euro. Da waren weitere hunderte von Milliarden für die
Hypo Real Estate und die Absicherung der Schrottpapiere
einzelner Banken. Da waren die 80 Milliarden Euro
Konjunkturhilfe vor allem für die Automobilindustrie und
auch andere.
Die Verursacher der Krise
wurden mit Steuermitteln und durch Aufnahme neuer
Schulden belohnt. Die Reichsten der Reichen konnten
selbst in der Krise kräftig zulegen. Die Bundesregierung
hat ganze Arbeit geleistet.
„In
Deutschland wuchs die Zahl der Geld-Millionäre 2009 um
51.000 auf 861.000, mehr als in Frankreich und
Großbritannien zusammen. Die deutschen Millionäre, 1 %
der Bevölkerung, halten fast die Hälfte des gesamten
Geldvermögens im Land.“ (1)
Die Familien, von denen
Frau Merkel sprach, die einfachen Leute, machen ganz
andere Erfahrungen mit dem Kapitalismus im Allgemeinen
und den ihm eigenen Krisen.
Die Produktivität wächst
von Jahr zu Jahr. Doch die Zuwächse des
Produktivvermögens eignet sich aufgrund der bestehenden
Eigentums- und Machtverhältnisse der Finanzkapitalismus
an. „Allein in den fünf Jahren von 2005 bis 2009 haben
die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland
einen Reallohnverlust von 6,2 % hinnehmen müssen.“ (2)
Frau Merkel aber
behauptet „finanzielle Entlastung für Familien“.
Die Realität: Infolge der
Krise hat sich die Zahl der im Niedriglohnsektor
Beschäftigten weiter erhöht, auf inzwischen sieben
Millionen. Die Zahl der Leiharbeiter verdoppelte sich
seit 2005 auf über 700.000. Die Zahl der befristeten
Jobs wuchs dramatisch an. Von „finanziellen Entlastungen
der Familien“ keine Spur. Im Gegenteil.
Nachdem SPD und Grüne
unter der Schröder-Regierung mit der Agenda 2010
Armutsgesetze geschaffen hatte, wurde nun von Kapital
und Kabinett die Krise kräftig genutzt, um die
Umverteilung von unten nach oben fortzusetzen, womit das
Armutsrisiko weiter erhöht wurde.
Schon im letzten Armuts-
und Reichtumsbericht der Bundesregierung war
festgestellt worden, dass das Armutsrisiko in
Deutschland bei 26 Prozent, bei Kindern sogar bei 34
Prozent liegt. Jeder Sechste in Deutschland ist bereits
arm. Durch die Rente mit 67 werden die Altersbezüge
sinken. Altersarmut für viele Betroffene ist damit
programmiert.
Die von Frau Merkel
behaupteten „Entlastungen für Familien“, haben nicht nur
bei Arbeitslosen Empörung ausgelöst.
Beim Übergang vom
Arbeitslosengeld zu Hartz IV entfällt der bisher
gezahlte Übergang von monatlich bis zu 160.- Euro. Der
Rentenversicherungsbeitrag für Hartz -IV-Empfänger wurde
ersatzlos gestrichen. Ebenso das Elterngeld für Hartz
-IV-Bezieher, das im ersten Lebensjahr des Kindes 300
Euro betrug. Die bisherigen Förderungsmittel für
Jobsuchende werden drastisch zusammengestrichen.
Selbst Menschen, die zur
sogenannten Mittelschicht gezählt werden, sind von der
Krise betroffen. „Die Krise und die Sparprogramme der
Regierungen treiben die Zerrissenheit unserer
Gesellschaft in Oben und Unten weiter voran. In den
letzten zehn Jahren ist die ‚Mittelschicht’ in
Deutschland, Menschen mit 70 bis 150 % des
Durchschnittseinkommens, von 66 auf 59 % zurückgegangen.
Die Mehrzahl fiel in die Gruppe der Armen (weniger als
70 % des
Durchschnittseinkommens).“ (3)
Von „finanzieller
Entlastung“ kann keine Rede sein. Aber von einer
wachsenden ökonomischen Ungleichheit, von einer
verschärften Polarisierung zwischen arm und reich in der
Gesellschaft.
Wie heißt es doch in der
Anzeige? „Zuerst ein Dank“.
Die Opfer der Krise, die
die Zeche bezahlen sollen, können dieses Wort der
Bundeskanzlerin nur als blanken Hohn verstehen.
Frau Merkel wartet aber
noch mit „vier Versprechen“ auf. Um das Ziel des ersten
Versprechens vorwegzunehmen:
Neoliberaler
Sparkurs ist angesagt
Die Bundeskanzlerin in
ihrer Anzeige: „Erstes Versprechen: Wir sichern die
Finanzen“.
Im Sommer 2010 hatte Frau
Merkel erläuternd gesagt: „Wir setzen darauf, die
Ausgabenseite in Ordnung zu bringen.“ (4)
Es geht also um
Kürzungen, um Sparmaßnahmen, nachdem Banken und
Unternehmen so freigebig bedient worden sind.
Programmatisch für diesen
Kurs:
Ein Drittel aller
Kürzungen der schwarz-gelben Bundesregierung betreffen
Sozialleistungen. Charakteristisch dafür sind die schon
erwähnten Maßnahmen,die sich zunächst vor allem gegen
Langzeitarbeitslose und ihre Angehörigen richten. Es
sind aber auch Maßnahmen, die bis in die ‚Mittelschicht’
hineinreichen.
Nicht im Entferntesten
denkt die schwarz-gelbe Regierungskoalition daran, die
seit der Schröder-Regierung üblich gewordene Senkung der
Einkommens- und Unternehmenssteuern zu korrigieren.
Bekanntlich bestand eine der ersten Entscheidungen
dieser Koalition darin,
Hoteliers,
Pharma-Produzenten und reichen Erben ein Steuergeschenk
darzureichen. Und nichts liegt ihr ferner, den
Spitzensteuersatz wieder zu erhöhen oder die 1997
abgeschaffte Vermögenssteuer wieder einzuführen.
Vielmehr ist eine weitere
Steuersenkung für die Reichen zum Ende der
Legislaturperiode „angedacht“.
Zerrbild einer
„Bildungsrepublik“
Die Bundeskanzlerin in
ihrer Anzeige: „Zweites Versprechen: Wir schaffen die
Bildungsrepublik.“
Ein alter Kalauer von
Frau Merkel.
Die „Bildungsrepublik
Deutschland“ hatte sie schon mal im Sommer 2008
ausgerufen und zur „Chefsache“ gemacht. Nun also wieder
die gleiche Mär.
Hat sich die
Bundesrepublik Deutschland vom 23. von 27 Plätzen auf
der Rangskala etwa nach vorn bewegt? Sollen die
überholten Strukturen im bundesdeutschen Schulsystem
Schritt für Schritt überwunden werden?
Keinesfalls. Es werden
lediglich Absichtserklärungen von einem „Bildungsgipfel“
zum anderen wiederholt.
Es wird, wie es in einem
Zeitungskommentar hieß, ein „schönes Wort für eine
katastrophale Lage“ missbraucht. Und weiter: „In keinem
anderen Feld widersprechen sich die tönenden Parolen der
Politiker und die Wirklichkeit so drastisch wie in der
Bildung, und das schon seit Jahrzehnten. Nirgendwo sonst
gehen Unvernunft von Politikern, Unfähigkeit von
Verwaltung und Unsinn des Föderalismus eine solch
unheilvolle Verbindung ein wie ausgerechnet bei der
Erziehung und Ausbildung unserer jungen Leute, die ja
unbestreitbar und nicht nur in Sonntagsreden die Zukunft
des Landes ausmachen.“ (5)
Was den Inhalt der
Bildung ausmacht, so ließe sich über vorhandene absurde
Bildungsmaxima und erforderliche Reduzierungen auf ein
sinnvolles Bildungsminimum viel sagen. Vor allem auch
über die mit einem humanistischen Bildungsinhalt völlig
unvereinbaren Forderungen des Stuttgarter
CDU-Parteitages vom Dezember 2008.
Danach erfolgt
entsprechende des von der antikommunistischen
Staatsdoktrin der BRD geprägten Geschichtsrevisionismus
die Dämonisierung der sozialistischen DDR und ihre
Gleichsetzung mit dem Faschismus. Unvereinbar mit
humanistischer Erziehung ist auch die Verbreitung von
militaristischem Denken durch Bundeswehroffiziere, die
an Schulen ihre Werbeaktionen absolvieren.
Was von dem Versprechen
der Bundeskanzlerin für die Bildung übrigbleibt ist ein
Zerrbild von einer „Bildungsrepublik“.
Atomdeal
übelster Art
Die Bundeskanzlerin in
ihrer Anzeige: „Drittes Versprechen: Wir sichern die
Energieversorgung.“
Die Wahrheit: Gesichert
werden den Energiekonzernen EnBW, RWE, Vattenfall und
E.O.N. mit der Laufzeitverlängerung für ihre
Atomkraftwerke enorme Profite.
Vor Monaten hatten die
Bosse dieser Konzerne sowie Deutsche Bank-Chef Ackermann
mit einem „Energiepolitischen Appell“ die
Laufzeitverlängerung verlangt. Die Bundesregierung
handelte mit den Konzernen einen entsprechenden Deal
aus. Eine Bundestagsmehrheit erhob ihn – gegen den
Willen einer Bevölkerungsmehrheit - zum Gesetz.
Seit 2002 haben die
Konzerne mit Kernkraft über 100 Milliarden Gewinn
eingefahren. (6) Ihre alten Atomkraftwerke dürfen sie
nun – ungeachtet jeglicher Sicherheitsbedenken - acht
weitere Jahre betreiben, die zehn neuen sogar
zusätzliche 14 Jahre. Profite von 76 bis 100 Milliarden
Euro sind durch die Laufzeitverlängerung einkalkuliert.
Eine Kernbrennstoffsteuer von 2011 bis 2016 in Höhe von
maximal 2,3 Milliarden Euro pro Jahr nimmt sich dagegen
höchst bescheiden aus.
Die Zeche hat der gemeine
Bürger zu blechen. Die von Frau Merkel angesprochenen
„lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger“ dürfen die
Extraprofite, die die Energiekonzerne kassieren wollen,
bezahlen. Die Preiserhöhungen ab 1. Januar 2011 liefern
einen Vorgeschmack.
Und was wird aus dem
durch die Laufzeitverlängerung zusätzlich anfallenden
Atommüll? Nach uns die Sintflut ist angesagt. Wer in der
Bundesregierung rechnet schon in Millionen Jahren?
Privatisierung
der Daseinsvorsorge
Die Bundeskanzlerin in
ihrer Anzeige: „Viertes Versprechen: Wir gestalten die
Finanzierung des Gesundheitswesens so, dass die
hervorragende medizinische Versorgung in Deutschland
langfristig bezahlbar bleibt: für alle Versicherten, für
jedes Alter, für jeden Geldbeutel.“
Ein Versprechen? Doch
wohl ein Versprecher der Bundeskanzlerin.
Da ist inzwischen das
Gesetz zur Neuordnung der Finanzierung des
Gesundheitswesens beschlossen. Es beinhaltet die
Liquidierung der von der Arbeiterbewegung erkämpften
solidarisch und paritätisch organisierten gesetzlichen
Krankenversicherung.
Zunächst wird ab 1.Januar
2011 der Beitragssatz der gesetzlichen Krankenkassen von
14,9 auf 15,5 Prozent erhöht. Der Arbeitgeberanteil des
Beitragssatzes wird bei 7,3 Prozent eingefroren, der der
Versicherten wird auf 8,2 Prozent steigen.
Kostensteigerungen im Gesundheitswesen sollen künftig
durch einkommensunabhängige Zusatzbeiträge der Kassen
allein von den Versicherten getragen werden. Einige
Kassen haben mit dieser Praxis bereits begonnen. Die
Kopfpauschale wird Realität.
Die Privatisierung der
gesetzlichen Krankenversicherung nimmt ihren Lauf.
FDP-Minister Rösler, der
mit dem „Systemwechsel“ das Gesundheitswesen „fit“
machen will, drückt auf Tempo. Der „Systemwechsel“ soll
nun auch in der Pflegeversicherung durchgeschaltet
werden. Die Bundesregierung denkt an eine
kapitalgedeckte Pflegezusatzversicherung. Schon ist von
einem Zusatzbeitrag zur Pflegeversicherung von
durchschnittlich 15 Euro im Monat die Rede. Die
Finanzmakler sitzen bereits in den Startlöchern.
Der Geldbeutel so vieler
der „lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger“ wird künftig
darüber entscheiden, wie viel oder wie wenig Gesundheit
sich der Einzelne leisten kann.
Die Anzeige der
Bundeskanzlerin endet mit den Worten: “Wir haben in den
letzten Monaten gesehen, was wir gemeinsam erreichen
können. Wenn wir diesen Gemeinsinn bewahren, liegt eine
gute Zeit vor uns.“
Angesichts der tiefen
Spaltung, die durch das Land verläuft, werden von der
Bundeskanzlerin
„Gemeinsames“
und „Gemeinsinn“ beschworen. Offenbar ist
„Volksgemeinschaft“ angesagt.
2,8 Millionen Euro wurden
für die so viele Worte umfassende Anzeige der Frau
Merkel verschwendet.
Es ist anzunehmen, dass
der Karikaturist Klaus Stuttmann den Entwurf für die
Anzeige billiger und kürzer gemacht hätte. Hier, nur als
Beispiel, eine seiner Fassungen aus dem Jahre 2005:
„Ich
schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen
Marktes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm
wenden, die Gesetze des freien Wettbewerbs wahren und
verteidigen und Gerechtigkeit gegen die
Besserverdienenden üben werde. So wahr mir die
Wirtschaft helfe.“ (7)
Quellen
1 Die Mär von der Zähmung
der Finanzmärkte, isw Report Nr.82, Institut für sozial
-ökologische
Wirtschaftsforschung e.V., München, November 2010, S. 17
2 ebenda, S. 17
3 ebenda S.19
4 Berliner Zeitung, 7.
Juni 2010
5 ebenda, 13. Juni 2008
6 Frankfurter Rundschau,
20. Oktober 2010
7 Der Tagesspiegel, 27.
November 2005
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