GBM e.V. Erklärungen

<< zurück zur Übersicht

 
Verordnetes DDR-Bild verzeichnet die Realität

GBM zum neuen Gedenkstätten-Konzept der Bundesregierung

Der Vorsitzende der GBM, Prof. Dr. Wolfgang Richter, und der 1. Sprecher des Berliner Alternativen Geschichtsforums, Prof. Dr. Gerhard Fischer, übermittelten am 1.April 2008 der Bundeskanzlerin, Dr. Angela Merkel, und dem Präsidenten des Deutschen Bundestages, Dr. Norbert Lammert, folgende Stellungnahme des Berliner Alternativen Geschichtsforums, die sich der GBM-Vorstand zu eigen gemacht hat:

Der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien (BKM) unterbreitete im Sommer 2007 – die „Gedenkstätten-Förderkonzeption“ des Bundes von 1999 „fortschreibend“ – der Öffentlichkeit im Entwurf ein neues Papier unter dem Titel „Verantwortung wahrnehmen, Aufarbeitung verstärken, Gedenken vertiefen“. Unseres Erachtens verdient es eher den Titel „Geschichtsbild verordnen, Kalten Krieg verschärfen, Gräben vertiefen“.

Wir erinnern: Schon 1998 appellierte der UN -Wirtschafts- und Sozialrat an die Bundesregierung, „den Prozess der Integration zwischen Ost- und Westdeutschland auf allen Ebenen mit dem Ziel zu beschleunigen, die zwischen ihnen noch bestehende Kluft zu reduzieren". Zu diesem Ziel steht der BKM-Entwurf in eklatantem Gegensatz.
Das Dokument entspricht voll der Sichtweise der gegenwärtig in Deutschland tonangebenden Kreise: Gemäß der unseligen Totalitarismus-Doktrin werden Nazistaat und DDR, also Faschismus und Sozialismus „parallelisiert“. Schon diese Gleichsetzung verdeutlicht die Zweckbestimmung der neuen Konzeption.

• Wer die DDR als Unrechtsstaat hinstellt, verharmlost die Verbrechen der Nazidiktatur; das bedeutet objektiv, neofaschistischen Tendenzen Vorschub zu leisten.

• Wer der DDR ihren antifaschistischen Charakter abspricht, will die tiefbraunen Flecken auf der Vergangenheit der Bundesrepublik vergessen machen.

• Wer das Bild der DDR so verzeichnet wie der BKM-Entwurf, will vergessen
machen, dass Frieden und soziale Sicherheit ihre Grundanliegen waren – Ziele, von denen die politische und ökonomische Wirklichkeit in der Bundesrepublik sich immer weiter entfernt.

• Wer den Sozialismus des 20. Jahrhunderts verteufelt, will Erwägungen über einen „Sozialismus im 21. Jahrhundert“ von vornherein diskreditieren und verhindern.

Bezeichnend sind bereits die augenfälligen Disproportionen in dem BKM-Papier: Auf die Zeit des Faschismus und des antifaschistischen Widerstands werden knapp 2 Seiten verwendet, dagegen der Auseinandersetzung mit dem „Kommunismus in Deutschland“ (wann je hat sich die DDR als „kommunistisch“ bezeichnet?) 7 1/2 Seiten eingeräumt. Schon daran wird erkennbar, worauf die öffentliche Aufmerksamkeit, die staatliche Förderung, die personelle Ausstattung und die finanziellen Mittel für Gedenkstätten orientiert werden sollen.

Wer mit der Sprachregelung von den „zwei Diktaturen auf deutschem Boden“ geschichtsfälschend DDR und Naziregime in einem Atemzug nennt, negiert einen entscheidenden Beweggrund für Existenz und Politik der DDR, nämlich zu verwirklichen, was bei der Befreiung Deutschlands gelobt worden war: „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“

Damals wurde im Osten Deutschlands unter ungleich schwierigeren Bedingungen als im Westen ein Neuanfang unternommen: Miteinander verbündete Parteien und Organisationen entwickelten ein Konzept antifaschistisch-demokratischer Gesellschaftsgestaltung, die im sozialistischen Aufbauwerk der DDR mit Hilfe der Nationalen Front ihre Fortsetzung fand. Dieser Staat wurde dank der fleißigen, oft aufopfernden Arbeit seiner Bürger zu einem Land, in dem es sich gut leben und schaffen ließ. Diese Lebensleistung von Millionen kann und darf nicht entwertet werden, etwa indem das BKM-Gedenkpapier sie anstelle der „Bindungskräfte der DDR“ auf ein „Angst-Anpassungssyndrom des Alltags“ (Gauck) zurückführt.

Im Osten Deutschlands wurden Faschismus und Militarismus mit ihren sozialökonomischen Wurzeln beseitigt. Verfassung und Gesetze der DDR verboten jede faschistische Propaganda und Aktivität; dieses Verbot wurde konsequent durchgesetzt. Dank anhaltender Überzeugungsarbeit aller demokratischen Kräfte, der Staatsorgane, von Bildungs- und Kultureinrichtungen wurden Millionen zu Gegnern von Faschismus und Völkerhass; insbesondere Jugendlichen wurde Antifaschismus zu einer Herzensangelegenheit und blieb es bis heute.
Die alte Bundesrepublik dagegen tastete die Wurzeln des deutschen Faschismus nicht an. Sie schwieg jahrzehntelang über Grundlagen, Ursachen und Folgen der Naziherrschaft und des von Hitlerdeutschland verschuldeten Zweiten Weltkriegs. Sie verfolgte Nazi- und Kriegsverbrecher nur halbherzig oder gar nicht. In Wirtschaft und Verwaltung, in Justiz, Polizei und Militär, in Wissenschaft und Bildung blieben die alten Kräfte in Schlüsselpositionen. Das bereitete Boden für die Entwicklung des Neofaschismus, der heute fortwährend an Einfluss gewinnt und an Gefährlichkeit zunimmt.
Wer die DDR derart verunglimpft, wie das in dem BKM-Papier geschieht, will auch darüber hinwegtäuschen, dass der Osten Deutschlands lange Jahre hindurch – beginnend mit den drei Deutschen Volkskongressen – am Anliegen von Einheit und gerechtem Frieden festhielt, während es die Westmächte und die ausschlaggebenden politischen Kreise Westdeutschlands waren, die den Kalten Krieg schürten und – beginnend mit der separaten Währungsreform vor 60 Jahren - die deutsche Spaltung vorantrieben. Sie sind hauptverantwortlich für bedauerliche Entwicklungen, welche die deutsche Teilung zur Folge hatte; bei ihnen sollten Ursache und Wirkung nicht verwechselt und sie sollten auch nicht als „innerdeutsche“ Angelegenheit dargestellt werden. Es handelte sich um zwei souveräne Staaten mit gegensätzlicher Systemzugehörigkeit.

Zu fragen wäre: Wo bleibt in dem BKM-Entwurf das Gedenken

• für die Opfer des Kalten Krieges in der Alt-BRD und Berlin (West), also beispielsweise des KPD-Verbots, der Berufsverbote, der Urteile wegen Kontakten zu Einrichtungen in der DDR?

• für die Opfer der Kolonisierung Ostdeutschlands, etwa im Widerstand gegen die Enteignung von Volks- und Privateigentum, gegen die De-Industrialisierung und die Vernichtung großer Teile der Landwirtschaft, ganzer Wirtschaftszweige und weiter Bereiche des Wissenschaftspotentials, kultureller und Bildungsinstitutionen, gegen die Liquidierung sozialer Menschenrechte in der Folge von Massenarbeitslosigkeit, des Abbaus von Sozialleistungen, von Kinder- und Altersarmut? Die DDR wird offenbar auch deshalb als „kommunistische Diktatur“ dämonisiert, weil davon abgelenkt werden soll, dass „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ und „Sozialstaat“ in der BRD immer weiter demontiert werden. Grundrechte werden radikal eingeschränkt, soziale Standards spürbar reduziert. Weltweite Militäreinsätze und anderweitige Einmischungen in die inneren Angelegenheiten souveräner Staaten sind entgegen dem Grundgesetz an der Tagesordnung.
Insgesamt bestätigt das BKM-Papier auf seine Weise, dass die antikommunistische Geschichtsklitterung der vergangenen Jahre bei vielen Neu-Bundesbürgern nicht den beabsichtigten Erfolg erzielt hat. Auch verstärkter ideologischer, personeller und finanzieller Aufwand kann frühere DDR-Bewohner nicht vergessen machen,

• dass ihnen ehedem soziale Sicherheit und Geborgenheit garantiert waren, während heute Angst um den Arbeitsplatz und vor dem Alter um sich greift,

• dass die Unterschiede in den Lebensverhältnissen zwischen Ost- und Westdeutschland eher zu- als abnehmen und dass andererseits viele soziale Probleme gesamtdeutschen Charakter angenommen haben,

• dass für die Folgen der Vereinnahmung des „Beitrittsgebiets“ die Politiker in etablierten Parteien, Bundestag und Bundesregierung, nicht zuletzt die Konzerne und Großbanken verantwortlich sind.

Jüngste Meinungsumfragen und aktuelle Wahlresultate lassen erkennen, dass auch im Westen Deutschlands ein realistischeres Bild von Vergangenheit und Gegenwart an Raum gewinnt. Das lässt einen angemesseneren Blick auf Prozesse und Personen der Zeitgeschichte erhoffen.
Wir halten es für dringend erforderlich, den BKM-Entwurf durch ein sachgerechtes Dokument zu ersetzen.

Prof. Dr. Gerhard Fischer Dr. Hannelore Bernhardt
1. Sprecher 2. Sprecherin

Prof. Dr. Heinz Deutschland, Prof. Dr. Stefan Doernberg, Prof. Dr. Manfred Gerlach, Manfred Hegner, Gisela Karau, Herbert Kelle, Egon Krenz, Erhard Lonscher, Siegfried Lorenz, Dr. Hans Modrow, Prof. Dr. Harry Nick, Prof. Dr. Heinz Niemann, Dr. Klaus Panster, Prof. Dr. Siegfried Prokop, Dr. Anita Rausch, Eberhard Rehling, Dr. Hans Reichelt, Prof. Dr. Wolfgang Richter, Dr. Wolfgang Schwanitz
 

 
<< zurück nach oben

Beitrag im Forum diskutieren

Download als pdf

Aktuelles
"Kontroverse ge-
hört zur Demo-
kratie..."

Offener Brief an Bundespräsident H. Köhler 
>>
Icarus Heft 4/08

erscheint im
November 2008
Zum Thema

(lesenswert)

Impressum I Websupport