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Kultur

Die Kunst des Begehrens

Farben und Erotik in der Fotografie

Der allgegenwärtigen Flut an Farbbildern und Pornographie geht die Doppelausstellung „Eros & Photography“ sowie „Rene Groebli: Farbzauberer“ In der Galerie Chaussee 36 auf den Grund.

Der Schweizer Fotograf Rene Groebli gehört zu den Pionieren, die die Farbfotografie auf ein künstlerisches Niveau hoben. Anfangs waren die Bilder nur bunt und platt naturalistisch. Um daraus Kunst entstehen zu lassen, mußten nicht nur die Motive nach Licht und Schatten, sondern auch die Farben komponiert werden. Das ist ihm vor allem mit einer Reihe von Porträts, Akten und auch Werbefotos gelungen. Groebli erzeugte diese Kompostionen mit einer aufwendigen Drucktechnik. Heute läßt sich diese Technik durch digitale Filtertechnik ersetzen, was der bewundert, der die Ursprünge nicht kennt.

In der Parallelausstellung „Eros & Photography“ sind 36 Meister der erotischen Fotografie versammelt, darunter: Nobuyoshi Araki, Dahmane oder Karin Székessy. Der Untertitel „Behind Desire“ (Hinter dem Begehren) bezeichnet die erste von vier geplanten Ausstellungen, deren Fortsetzung Jahr für Jahr erfolgen soll. Die Galerie gewährt damit Einblicke in die Sammlung ihrer erotischen Fotografie, die sie zu ihrem Spezialgebiet erkoren hat. Der nunmehr präsentierte erste Teil gliedert sich in die vier Abteilungen: Erwachen (Awakening), Träume (Dreams), Intimität (Intimacy) und Befreiung (Unchaining).

Die Präsentation beginnt mit dem „Erwachen“. Das großformatige Eingangsbild stammt von Daido Moriyama, der in einer schwarz-weißen Netzstruktur erotische weibliche Körperlichkeit auf einen Spanungsbogen von Linie und Kurve zentriert wiedergibt. Dieses Bild eröffnet nicht zufällig die Ausstellung: Das Erwachen wird mit dem unwillkürlichen und spontanen ersten morgendlichen Augenaufschlag verbunden, wobei der Blick oftmals auf den Partner fällt, der in diesem spontanen Augenblick tatsächlich nur als schönes und begehrliches Objekt wahrgenommen wird. Der Bildtitel lautet „Tights in Shimotakaido“, Tights ist eine Strumpfhose und Shimotakaido ein Tokioer Geschäftsviertel, womit in einem einzigen Bild zur Kritik des Feminismus auch der am Konsum tritt. Der slowakische Fotograf Tono Stano stellt in dieser Abteilung des Erwachens mit seinem Rückenakt „Mann in einem Rahmen“ (Man in a Frame) das Titelbild der gesamten Ausstellung. Mit einem homoerotisch anmutenden Jungenbildnis ist in der Ausstellung der US-amerikanische Fotograf Will McBride, der bis zu seinem Tod in Berlin lebte, vertreten. Später begegnet der Besucher diesem Fotografen unter anderem mit dem Bildband „Coming of Age“ wieder, das sich der Jugend in der Pubertät widmet. Darin ist das beeindruckende Bild von afrikanischen Kindersoldaten enthalten. Die Waffe, die ein kalt und entschlossen blickender Junge trägt, scheint größer als er selbst zu sein.

Ausstellungen von diesem Rang zeichnen sich dadurch aus, daß Raritäten zu sehen sind. Dazu gehören hier die Polaroids von Lucien Clergue, die nicht nur durch ihre ästhetischen Farbkompositionen faszinieren, sondern auch als Unikate mit einer großformatigen Polaroidkamera aufgenommen wurden und zum ersten Mal in Berlin zu sehen sind. In diesen Rahmen gehören auch die erotischen Aufnahmen von De Gambs.

In der Abteilung „Träume“ geht es um die Spanne zwischen bewußten Träumen und halluzinierten Vorstellungen; um psychologische Suche und die phantasievolle Entdeckung des Unbewußten. Die Reise in die Intimität gilt nicht allein der Entdeckung der Geheimnisse des Partners, sondern es geht auch um die Entdeckung der eigenen innersten Befindlichkeit. Von all diesen Anstrengung erlöst schließlich die letzte Abteilung, die Befreiung.

Ohne Frage kommen die Freunde der erotischen Fotografie beim Besuch dieser Ausstellung auf ihre Kosten. Neben dem vielen Lehrreichen ist der Besucher gleich bei der Qualität angelangt, ohne sich erst durch den milliardenfachen Trash des Internets durchzuquälen.

Mit der Entwicklung der digitalen Fotografie wurde die lichtbildnerische Gestaltung zu einer kreativen Massenerscheinung, die fast die ganze Bevölkerung erfaßt. Nahezu jeder, der ein mobiles Telefon mit sich führt, was vom Kind bis zum Greis viele Menschen sein dürften, kann ad hoc Bilder gestalten. Die gleich zum Fotoapparat mitgelieferte Programme erlauben es, die Fotos zu verfremden, so daß die aus alten Kreationen abgeschöpften und in Algorithmen gegossenen Methoden den Eindruck künstlerischer Kreativität vermitteln. Mit diesem Massenaufkommen an Bildern hat auch die Pornographie aus den dunklen Hinterzimmern ihren Siegeszug in der allgegenwärtigen Öffentlichkeit des Internets angetreten.

Die Ausstellung wird bis zum 23. Januar im Atelierhaus im Hof der Chausseestr. 36 gezeigt. Sie ist Donnerstag bis Sonntag von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 7 Euro. Der Besuch der Ausstellung „Behind Desire“ setzt ein Mindestalter von 18 Jahren voraus.

Frank Wecker

Ein Drama der Flucht

Deutsche Oper ist wieder geöffnet

Kaum ein Politikfeld ist heute derart von Heuchelei geprägt wie das der Flüchtlingsströme. Tausende werden dem Tod im Mittelmeer preisgegeben, in Konzentrationslager gesteckt, die jetzt vornehm „Hotspots“ heißen, oder Folterknechten, Erpressern, Kinderschändern und Vergewaltigern in die Arme getrieben.

Das macht die gesamte Politikergilde der „Europäischen Union“ mit, wenngleich sich die deutsche Bundeskanzlerin, sonst mit einem sicheren politischen Instinkt für die Gewinnerseite ausgestattet, kurzzeitig vergaloppiert hatte. Da waren wohl ihre DDR-Erfahrungen durchgeschlagen, als der Westen noch Millionen Flüchtlinge mit offenen Armen begrüßt hatte und sie ohne viel Federlesens als politische Flüchtlinge anerkannte. Das ist heute ganz anders. Heute sind Asylsuchende faulenzende „Wirtschaftsflüchtlinge“, die es sich im arbeitsamen Westen bequem machen und dazu noch Moscheen bauen wollen anstatt Kreuze anzubeten.

Das bietet Stoff für große Opern, wovon eine am Freitag, 4. September 2020, in der Deutschen Oper in der Bismarckstraße 35 uraufgeführt wurde: „Baby Doll“ der Pariser Autorin Marie-Eve Signeyrole. Als Oper läßt sich diese Produktion kaum bezeichnen: Die Deutsche Oper weist sie als „ein interdisziplinäres Konzertprojekt“ aus. Drei Tänzer, heute heißen sie „Performer“, erzählen die Geschichte einer Flucht und Ankunft in der EU. Sie erzählen in beeindruckenden Tanzbildern, was sich hinter den nüchternen Berichten von gekenterten Booten, Notanlandungen und der Zurückweisung von Asylanträgen in jedem einzelnen Fall für erschütternde Einzelschicksale verbergen. Die emotionale Wirkung der Inszenierung ist ebenso der Musik Beethovens, der Performance liegt die 7. Sinfonie Beethovens zugrunde, geschuldet wie auch der kontrastiert eigesetzen Klezmer-Musik von Yom, der die erstickten Schreie der Opfer hörbar werden läßt. Vor Beginn dieser Tanzhandlung liegen vor dem Orchester, das auf der Bühne statt im Orchestergraben musiziert, Schuhe, die zusammengefegt und in den Müll geworfen werden. Dies ist ein eindringliches Bild, das an die Schuhe von Auschwitz erinnert, wo sich hinter jedem Paar das Schicksal eines ermordeten Menschen verbirgt.

Von Haus aus ist die Autorin Filmregisseurin. Das ist dieser Inszenierung auch anzumerken, zu der auch eine mitwirkende Filmerin gehört, die in der Vorstellung Bilder für die Videowand produziert. Für Interessenten ist dies lehrreich, weil die Entstehung einzelner Filmeffekte ablesbar ist. Die Kameraführung wird zum Bestandteil der Erzählung, wenn sie zum Beispiel denn Wellengang des Bootes erzeugt.

Diese Inszenierung ist die erste Aufführung im Opernhaus nach der coronabedingten Schließung der Theater. Leider unterliegt der Besucherzugang weiterhin Einschränkungen. Bislang steht die Inszenierung nur bis zum Montag, 7. September, auf dem Spielplan, wofür auch nur 20 Prozent der Plätze angeboten werden. Die Inszenierung ist aber im Repertoire für die Spielzeit 2020/21 verankert.

Andererseits hat Berlin es Corona zu verdanken, daß die Uraufführung hier stattfindet. Ursprünglich war sie für Metz vorgesehen. Doch just am Tag der vorgesehen Premiere wurden in Frankreich alle Theater geschlossen.

Marie-Eve Signeyrole arbeitete neben ihren Filmproduktionen an mehreren französischen Opernhäusern, in Zürich und in Hannover. Ihre Inszenierung von „La damnation des Faust“ wurde für den deutschen Theaterpreis nominiert. 2021 wird sie Giacomo Puccinis „Turandot“ an der Semperoper in Dresden inszenieren.

Karten ab 56 Euro können im Internet unter https://deutscheoperberlin.eventim-inhouse.de/ vorbestellt werden.

Frank Wecker

Britische Anarchisten im spanischen Bürgerkrieg

Das Kuratorium der Gedenkstätte Ernst Thälmann in Hamburg hat die britische Broschüre „Zwei Streitschriften vom spanischen Bürgerkrieg“ in deutscher Übersetzung herausgegeben. Darin geben der Redakteur des „Daily Worker“ JR Campbell und der Kommandeur des britischen Bataillons der Internationalen Brigaden Bill Alexander Einblicke in die politischen Kontroversen des spanischen Bürgerkrieges von 1936 – 1939. In der Einleitung beschäftigt sich Tom Sibley mit dem späteren britischen Erfolgsautor George Orwell, der auf republikanischer Seite kämpfte. Während des „Kalten Krieges“ denunzierte nebst einer Reihe von Schriftstellern auch die Schauspieler Michael Redgrave und Charlie Chaplin bei der Geheimpolizei als kommunistische Sympathisanten.

Die Broschüre ist gegen eine Spende über die E-Mailadresse pamphletsget@gmx.de erhältlich.

Brecht in der DDR

Poesie und Engagement eines Dichters

„Ich bin hier“, womit Brecht die DDR meinte, „weil ich meine Meinungen habe“[1]. Er antwortete damit auf den Vorwurf des westdeutschen Schriftstellers Wolfgang Weyrauch, daß sein Engagement für den Frieden und die deutsche Wiedervereinigung nur seiner opportunistischen Hörigkeit gegenüber der DDR-Regierung geschuldet sei. Forderungen nach „Frieden“ und „deutscher Einheit“ galten um 1952, als Westdeutschland die Wiederaufrüstung und die Westbindung anstrebte, als üble SED-Propaganda.

Brecht gehört zu jenen Schriftstellern, die aus Nazideutschland vertrieben aus dem Exil zurückkehrend, die DDR beziehungsweise anfangs noch die sowjetisch besetzte Zone Deutschlands zu ihrer Heimat erkoren. Brecht befand sich da in bester Gesellschaft, beispielsweise in der von Anna Seghers, die erste Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR werden sollte, des ersten Kulturministers der DDR Johannes R. Becher oder Heinrich Manns, den ersten Präsidenten der Akademie der Künste, dem es aber nicht mehr vergönnt war, die geplante Rückkehr in seine neue Wahlheimat zu erleben. Aus der Elite der deutschen Kunst hatte sich kaum jemand für die Westzonen entschieden, wo die Exilanten lange Zeit als „Vaterlandsverräter“ angesehen und entsprechend von der Literaturkritik und den Verlagen behandelt wurden.

Als die DDR gegründet wurde, war es breiter gesellschaftlicher Konsens, daß der Frieden nur dauerhaft durch die Entmachtung des Monopolkapitals und die radikale Bekämpfung des Militarismus gesichert werden könne. Solche „extremistischen“ Forderungen tauchten selbst an prominenter Stelle in Gründungsprogrammen von westzonalen CDU-Landesverbänden auf. Die Künstler hatten jedoch ein feines Gespür dafür, wo den Kriegstreibern ernsthaft der Boden entzogen oder wo, hinter der Phrase von „Freiheit und Demokratie“, die Restauration der alten Verhältnisse betrieben wurde, die letztlich zur Wiederbewaffnung, zur Auferstehung des besiegt geglaubten deutschen Militarismus, zur Spaltung der Nation und schließlich der beständigen Bedrohung durch den Atomtod führten.

Gegen Ende der DDR war es allerdings der Reaktion gelungen, dieses Meinungsbild umzukehren. Aller Erfahrung widersprechend sahen viele Bürger in der Sowjetunion eine treibende Kraft des atomaren Wettrüstens und wollten gar der Friedenspolitik der DDR eine „unabhängige“ Friedensbewegung entgegensetzen. Fast hilflos mahnte Ende 1981 Konrad Wolf auf der von Stephan Hermlin initiierten „Berliner Begegnung zur Friedensförderung“ gegenüber den Behauptungen des westdeutschen Autors Günter Grass mit dem Vers Jewgeni Jewtuschenkos „Meinst du, die Russen wollen Krieg?“

Die Zwischenzeit war von unablässiger Auseinandersetzung auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens gekennzeichnet. Sie sollte als „Kalter Krieg“ in die Geschichte eingehen, der mit einer Niederlage des Sozialismus endete.

Der Westen hatte die stärkeren Waffen. Mit seiner gigantischen Rüstung und dank konsumtiver Überlegenheit mittels Ausbeutung der „Dritten Welt“ konnte er der Wirtschaft des Ostblocks dem Sozialismus wesensfremde Entwicklungen aufzwingen. Diese heftigen Auseinandersetzungen machten auch um die Kunst keinen Bogen. Viele Künstler durchschauten die Fassade der glitzernden Konsumwelt. Aber im Gegensatz zur Nachkriegszeit, wo die Menschen in einer Trümmerlandschaft lebten, fanden die Mahner zunehmend weniger Gehör. Das geflügelte Wort der Nachkriegszeit: „Lieber ein ganzes Leben trocken Brot essen als noch einmal Krieg“, war längst vergessen. Die Begriffe „Frieden“, „Freiheit“ und „Demokratie“ wurden gegen den Sozialismus in Anschlag gebracht. Die Brechttochter Hanne Hiob zog 1990 zum dritten Male mit einem Wagenzug durch im Reklamelicht funkelnde „blühende Landschaften“ zwischen Bonn und Berlin. Auf den Wagen wurden einzelne Strophen des aus der Nachkriegszeit stammenden Brechtgedichtes „Der Anachronistische Zug oder Freiheit und Democracy“ versinnbildlicht. Jede einzelne Strophe entlarvt, daß sich hinter der Phrase von „Freiheit und Demokratie“ die alten Kriegstreiber, Beamtenschaft und Großindustrie tummeln: „Die grauen Herren von den Kartellen“, „Hirnverhehrer“, „Planer der Vergasungslager“, „Stürmerredakteure“, „Judenwürger“

„Blut und Dreck in Wahlverwandtschaft

Zog das durch die deutsche Landschaft

Rülpste, kotzte, stank und schrie:

Freiheit und Democracy“.[2]

Das Besondere an Dichtung ist, daß sie nicht besiegt werden kann. Über Jahrhunderte leben die Lieder des Bauernkrieges fort, Ernst Buschs Spanienlieder kämpfen noch heute, wo der Sieg über die spanische Republik viel länger her ist als die Annektion der DDR. So ist auch die DDR-Kunst und mithin auch Brecht nicht „besiegt“, obwohl das mancher Reaktionär am Ende der DDR gehofft haben mag. Selbst das von der DDR geschaffene Brecht-Zentrum lebt heute unter anderem Namen am gleichen Ort fort und auch die von der DDR geschaffenen Brecht-Dialoge haben sogar unter gleichem Namen die DDR überdauert. Das ist aber nicht dem jetzigen Staat zu Gute zu halten. Vieles wird ehrenamtlich geleistet. Die Aktivisten, die dieses Werk fortsetzen, sind oftmals gehalten, demütig bei den neuen Herrlichkeiten um Fördermittel zu betteln, ihre Programme haben sie dem engen geistigen Horizont einer antikommunistisch ausgerichteten Bildungspolitik anzupassen.

Brechts erste Arbeit in der DDR war die Inszenierung seines Stückes „Mutter Courage und ihre Kinder“, die in Ermangelung einer eigenen Bühne noch am Deutschen Theater mit Helene Weigel in der Titelrolle Premiere hatte. Die Inszenierung wurde ein durchschlagender Erfolg. Noch nach einem Jahr sind die Vorstellungen ausverkauft. Erstaunt sieht Brecht beim Maiumzug 1950 vom Wagen des Berliner Ensembles aus, daß Mütter ihre Kinder hochhalten und ihnen auf Helene Weigel weisend erklären: „die mutter courage!“[3].

Brecht hatte mit diesem Stück das Fühlen und Denken der Menschen getroffen. Die Mutter, die mit einem Planwagen durch das im 30jährigen Krieg verwüstete Europa zieht, um ihre Kinder und sich selbst mit Geschäften über die schwere Zeit zu bringen. Das entsprach der Lebenserfahrung des Publikums; auch daß sie nicht das Glück gefunden, dafür aber alles im Krieg verloren hat. Unbelehrbar spannt sie sich schließlich selbst vor den Planwagen mit ihrer Krämerware, um den Weg unbeirrt von der eigenen Lebenserfahrung fortzusetzen. Brecht hoffte darauf, daß das Publikum dieses Verhalten kritisch sehen und für sich selbst die richtige Schlußfolgerung ziehen werde. In einem anderen Stück, dessen Held ebenfalls eine um ihre Kinder besorgte Mutter ist, wählt er eine gegensätzliche Dramaturgie. Hier zieht die Mutter nach dem Tod ihres Kindes die richtige Schlußfolgerung und kämpft gegen die Faschisten. Dieses Stück, „Die Gewehre der Frau Carrar“, war ganz nach der klassischen Dramentheorie der Einheit von Ort, Zeit und Handlung gebaut. Es war gewissermaßen ein Gegenentwurf zum epischen Theater, wo die Mutter Courage im Kreislauf der Drehbühne von Verlust zu Verlust marschiert. Zwei völlig unterschiedliche Dramaturgien sollen die gleiche Wirkung erzielen, einmal indem der Zuschauer das Handeln der Bühnenfigur nachvollziehend übernimmt und zum anderen, daß er sich vom vorgeführten Handeln distanziert und sich gegenteilig zum Handeln der Bühnenfigur verhalten soll. Brecht war sich nicht sicher, ob die beabsichtigte Wirkung eintreten werde. Er erkundete deshalb am 9. Januar 1949, noch vor der offiziellen Premiere, in einer geschlossenen Aufführung für Gewerkschaftsfunktionäre und Arbeiter des Hennigsdorfer Stahlwerkes die Wirkung der Mutter Courage. Sorgfältig verglich er die Reaktionen der Arbeiter mit denen von Intellektuellen. Während die nicht aus der Erfahrung lernende Courage bei den Arbeitern nur Mitleid erregte, forderten Leipziger Studenten eine realistische Figur, die zur Einsicht komme. Listig bestätigte Brecht den Realismus der Courage damit „daß selbst das ungeheure elend, in das der nationalsozialismus die bevölkerung stieß, wenig wandel hervorgebracht hat“[4], womit er die Lacher auf seiner Seite hatte.

So lustig ging es hingegen in der öffentlichen Debatte nicht immer ab. Da setzte ein oftmals kurzsichtig geführter Streit um „Formalismus“, „sozialistischen Realismus“ und „Dekadenz“, Begriffe, die in Brechts Auffassung von Theater keine Rolle spielten, ein. Ihm ging es um „Verfremdung“, „Lehrstücke“, „Versuche“, letztlich um ein „episches Theater“, das dem Zuschauer Lust und Vergnügen am Denken, an eigenen Schlußfolgerungen und Vorstellungen über das Handeln der Figuren bereiten sollte. Das führte zu öffentlicher Schelte und Vorhaltungen von manchen Funktionären, die die führende Rolle der Partei dahingehend interpretierten, daß die Partei auch besser wisse, wie zeitgemäße Kunst auszusehen habe und die Künstler sich gefälligst an die dafür gegebene Richtschnur zu halten hätten.

Die ästhetische Auseinandersetzung um Brecht spielte sich vor dem Hintergrund der Spaltung Deutschlands ab. In diesen Fragen gab es keinen Dissens. Eindringlich wurde davor gewarnt, Westdeutschland mit einer neuen Armee in westliche Militärbündnisse zu integrieren. Dies wäre friedensgefährdend und vertiefe die deutsche Spaltung. Ziel war die Wiederherstellung der deutschen Einheit in einem neutralen demokratischen Staat. Das war nicht unrealistisch. Die Aufstellung einer europäischen Armee mit deutschem Zugriff auf Atomwaffen konnte damals verhindert werden. Diese Idee feiert erst heute wieder Urständ. Nicht verhindert werden konnte dagegen die Aufnahme Westdeutschlands in die NATO. Brechts Worte, der unablässig warnte, verhallten nicht. Die damalige Friedensbewegung mobilisierte Tausende, die im Westen durch brutalen Polizeiterror und organisierte Medienkampagnen niedergehalten wurden. Erst ab diesem Zeitpunkt wurde die DDR nicht mehr als ein Provisorium angesehen.

Deshalb wertete Brecht auch die Niederwerfung des Umsturzversuches vom 17. Juni 1953 als ein friedenssicherndes Vorgehen: „Mehrere Stunden lang stand Berlin am Rande eines dritten Weltkrieges. Nur dem schnellen und sicheren Eingreifen sowjetischer Truppen ist es zu verdanken, daß diese Versuche vereitelt wurden. Es war offensichtlich, daß das Eingreifen der sowjetischen Truppen sich keineswegs gegen die Demonstrationen der Arbeiter richtete. Es richtete sich ganz augenscheinlich ausschließlich gegen die Versuche, einen neuen Weltbrand zu entfachen.“[5] Solch klare Worte über den Lieblingsarbeiteraufstand der Bourgeoisie rief die Wadenbeißer auf den Plan: In Westdeutschland und Österreich wurde zum Boykott der Werke Brechts aufgerufen, um dem „Schmäher des Westens“ und „Lakaien Pankows“ den Brotkorb höher zu hängen. Brecht gehörte jedoch nicht zu den korrumpierbaren Autoren. Seinem Weg zum neben Shakespeare meistgespielten Dramatiker der Weltliteratur tat das keinen Abbruch.

Brecht berührten tiefere Probleme. An den Demonstrationen waren Bauarbeiter aus der Stalinallee beteiligt, denen er Gedichte gewidmet hatte, und Hennigsdorfer Stahlwerker, dem ersten Publikum seiner Courage-Inszenierung. Ihn beschäftigte ferner der rasche Umschlag der Losungen: Aus „Weg mit den Normen“ wurde „Weg mit der Regierung“ und daraus „Hängt sie“. „Der Bürgersteig übernahm die Regie“, schrieb er an seinen Verleger Peter Suhrkamp: „Ich habe an diesem tragischen 17. Juni beobachtet, wie der Bürgersteig auf die Straße das ‚Deutschlandlied‘ warf und die Arbeiter es mit der ‚Internationale‘ niederstimmten. Aber sie kamen, verwirrt und hilflos, nicht durch damit.“[6] Neben vielen neuen Haltungen, die er bei den Arbeitern entdeckte, mußte er feststellen, daß die Naziideologie noch vorhanden war.

Brecht gehörte nicht zu jenen Leuten, die über der Wirklichkeit verzweifeln, wenn sie anders als erwartet verläuft. Nach den Ereignissen fuhr er auf seinen Sommersitz nach Buckow. Da entstanden die „Buckower Elegien“. Sie enthalten jene witzigen Verse über die Regierung, die besser ihr Volk auflöse und sich ein neues wähle, welche zum Zitatenschatz jener Brechtianer gehören, die der DDR nicht wohl gesonnen sind. Nach der Erfahrung einer siegreichen Konterrevolution, die zum Untergang der DDR führte, sollten wir vielleicht eher über das Gedicht „Böser Morgen“ aus dem gleichen Zyklus nachdenken:

„Heute nacht im Traum sah ich Finger, auf mich deutend

Wie auf einen Aussätzigen. Sie waren zerarbeitet und

Sie waren gebrochen.

Unwissende! schrie ich

Schuldbewußt.“[7]

Nach Brechts Tod nahm sich die Regierung der DDR der Pflege seines Erbes als einer nationalstaatlichen Aufgabe an. Herausragend waren dabei die Brecht-Dialoge. die beginnend mit dem 70. Geburtstag Brechts im Rhythmus von mindestens zehn Jahren veranstaltet worden waren. Es waren internationale Arbeitstagungen, an denen sich führende Kunstinstitutionen, wie die Akademie der Künste, die Akademie der Wissenschaften, Künstlerverbände und Hochschuleinrichtungen wie die Humboldt-Universität und die Filmhochschule beteiligten. Zu den Veranstaltungen kamen Gäste aus aller Welt. Dafür wurden beträchtliche Mittel zur Verfügung gestellt. Für den Brecht-Dialog 1978, an dessen Vorbereitung der Autor dieser Zeilen beteiligt war, waren es allein 864 800 Mark der DDR und zusätzlich 25 000 Valuta Mark. Bei diesem Brecht-Dialog wurde weit mehr als der Theatermann und Lyriker Brecht in den Blick genommen. Erstmals wurden in zahlreichen Film- und Fernsehvorführungen in größerem Umfang Verfilmungen Brecht’scher Stücke, Fernsehadaptionen von Brechtliteratur und Filme nach Drehbüchern von Brecht gezeigt. Selbst das Festival des politischen Liedes wurde einbezogen, wo demonstriert werden konnte, wie die internationale Jugend vom politischen Lied Brechts und Eislers angeregt wurde. Im Vorfeld dieses Brecht-Dialoges wurde eine Reihe neuer Institutionen eröffnet. In der Berliner Chausseestraße 125 wurde Brechts ehemaliges Wohnhaus unter Denkmalschutz gestellt und zum Brecht-Haus ausgebaut. Dort fand das neugegründete Brecht-Zentrum, dessen erste Bewährungsprobe die Koordination des Brecht-Dialoges wurde, seine Heimstatt. Zwischen den Brecht-Dialogen setzte es dessen Arbeit in kleineren Veranstaltungen fort. Die Wohn- und Arbeitsräume des Paares Brecht-Weigel wurden im Originalzustand wiederhergestellt. Die Akademie der Künste erhielt eigene Arbeitsräume, wo sie für die Brecht-Foschung die Nachlässe von Brecht, Helene Weigel, Ruth Berlau und Elisabeth Hauptmann zur Verfügung stellt. Zum Haus gehörten auch eine Bücherei und eine Gaststätte, wo nach Rezepten von Helene Weigel gekocht wurde. Es wurde die Zeitschrift „Notate“ gegründet, die über die Arbeit des Brecht-Zentrums informiert. Das Ministerium für Kultur hatte den Sommersitz von Brecht in Buckow erworben, das zum Brecht-Weigel-Haus mit einem Museum ausgebaut wurde. Dort ist unter anderem der legendäre Planwagen der Mutter Courage, wie er für die DEFA-Verfilmung des Stückes verwandt worden war, zu sehen. Dieses Haus wurde ebenfalls vom Brecht-Zentrum betreut. Am Brecht Dialog nahmen aus dem Ausland 185 Persönlichkeiten teil, die aus 40 Ländern aller Kontinente anreisten.

Auch zu diesem Zeitpunkt gab es in der Ost-West-Auseinandersetzung keine Pause. Der 78er Dialog fand nur wenige Monate nach der Ausbürgerung des dichtenden Provokateurs Wolf Biermann satt. Dagegen gab es einen offenen Protestbrief von Stephan Hermlin, den führende Künstler der DDR unterzeichnet hatten, darunter auch Volker Braun. Da gab es keine Scheu, auch kritische Künstler zum Brecht-Dialog einzuladen. Volker Braun nahm die Gelegenheit wahr, dort unter anderem kräftig mit über die Buckower Elegien zu diskutieren.

Versuche, Unruhe zu stiften, scheiterten an dieser Offenheit der DDR Kulturpolitik und auch an der Borniertheit der Widersacher. Letztere hatte schon Brecht 1950 bemerkt, als er in München mit einigen westdeutschen Autoren zusammentraf: „keinerlei kenntnis über die DDR“, notierte er. „Erzähle von landverteilung, arbeiter-und-bauern-universitäten, pfingstreffen der FDJ und erkläre, warum der sozialismus friedlich, der kapitalismus kriegerisch ist; daß ihre existenz abhängt von dem schwierigen Kampf der SED im osten. Man hört mir höflich zu.“[8] An dieser Ignoranz hat sich bis heute nichts geändert, nur wird nicht mehr höflich zugehört.

Frank Wecker

 


[1] Brecht, Bertolt: Werkausgabe. Frankfurt a. M. 1967. Gesammelte Werke Bd. 19. S. 499.

[2] Brecht: a. a. O. Bd. 10. S. 947

[3] Brecht. Werkausgabe. Supplementband. Arbeitsjournal. Frankfurt a. M. 1973. S. 563

[4] ebenda S. 549

[5] Brecht, Bertolt: Werkausgabe. Frankfurt a. M. 1967. Gesammelte Werke Bd. 20. S. 327

[6] Zitiert nach: Mittenzwei, Werner: Das Leben des Bertolt Brecht. 2. Berlin 1986. S. 507

[7] Brecht, Bertolt: Werkausgabe. Frankfurt a. M. 1967. Gesammelte Werke Bd. 10. S. 1010

[8] Brecht. Werkausgabe. Supplementband. Arbeitsjournal. Frankfurt a. M. 1973. S. 568.

Der Beitrag ist für den 14. Band der von Horst Jäkel herausgegebene Reihe „Spuren der Wahrheit“ vorgesehen, die der Geschichte der DDR gewidmet ist.

 

 

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