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Kultur

Ein Blick hinter die Kulissen

Essays zum Umgang mit Kunst von Peter Michel

Es ist leider nicht das erste mal in der Geschichte, daß ein Staat mit hoher Kultur von primitiven Stämmen besiegt wird. So geschehen im alten Rom, kurzzeitig in weiten Gebieten der Sowjetunion oder heute auf dem Gebiet der einstigen DDR. Der Rausch des Sieges geht mit der Plünderung einher. Objekte der Begierde sind auch die Kunstwerke der Besiegten. Den Begriff dafür „Vandalismus“ prägten die Vandalen bei der Eroberung Roms. Sie schleppten die Plastiken des Capitols nach Karthago, die Deutschen erbeuteten in der Sowjetunion das legendäre Bernsteinzimmer, und der Rezensent glaubte sich auf der Vorstandsetage einer der großen deutschen Banken in eine DDR-Kunstausstellung versetzt.

So spricht auch Peter Michel in seiner neuesten Publikation „Vor und hinter den Kulissen“ vom „schlimmsten Vandalismus“, der der in DDR geschaffenen Kunst in den Wendejahren widerfahren sei. Neben gemeinem Raub oder dem Billigkauf scheinbar entwerteter Kunst war im Gegensatz zu früherer Zeit hier die Demütigung der Besiegten ein vorrangiges Motiv. Ihr Stolz auf das Geschaffene sollte mit der Entwertung der Werke und dem Vorwurf, daß sie die falschen Götzen verehrt hätten, gebrochen werden. Das ist nicht ganz aufgegangen. In ihrer Kunst lebt die DDR fort. Das ist die Quintessenz der jüngsten Publikation von Peter Michel.

Peter Michel ist einer der profundesten Kenner der in der DDR geschaffenen Kunst. Von 1974 bis 1987 war er Chefredakteur der wichtigsten Kunstzeitschrift der DDR „Bildende Kunst“, dem Organ des Verbandes der Bildenden Künstler. Er verließ die Redaktion, um übergangsweise den Verband selbst zu leiten. In seiner Amtszeit wurde die X. Kunstausstellung der DDR vorbereitet. Sie wurde zu einer der stärksten Ausstellungen dieser Serie. Das Dresdner Albertinum war Wallfahrtsstätte aller Kunstinteressierten. Alle Künstler von Rang und Namen waren vertreten. Die Ausstellung besuchten über eine Million Bürger, eine Anzahl, die die Documenta in der viel größeren BRD nie erreichte.

Von diesem Mann lieg nun ein neues Buch vor. In dem schmalen aber umso gewichtigeren Band sind fünf zwischen 2018 und 2020 geschriebene Essays zur bildenden Kunst enthalten. In einem der Essays reflektiert Peter Michel auch seine Jahre als Chefredakteur der Zeitschrift „Bildende Kunst“. Es ist ein kulturpolitischer Essay, der die Auseinandersetzungen um die Kunst in der DDR verständlich macht. Er gewährt einen Blick „hinter die Kulissen“, der Hintergrundwissen vermittelt und damit zum Verständnis der anderen Essays und eigentlich zur gesamten Kunstentwicklung in der DDR beiträgt. Bei der Lektüre überrascht, daß viele der Kunstdebatten in der DDR gar nicht von „engstirnigen“ Kulturfunktionären ausgingen, sondern von Westjournalisten, die auflagefördernde Sensationsüberschriften produzierten. Wie den Künstlern erging es offensichtlich auch Partei- und Staatsfunktionären: Die rechte Aufmerksamkeit stellte sich erst ein, wenn die Westpresse berichtete. Oftmals verhielt es sich dabei wie mit der Karawane, die unbeeindruckt an den kläffenden Kötern vorbeizieht. Auch dazu äußert sich Peter Michel in dem Nachtrag, der ebenfalls „Hinter den Kulissen“ heißt. Da geht es um Bernhard Heisig, einen der im Staatsauftrag malenden Künstler, wofür er von „Aufarbeitern“ an den Pranger gestellt wurde. Dumm nur, daß der auftraggebende Staat die BRD war und er deren Bundeskanzler Helmut Schmidt für das Kanzleramt porträtierte. Der Name Bernhard Heisig dürfte weiterhin geläufig sein, während man die sich selbst Künstler wähnenden „Aufarbeiter“ Lutz Rathenow, Christoph Tannert und Freya Klier heute bei Wikipedia nachschlagen muß.

Im Vorwort „Kulissensprung“ geht es um „Realismus“, den sozialistischen, und das antizipatorische Potential von Kunst. Beides waren Brennpunkte der Kunstdebatten. Der „sozialistische Realismus“ war quasi Staatsdoktrin für das künstlerische Schaffen. Darüber wurden viele dicke Bücher geschrieben, aber bis heute weiß anscheinend keiner genau, worum es sich dabei handelt. Mit dem Anspruch auf Antizipation machte die Kunst der Partei ein Gebiet streitig, das sie als ihr ureigenstes Feld beanspruchte: Die Kenntnis des einzig richtigen Weges in die Zukunft zu besitzen. An Harald Metzkes „Kulissensprung“ macht Peter Michel deutlich, daß die Kunst doch der bessere Seismograph für „jähe Wendungen“ (Honnecker) ist.

Der Essay „Wege und Irrwege“ befaßt sich mit dem Vandalismus gegenüber der in der DDR geschaffenen Kunst und dem Scheitern der damit verbundenen Erwartungen. Peter Michel zeigt, wie im Osten entstandene Kunst, sofern sie über den regionalen und den Zeithorizont hinausgreift, wieder in den nationalen deutschen Kunstschatz zurückkehrt. Die DDR haftet diesen Werken insofern an, als daß sie ohne die gesellschaftliche Wertschätzung der Kunst in dem sozialistischen Staat nie hätten geschaffen werden können. Beispielhaft schildert es Peter Michel in dem Essay „Die Welt, wie ich sie denke“ am Werdegang des Künstlers Werner Neubert, dessen Arbeiten bis heute städtischen Lebensraum prägen. Voraussetzung war eine kunstfördernde Gesellschaft, die den Künstlern nicht nur das Brot, sondern wie im Fall von Werner Tübke geschehen mit dem Panorama Museum in Bad Frankenhaus auch den Raum zum Schaffen gab.

Der Essay „Entartet, vergessen, wiederentdeckt“ befaßt sich mit dem Schicksal der Werke jüdischer Künstler in der DDR. Obwohl die Herkunft oder religiöse Bekenntnisse in der DDR kaum eine Rolle spielten, so war es von Relevanz, daß es den Nazis gelungen war, einige der von ihnen dem Judentum zugeordneten Künstler aus dem öffentlichen Bewußtsein zu verdrängen. Auch da mußte der Kulturpolitik bisweilen auf die Sprünge geholfen werden, so wie es Peter Michel als Redakteur mit Jankel Adler tat und in dem Band erneut tut.

Zur Tragik der Eroberungspolitik gehört aber auch, daß Werke von unschätzbarem Wert verloren sind. Das gilt nicht nur für antike Plastiken und das Bernsteinzimmer, sondern auch für Kunstwerke der DDR.

FW

Michel, Peter: Vor und hinter den Kulissen. Essays zur bildenden Kunst 2018–2020. Berlin 20121. 108 Seiten: 11 Illustrationen. ISBN 978-3-95514-045-8. 10,00 Euro.

Spuren der Kämpfe und des Sieges

Ein Bildband von Gabriele Senft

Die Fotojournalistin Gabriele Senft ist zahlreichen Mitgliedern der GBM bekannt. Über viele Jahre begleitete sie die Arbeit unserer Menschenrechtsorganisation und dokumentierte sie mit ihren anspruchsvollen Fotografien. Sie stellte mehrfach in unserer Galerie in der Berliner Weitlingstraße aus: 1999 gemeinsam mit Gerhard Fischer Fotografien zum Jugoslawienkrieg, 2002 Arbeiten zum Thema „Die Brücke von Varvarin“, 2009 zum „Jahrgang 1949“ (ihrem Geburtsjahr) und 2015 anläßlich des 70. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus schon mit dem Titel „Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten“. Dieses Projekt verfolgte sie gemeinsam mit dem engagierten Verleger Wiljo Heinen weiter. Nun liegt nach fünf Jahren intensiver Arbeit ein hervorragend gestalteter Bild-Text-Band vor, der den Weg nachzeichnet, den die Rote Armee im Frühjahr 1945 von der Oder bis zum Zentrum Berlins verlustreich kämpfend beschritt, der zugleich den Anteil alliierter Truppen berücksichtigt und der auch an anderen Orten deutlich macht, dass die Lehren aus diesem furchtbaren Krieg niemals vergessen werden dürfen.

Auf dem Titel ihres Buches „Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten / Der langersehnte Frühling“ sind im Umriß eines roten Sterns zwei mit Erde beschmutzte Handflächen zu sehen. Eine hält einen sowjetischen Tapferkeitsorden, die andere zeigt eine deutsche Wehrmachts-Erkennungsmarke. Bei Ausgrabungen in Küstrin – heute Kostrzyn nad Odra – wurden sie, neben anderen Zeugnissen des Krieges, gefunden. Die „Festung Küstrin“ unter dem Kommando des SS-Gruppenführers Reinefarth, des »Henkers von Warschau«, sollte unbedingt gehalten werden. Unzählige sinnlose Opfer sind zu beklagen. Reinefarth wurde in der BRD Abgeordneter des Schleswig-Holsteinischen Landtags und Bürgermeister von Westerland auf Sylt. Für seine Taten wurde er nie belangt.

Ein krasser Gegensatz durchzieht das Buch: die leuchtenden Apfelblüten und der Flieder, der im Frühjahr 1945 besonders prächtig blühte, - und die vom Krieg zerstörten Orte und unzählige Gräber der Opfer. Dieser Band ist dem 75. Jahrestag der Befreiung der Völker Europas vom deutschen Faschismus gewidmet, er geht zu Herzen. Beim Lesen erinnert man sich an Filme: „Ich war 19“, „Ein Menschenschicksal“, „Die Kraniche ziehen“; auch sie brachten diese unauslöschbaren historischen Ereignisse wieder ins Bewußtsein. Die Autorin hat zahlreiche Orte besucht, und sie sprach mit Zeitzeugen. Erinnerungen von Umsiedlern, Schriftstellern, Berichterstattern, Kommandanten und Filmemachern lassen diese schwere Zeit nacherleben. Einfühlsame Naturaufnahmen vervollständigen das Buch, ergänzt durch gut ausgewählte, kurze Texte. Von Fritz Cremers Buchenwald-Denkmal sieht man ins weite, friedliche Weimarer Land. Der Schwur der Häftlinge von Buchenwald ist für uns heute eine bitter nötige Verpflichtung. Und uns wird beim Betrachten und Lesen des Buches immer mehr bewußt: Es sind nicht nur Anfänge, derer wir uns heute zu erwehren haben!

Ganz selbstverständlich schließt sich ein gut durchdachter Teil des Buches an; hier wird das Heldentum der Soldaten der Roten Armee gewürdigt mit Aufnahmen von Denkmalen, gepflegten Ehrenfriedhöfen und mit Bildern der herzlichen Freundschaft zwischen deutschen und russischen Menschen. Das Buch endet mit einem Abschnitt „Entdeckungen“, der Wissenswertes zu den Fotografien enthält. Die hervorragende künstlerische Gestaltung, die in den Händen des Verlegers Wiljo Heinen lag, entspricht ganz dem anspruchsvollen Inhalt. Gerade heute, wo alle Register gezogen werden, um Rußland zu verteufeln, ist dieses Buch so wichtig. Es macht nachdenklich, doch es ermutigt auch, das Leben zu feiern. Wer es in der Hand hält, der legt es nicht so schnell zurück.

Maria Michel

Gabriele Senft: Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten / Der lang ersehnte Frühling. Verlag Wiljo Heinen – Arbeiterlogik 2020, 195 Seiten mit zahlreichen, meist farbigen Abbildungen, ISBN 978-3-95514-913-0, 28,50 Euro

 

Sind wir wirklich ein Volk?

Eine Annotation

»Matthias Krauß hat der ›Aufarbeitungsindustrie‹ aufgeschrieben, was sie nicht hören will«, schrieb der Rezensent der »jungen Welt« über das Buch »Die große Freiheit ist es nicht geworden«. Als 1989 aus der »Wende«-Parole »Wir sind das Volk« der CDU-gelenkte Suggestivspruch »Wir sind ein Volk« geworden war, ging es mit dem, was in der DDR unter den Bedingungen des Kalten Krieges unter Mühen aufgebaut und erhalten worden war, zu Ende. In seinem neuen Band »In eins gespalten« geht Matthias Krauß nun der Frage nach »Sind wir wirklich ein Volk?«.

Nach einer Umfrage der Projektgruppe »Identitätswandel« beim Gesellschaftswissenschaftlichen Forum Berlin fühlten sich 1994 nur 19,5 Prozent der Ostdeutschen als Bürger der BRD. Sozialisationserfahrungen aus der untergegangenen DDR können nicht einfach ausgelöscht werden. Die Autoren der Projektgruppe wiesen damals auf die Gefahr hin, daß »der missionarische Eifer, mit dem Reste und Spuren der DDR-Gesellschaft abgewickelt und ausgelöscht werden, dazu beiträgt, eine Sonderidentität der DDR-Bevölkerung, vielleicht sogar ihre Ethnifizierung, weiter zu festigen«. Es ist eine alte Erfahrung: Verdikte und Argumentationen von oben werden trotz steter Berieselung durch die Mainstream-Medien, trotz ständiger Wiederholung und systematischer Entfernung von der geschichtlichen Wahrheit nicht angenommen, wenn sie der eigenen Erfahrungs- und Erlebniswelt widersprechen.

Nun sind seit dieser Umfrage beinahe 30 Jahre vergangen; eine neue Generation ist herangewachsen; die Älteren treten mehr und mehr von der Lebensbühne ab. Die Prozentzahl hat sich gewiß verändert. Dennoch stellt sich auch heute die Frage nach der tatsächlichen Einheit der Deutschen. Noch immer gibt es Meinungsmacher, die den Ostdeutschen erklären, wie sie früher gelebt hätten. Auch in diesem Jahr werden sich die »Väter der Einheit« am 3. Oktober wieder selbst feiern und mancher wird ihre Auslassungen mit ironischen bis sarkastischen Bemerkungen zur Kenntnis nehmen. Auch heute ist zu prüfen, ob West- und Ostdeutsche tatsächlich ein Volk sind. Matthias Krauß fragt: Werden wir so regiert, daß ein Einheitsgefühl entstehen kann? Kann man von Gleichheit vor dem Gesetz sprechen? Lassen sich kulturelle Entwicklungen zu einer inneren Einheit erkennen?

Immer wieder gibt es Stolpersteine. Doch solche Fragen haben Anspruch, möglichst wahrheitsgetreu beantwortet zu werden. Krauß gliedert sein Buch in mehrere Kapitel. Er weist nach, daß das Fest zum 30. Jahrestag der »Wiedervereinigung« ein Schatten seiner selbst war und entlarvt die Einheitsfeier als Spaltershow; er beschreibt den »betonierten Blick auf die Mauer« und die Verantwortung der Treuhandanstalt für das Herunterwirtschaften des Ostens. In einem Abschnitt unter dem Titel »Die Krone der Schöpfung«, der mir besonders gefiel, stellt er die politische Psychologie des Wessis dar, dieses »unvermeidlichen Zeitgenossen«. Er beschreibt den »siebenfach betonierten Russenhaß der Westdeutschen« und die Benachteiligungen der Ostdeutschen in den Bereichen Kultur und Journalismus. Wichtig sind auch seine Bemerkungen über Karl Jaspers, der die deutsche Wiedervereinigung ablehnte. »Der Narr und seine Freiheit« steht über einem Kapitel zu Wolf Biermann. Der abschließende Teil »Katzenjammer im ›glücklichsten Volk der Welt‹« ist einer Phrase von Willy Brandt gewidmet. Matthias Krauß schreibt am Ende: »Wir sind vereinigt und doch nicht eins. Als Ungleiche beisammen. … Zum geschilderten Abstand West-Ost gesellt sich dann auch der von Oben und Unten. … Vor diesem Hintergrund ist jegliche Volksgemeinschafts-Trompeterei mindestens peinlich.«

Dieses Buch ist ein Beispiel für guten, tatsächlich »investigativen« Journalismus und ist allen empfohlen, die - nach Brecht - ihr Vergnügen an kritischem Denken nicht verloren haben.

Peter Michel

Krauß, Matthias: In eins gespalten. Sind wir wirklich ein Volk? Berlin 2021. ISBN 978-3-360-01375-0, 15 Euro

Die Kunst des Begehrens

Farben und Erotik in der Fotografie

Der allgegenwärtigen Flut an Farbbildern und Pornographie geht die Doppelausstellung „Eros & Photography“ sowie „Rene Groebli: Farbzauberer“ In der Galerie Chaussee 36 auf den Grund.

Der Schweizer Fotograf Rene Groebli gehört zu den Pionieren, die die Farbfotografie auf ein künstlerisches Niveau hoben. Anfangs waren die Bilder nur bunt und platt naturalistisch. Um daraus Kunst entstehen zu lassen, mußten nicht nur die Motive nach Licht und Schatten, sondern auch die Farben komponiert werden. Das ist ihm vor allem mit einer Reihe von Porträts, Akten und auch Werbefotos gelungen. Groebli erzeugte diese Kompostionen mit einer aufwendigen Drucktechnik. Heute läßt sich diese Technik durch digitale Filtertechnik ersetzen, was der bewundert, der die Ursprünge nicht kennt.

In der Parallelausstellung „Eros & Photography“ sind 36 Meister der erotischen Fotografie versammelt, darunter: Nobuyoshi Araki, Dahmane oder Karin Székessy. Der Untertitel „Behind Desire“ (Hinter dem Begehren) bezeichnet die erste von vier geplanten Ausstellungen, deren Fortsetzung Jahr für Jahr erfolgen soll. Die Galerie gewährt damit Einblicke in die Sammlung ihrer erotischen Fotografie, die sie zu ihrem Spezialgebiet erkoren hat. Der nunmehr präsentierte erste Teil gliedert sich in die vier Abteilungen: Erwachen (Awakening), Träume (Dreams), Intimität (Intimacy) und Befreiung (Unchaining).

Die Präsentation beginnt mit dem „Erwachen“. Das großformatige Eingangsbild stammt von Daido Moriyama, der in einer schwarz-weißen Netzstruktur erotische weibliche Körperlichkeit auf einen Spanungsbogen von Linie und Kurve zentriert wiedergibt. Dieses Bild eröffnet nicht zufällig die Ausstellung: Das Erwachen wird mit dem unwillkürlichen und spontanen ersten morgendlichen Augenaufschlag verbunden, wobei der Blick oftmals auf den Partner fällt, der in diesem spontanen Augenblick tatsächlich nur als schönes und begehrliches Objekt wahrgenommen wird. Der Bildtitel lautet „Tights in Shimotakaido“, Tights ist eine Strumpfhose und Shimotakaido ein Tokioer Geschäftsviertel, womit in einem einzigen Bild zur Kritik des Feminismus auch der am Konsum tritt. Der slowakische Fotograf Tono Stano stellt in dieser Abteilung des Erwachens mit seinem Rückenakt „Mann in einem Rahmen“ (Man in a Frame) das Titelbild der gesamten Ausstellung. Mit einem homoerotisch anmutenden Jungenbildnis ist in der Ausstellung der US-amerikanische Fotograf Will McBride, der bis zu seinem Tod in Berlin lebte, vertreten. Später begegnet der Besucher diesem Fotografen unter anderem mit dem Bildband „Coming of Age“ wieder, das sich der Jugend in der Pubertät widmet. Darin ist das beeindruckende Bild von afrikanischen Kindersoldaten enthalten. Die Waffe, die ein kalt und entschlossen blickender Junge trägt, scheint größer als er selbst zu sein.

Ausstellungen von diesem Rang zeichnen sich dadurch aus, daß Raritäten zu sehen sind. Dazu gehören hier die Polaroids von Lucien Clergue, die nicht nur durch ihre ästhetischen Farbkompositionen faszinieren, sondern auch als Unikate mit einer großformatigen Polaroidkamera aufgenommen wurden und zum ersten Mal in Berlin zu sehen sind. In diesen Rahmen gehören auch die erotischen Aufnahmen von De Gambs.

In der Abteilung „Träume“ geht es um die Spanne zwischen bewußten Träumen und halluzinierten Vorstellungen; um psychologische Suche und die phantasievolle Entdeckung des Unbewußten. Die Reise in die Intimität gilt nicht allein der Entdeckung der Geheimnisse des Partners, sondern es geht auch um die Entdeckung der eigenen innersten Befindlichkeit. Von all diesen Anstrengung erlöst schließlich die letzte Abteilung, die Befreiung.

Ohne Frage kommen die Freunde der erotischen Fotografie beim Besuch dieser Ausstellung auf ihre Kosten. Neben dem vielen Lehrreichen ist der Besucher gleich bei der Qualität angelangt, ohne sich erst durch den milliardenfachen Trash des Internets durchzuquälen.

Mit der Entwicklung der digitalen Fotografie wurde die lichtbildnerische Gestaltung zu einer kreativen Massenerscheinung, die fast die ganze Bevölkerung erfaßt. Nahezu jeder, der ein mobiles Telefon mit sich führt, was vom Kind bis zum Greis viele Menschen sein dürften, kann ad hoc Bilder gestalten. Die gleich zum Fotoapparat mitgelieferte Programme erlauben es, die Fotos zu verfremden, so daß die aus alten Kreationen abgeschöpften und in Algorithmen gegossenen Methoden den Eindruck künstlerischer Kreativität vermitteln. Mit diesem Massenaufkommen an Bildern hat auch die Pornographie aus den dunklen Hinterzimmern ihren Siegeszug in der allgegenwärtigen Öffentlichkeit des Internets angetreten.

Die Ausstellung wird bis zum 23. Januar im Atelierhaus im Hof der Chausseestr. 36 gezeigt. Sie ist Donnerstag bis Sonntag von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 7 Euro. Der Besuch der Ausstellung „Behind Desire“ setzt ein Mindestalter von 18 Jahren voraus.

Frank Wecker

Ein Drama der Flucht

Deutsche Oper ist wieder geöffnet

Kaum ein Politikfeld ist heute derart von Heuchelei geprägt wie das der Flüchtlingsströme. Tausende werden dem Tod im Mittelmeer preisgegeben, in Konzentrationslager gesteckt, die jetzt vornehm „Hotspots“ heißen, oder Folterknechten, Erpressern, Kinderschändern und Vergewaltigern in die Arme getrieben.

Das macht die gesamte Politikergilde der „Europäischen Union“ mit, wenngleich sich die deutsche Bundeskanzlerin, sonst mit einem sicheren politischen Instinkt für die Gewinnerseite ausgestattet, kurzzeitig vergaloppiert hatte. Da waren wohl ihre DDR-Erfahrungen durchgeschlagen, als der Westen noch Millionen Flüchtlinge mit offenen Armen begrüßt hatte und sie ohne viel Federlesens als politische Flüchtlinge anerkannte. Das ist heute ganz anders. Heute sind Asylsuchende faulenzende „Wirtschaftsflüchtlinge“, die es sich im arbeitsamen Westen bequem machen und dazu noch Moscheen bauen wollen anstatt Kreuze anzubeten.

Das bietet Stoff für große Opern, wovon eine am Freitag, 4. September 2020, in der Deutschen Oper in der Bismarckstraße 35 uraufgeführt wurde: „Baby Doll“ der Pariser Autorin Marie-Eve Signeyrole. Als Oper läßt sich diese Produktion kaum bezeichnen: Die Deutsche Oper weist sie als „ein interdisziplinäres Konzertprojekt“ aus. Drei Tänzer, heute heißen sie „Performer“, erzählen die Geschichte einer Flucht und Ankunft in der EU. Sie erzählen in beeindruckenden Tanzbildern, was sich hinter den nüchternen Berichten von gekenterten Booten, Notanlandungen und der Zurückweisung von Asylanträgen in jedem einzelnen Fall für erschütternde Einzelschicksale verbergen. Die emotionale Wirkung der Inszenierung ist ebenso der Musik Beethovens, der Performance liegt die 7. Sinfonie Beethovens zugrunde, geschuldet wie auch der kontrastiert eigesetzen Klezmer-Musik von Yom, der die erstickten Schreie der Opfer hörbar werden läßt. Vor Beginn dieser Tanzhandlung liegen vor dem Orchester, das auf der Bühne statt im Orchestergraben musiziert, Schuhe, die zusammengefegt und in den Müll geworfen werden. Dies ist ein eindringliches Bild, das an die Schuhe von Auschwitz erinnert, wo sich hinter jedem Paar das Schicksal eines ermordeten Menschen verbirgt.

Von Haus aus ist die Autorin Filmregisseurin. Das ist dieser Inszenierung auch anzumerken, zu der auch eine mitwirkende Filmerin gehört, die in der Vorstellung Bilder für die Videowand produziert. Für Interessenten ist dies lehrreich, weil die Entstehung einzelner Filmeffekte ablesbar ist. Die Kameraführung wird zum Bestandteil der Erzählung, wenn sie zum Beispiel denn Wellengang des Bootes erzeugt.

Diese Inszenierung ist die erste Aufführung im Opernhaus nach der coronabedingten Schließung der Theater. Leider unterliegt der Besucherzugang weiterhin Einschränkungen. Bislang steht die Inszenierung nur bis zum Montag, 7. September, auf dem Spielplan, wofür auch nur 20 Prozent der Plätze angeboten werden. Die Inszenierung ist aber im Repertoire für die Spielzeit 2020/21 verankert.

Andererseits hat Berlin es Corona zu verdanken, daß die Uraufführung hier stattfindet. Ursprünglich war sie für Metz vorgesehen. Doch just am Tag der vorgesehen Premiere wurden in Frankreich alle Theater geschlossen.

Marie-Eve Signeyrole arbeitete neben ihren Filmproduktionen an mehreren französischen Opernhäusern, in Zürich und in Hannover. Ihre Inszenierung von „La damnation des Faust“ wurde für den deutschen Theaterpreis nominiert. 2021 wird sie Giacomo Puccinis „Turandot“ an der Semperoper in Dresden inszenieren.

Karten ab 56 Euro können im Internet unter https://deutscheoperberlin.eventim-inhouse.de/ vorbestellt werden.

Frank Wecker

Brecht in der DDR

Poesie und Engagement eines Dichters

„Ich bin hier“, womit Brecht die DDR meinte, „weil ich meine Meinungen habe“[1]. Er antwortete damit auf den Vorwurf des westdeutschen Schriftstellers Wolfgang Weyrauch, daß sein Engagement für den Frieden und die deutsche Wiedervereinigung nur seiner opportunistischen Hörigkeit gegenüber der DDR-Regierung geschuldet sei. Forderungen nach „Frieden“ und „deutscher Einheit“ galten um 1952, als Westdeutschland die Wiederaufrüstung und die Westbindung anstrebte, als üble SED-Propaganda.

Brecht gehört zu jenen Schriftstellern, die aus Nazideutschland vertrieben aus dem Exil zurückkehrend, die DDR beziehungsweise anfangs noch die sowjetisch besetzte Zone Deutschlands zu ihrer Heimat erkoren. Brecht befand sich da in bester Gesellschaft, beispielsweise in der von Anna Seghers, die erste Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR werden sollte, des ersten Kulturministers der DDR Johannes R. Becher oder Heinrich Manns, den ersten Präsidenten der Akademie der Künste, dem es aber nicht mehr vergönnt war, die geplante Rückkehr in seine neue Wahlheimat zu erleben. Aus der Elite der deutschen Kunst hatte sich kaum jemand für die Westzonen entschieden, wo die Exilanten lange Zeit als „Vaterlandsverräter“ angesehen und entsprechend von der Literaturkritik und den Verlagen behandelt wurden.

Als die DDR gegründet wurde, war es breiter gesellschaftlicher Konsens, daß der Frieden nur dauerhaft durch die Entmachtung des Monopolkapitals und die radikale Bekämpfung des Militarismus gesichert werden könne. Solche „extremistischen“ Forderungen tauchten selbst an prominenter Stelle in Gründungsprogrammen von westzonalen CDU-Landesverbänden auf. Die Künstler hatten jedoch ein feines Gespür dafür, wo den Kriegstreibern ernsthaft der Boden entzogen oder wo, hinter der Phrase von „Freiheit und Demokratie“, die Restauration der alten Verhältnisse betrieben wurde, die letztlich zur Wiederbewaffnung, zur Auferstehung des besiegt geglaubten deutschen Militarismus, zur Spaltung der Nation und schließlich der beständigen Bedrohung durch den Atomtod führten.

Gegen Ende der DDR war es allerdings der Reaktion gelungen, dieses Meinungsbild umzukehren. Aller Erfahrung widersprechend sahen viele Bürger in der Sowjetunion eine treibende Kraft des atomaren Wettrüstens und wollten gar der Friedenspolitik der DDR eine „unabhängige“ Friedensbewegung entgegensetzen. Fast hilflos mahnte Ende 1981 Konrad Wolf auf der von Stephan Hermlin initiierten „Berliner Begegnung zur Friedensförderung“ gegenüber den Behauptungen des westdeutschen Autors Günter Grass mit dem Vers Jewgeni Jewtuschenkos „Meinst du, die Russen wollen Krieg?“

Die Zwischenzeit war von unablässiger Auseinandersetzung auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens gekennzeichnet. Sie sollte als „Kalter Krieg“ in die Geschichte eingehen, der mit einer Niederlage des Sozialismus endete.

Der Westen hatte die stärkeren Waffen. Mit seiner gigantischen Rüstung und dank konsumtiver Überlegenheit mittels Ausbeutung der „Dritten Welt“ konnte er der Wirtschaft des Ostblocks dem Sozialismus wesensfremde Entwicklungen aufzwingen. Diese heftigen Auseinandersetzungen machten auch um die Kunst keinen Bogen. Viele Künstler durchschauten die Fassade der glitzernden Konsumwelt. Aber im Gegensatz zur Nachkriegszeit, wo die Menschen in einer Trümmerlandschaft lebten, fanden die Mahner zunehmend weniger Gehör. Das geflügelte Wort der Nachkriegszeit: „Lieber ein ganzes Leben trocken Brot essen als noch einmal Krieg“, war längst vergessen. Die Begriffe „Frieden“, „Freiheit“ und „Demokratie“ wurden gegen den Sozialismus in Anschlag gebracht. Die Brechttochter Hanne Hiob zog 1990 zum dritten Male mit einem Wagenzug durch im Reklamelicht funkelnde „blühende Landschaften“ zwischen Bonn und Berlin. Auf den Wagen wurden einzelne Strophen des aus der Nachkriegszeit stammenden Brechtgedichtes „Der Anachronistische Zug oder Freiheit und Democracy“ versinnbildlicht. Jede einzelne Strophe entlarvt, daß sich hinter der Phrase von „Freiheit und Demokratie“ die alten Kriegstreiber, Beamtenschaft und Großindustrie tummeln: „Die grauen Herren von den Kartellen“, „Hirnverhehrer“, „Planer der Vergasungslager“, „Stürmerredakteure“, „Judenwürger“

„Blut und Dreck in Wahlverwandtschaft

Zog das durch die deutsche Landschaft

Rülpste, kotzte, stank und schrie:

Freiheit und Democracy“.[2]

Das Besondere an Dichtung ist, daß sie nicht besiegt werden kann. Über Jahrhunderte leben die Lieder des Bauernkrieges fort, Ernst Buschs Spanienlieder kämpfen noch heute, wo der Sieg über die spanische Republik viel länger her ist als die Annektion der DDR. So ist auch die DDR-Kunst und mithin auch Brecht nicht „besiegt“, obwohl das mancher Reaktionär am Ende der DDR gehofft haben mag. Selbst das von der DDR geschaffene Brecht-Zentrum lebt heute unter anderem Namen am gleichen Ort fort und auch die von der DDR geschaffenen Brecht-Dialoge haben sogar unter gleichem Namen die DDR überdauert. Das ist aber nicht dem jetzigen Staat zu Gute zu halten. Vieles wird ehrenamtlich geleistet. Die Aktivisten, die dieses Werk fortsetzen, sind oftmals gehalten, demütig bei den neuen Herrlichkeiten um Fördermittel zu betteln, ihre Programme haben sie dem engen geistigen Horizont einer antikommunistisch ausgerichteten Bildungspolitik anzupassen.

Brechts erste Arbeit in der DDR war die Inszenierung seines Stückes „Mutter Courage und ihre Kinder“, die in Ermangelung einer eigenen Bühne noch am Deutschen Theater mit Helene Weigel in der Titelrolle Premiere hatte. Die Inszenierung wurde ein durchschlagender Erfolg. Noch nach einem Jahr sind die Vorstellungen ausverkauft. Erstaunt sieht Brecht beim Maiumzug 1950 vom Wagen des Berliner Ensembles aus, daß Mütter ihre Kinder hochhalten und ihnen auf Helene Weigel weisend erklären: „die mutter courage!“[3].

Brecht hatte mit diesem Stück das Fühlen und Denken der Menschen getroffen. Die Mutter, die mit einem Planwagen durch das im 30jährigen Krieg verwüstete Europa zieht, um ihre Kinder und sich selbst mit Geschäften über die schwere Zeit zu bringen. Das entsprach der Lebenserfahrung des Publikums; auch daß sie nicht das Glück gefunden, dafür aber alles im Krieg verloren hat. Unbelehrbar spannt sie sich schließlich selbst vor den Planwagen mit ihrer Krämerware, um den Weg unbeirrt von der eigenen Lebenserfahrung fortzusetzen. Brecht hoffte darauf, daß das Publikum dieses Verhalten kritisch sehen und für sich selbst die richtige Schlußfolgerung ziehen werde. In einem anderen Stück, dessen Held ebenfalls eine um ihre Kinder besorgte Mutter ist, wählt er eine gegensätzliche Dramaturgie. Hier zieht die Mutter nach dem Tod ihres Kindes die richtige Schlußfolgerung und kämpft gegen die Faschisten. Dieses Stück, „Die Gewehre der Frau Carrar“, war ganz nach der klassischen Dramentheorie der Einheit von Ort, Zeit und Handlung gebaut. Es war gewissermaßen ein Gegenentwurf zum epischen Theater, wo die Mutter Courage im Kreislauf der Drehbühne von Verlust zu Verlust marschiert. Zwei völlig unterschiedliche Dramaturgien sollen die gleiche Wirkung erzielen, einmal indem der Zuschauer das Handeln der Bühnenfigur nachvollziehend übernimmt und zum anderen, daß er sich vom vorgeführten Handeln distanziert und sich gegenteilig zum Handeln der Bühnenfigur verhalten soll. Brecht war sich nicht sicher, ob die beabsichtigte Wirkung eintreten werde. Er erkundete deshalb am 9. Januar 1949, noch vor der offiziellen Premiere, in einer geschlossenen Aufführung für Gewerkschaftsfunktionäre und Arbeiter des Hennigsdorfer Stahlwerkes die Wirkung der Mutter Courage. Sorgfältig verglich er die Reaktionen der Arbeiter mit denen von Intellektuellen. Während die nicht aus der Erfahrung lernende Courage bei den Arbeitern nur Mitleid erregte, forderten Leipziger Studenten eine realistische Figur, die zur Einsicht komme. Listig bestätigte Brecht den Realismus der Courage damit „daß selbst das ungeheure elend, in das der nationalsozialismus die bevölkerung stieß, wenig wandel hervorgebracht hat“[4], womit er die Lacher auf seiner Seite hatte.

So lustig ging es hingegen in der öffentlichen Debatte nicht immer ab. Da setzte ein oftmals kurzsichtig geführter Streit um „Formalismus“, „sozialistischen Realismus“ und „Dekadenz“, Begriffe, die in Brechts Auffassung von Theater keine Rolle spielten, ein. Ihm ging es um „Verfremdung“, „Lehrstücke“, „Versuche“, letztlich um ein „episches Theater“, das dem Zuschauer Lust und Vergnügen am Denken, an eigenen Schlußfolgerungen und Vorstellungen über das Handeln der Figuren bereiten sollte. Das führte zu öffentlicher Schelte und Vorhaltungen von manchen Funktionären, die die führende Rolle der Partei dahingehend interpretierten, daß die Partei auch besser wisse, wie zeitgemäße Kunst auszusehen habe und die Künstler sich gefälligst an die dafür gegebene Richtschnur zu halten hätten.

Die ästhetische Auseinandersetzung um Brecht spielte sich vor dem Hintergrund der Spaltung Deutschlands ab. In diesen Fragen gab es keinen Dissens. Eindringlich wurde davor gewarnt, Westdeutschland mit einer neuen Armee in westliche Militärbündnisse zu integrieren. Dies wäre friedensgefährdend und vertiefe die deutsche Spaltung. Ziel war die Wiederherstellung der deutschen Einheit in einem neutralen demokratischen Staat. Das war nicht unrealistisch. Die Aufstellung einer europäischen Armee mit deutschem Zugriff auf Atomwaffen konnte damals verhindert werden. Diese Idee feiert erst heute wieder Urständ. Nicht verhindert werden konnte dagegen die Aufnahme Westdeutschlands in die NATO. Brechts Worte, der unablässig warnte, verhallten nicht. Die damalige Friedensbewegung mobilisierte Tausende, die im Westen durch brutalen Polizeiterror und organisierte Medienkampagnen niedergehalten wurden. Erst ab diesem Zeitpunkt wurde die DDR nicht mehr als ein Provisorium angesehen.

Deshalb wertete Brecht auch die Niederwerfung des Umsturzversuches vom 17. Juni 1953 als ein friedenssicherndes Vorgehen: „Mehrere Stunden lang stand Berlin am Rande eines dritten Weltkrieges. Nur dem schnellen und sicheren Eingreifen sowjetischer Truppen ist es zu verdanken, daß diese Versuche vereitelt wurden. Es war offensichtlich, daß das Eingreifen der sowjetischen Truppen sich keineswegs gegen die Demonstrationen der Arbeiter richtete. Es richtete sich ganz augenscheinlich ausschließlich gegen die Versuche, einen neuen Weltbrand zu entfachen.“[5] Solch klare Worte über den Lieblingsarbeiteraufstand der Bourgeoisie rief die Wadenbeißer auf den Plan: In Westdeutschland und Österreich wurde zum Boykott der Werke Brechts aufgerufen, um dem „Schmäher des Westens“ und „Lakaien Pankows“ den Brotkorb höher zu hängen. Brecht gehörte jedoch nicht zu den korrumpierbaren Autoren. Seinem Weg zum neben Shakespeare meistgespielten Dramatiker der Weltliteratur tat das keinen Abbruch.

Brecht berührten tiefere Probleme. An den Demonstrationen waren Bauarbeiter aus der Stalinallee beteiligt, denen er Gedichte gewidmet hatte, und Hennigsdorfer Stahlwerker, dem ersten Publikum seiner Courage-Inszenierung. Ihn beschäftigte ferner der rasche Umschlag der Losungen: Aus „Weg mit den Normen“ wurde „Weg mit der Regierung“ und daraus „Hängt sie“. „Der Bürgersteig übernahm die Regie“, schrieb er an seinen Verleger Peter Suhrkamp: „Ich habe an diesem tragischen 17. Juni beobachtet, wie der Bürgersteig auf die Straße das ‚Deutschlandlied‘ warf und die Arbeiter es mit der ‚Internationale‘ niederstimmten. Aber sie kamen, verwirrt und hilflos, nicht durch damit.“[6] Neben vielen neuen Haltungen, die er bei den Arbeitern entdeckte, mußte er feststellen, daß die Naziideologie noch vorhanden war.

Brecht gehörte nicht zu jenen Leuten, die über der Wirklichkeit verzweifeln, wenn sie anders als erwartet verläuft. Nach den Ereignissen fuhr er auf seinen Sommersitz nach Buckow. Da entstanden die „Buckower Elegien“. Sie enthalten jene witzigen Verse über die Regierung, die besser ihr Volk auflöse und sich ein neues wähle, welche zum Zitatenschatz jener Brechtianer gehören, die der DDR nicht wohl gesonnen sind. Nach der Erfahrung einer siegreichen Konterrevolution, die zum Untergang der DDR führte, sollten wir vielleicht eher über das Gedicht „Böser Morgen“ aus dem gleichen Zyklus nachdenken:

„Heute nacht im Traum sah ich Finger, auf mich deutend

Wie auf einen Aussätzigen. Sie waren zerarbeitet und

Sie waren gebrochen.

Unwissende! schrie ich

Schuldbewußt.“[7]

Nach Brechts Tod nahm sich die Regierung der DDR der Pflege seines Erbes als einer nationalstaatlichen Aufgabe an. Herausragend waren dabei die Brecht-Dialoge. die beginnend mit dem 70. Geburtstag Brechts im Rhythmus von mindestens zehn Jahren veranstaltet worden waren. Es waren internationale Arbeitstagungen, an denen sich führende Kunstinstitutionen, wie die Akademie der Künste, die Akademie der Wissenschaften, Künstlerverbände und Hochschuleinrichtungen wie die Humboldt-Universität und die Filmhochschule beteiligten. Zu den Veranstaltungen kamen Gäste aus aller Welt. Dafür wurden beträchtliche Mittel zur Verfügung gestellt. Für den Brecht-Dialog 1978, an dessen Vorbereitung der Autor dieser Zeilen beteiligt war, waren es allein 864 800 Mark der DDR und zusätzlich 25 000 Valuta Mark. Bei diesem Brecht-Dialog wurde weit mehr als der Theatermann und Lyriker Brecht in den Blick genommen. Erstmals wurden in zahlreichen Film- und Fernsehvorführungen in größerem Umfang Verfilmungen Brecht’scher Stücke, Fernsehadaptionen von Brechtliteratur und Filme nach Drehbüchern von Brecht gezeigt. Selbst das Festival des politischen Liedes wurde einbezogen, wo demonstriert werden konnte, wie die internationale Jugend vom politischen Lied Brechts und Eislers angeregt wurde. Im Vorfeld dieses Brecht-Dialoges wurde eine Reihe neuer Institutionen eröffnet. In der Berliner Chausseestraße 125 wurde Brechts ehemaliges Wohnhaus unter Denkmalschutz gestellt und zum Brecht-Haus ausgebaut. Dort fand das neugegründete Brecht-Zentrum, dessen erste Bewährungsprobe die Koordination des Brecht-Dialoges wurde, seine Heimstatt. Zwischen den Brecht-Dialogen setzte es dessen Arbeit in kleineren Veranstaltungen fort. Die Wohn- und Arbeitsräume des Paares Brecht-Weigel wurden im Originalzustand wiederhergestellt. Die Akademie der Künste erhielt eigene Arbeitsräume, wo sie für die Brecht-Foschung die Nachlässe von Brecht, Helene Weigel, Ruth Berlau und Elisabeth Hauptmann zur Verfügung stellt. Zum Haus gehörten auch eine Bücherei und eine Gaststätte, wo nach Rezepten von Helene Weigel gekocht wurde. Es wurde die Zeitschrift „Notate“ gegründet, die über die Arbeit des Brecht-Zentrums informiert. Das Ministerium für Kultur hatte den Sommersitz von Brecht in Buckow erworben, das zum Brecht-Weigel-Haus mit einem Museum ausgebaut wurde. Dort ist unter anderem der legendäre Planwagen der Mutter Courage, wie er für die DEFA-Verfilmung des Stückes verwandt worden war, zu sehen. Dieses Haus wurde ebenfalls vom Brecht-Zentrum betreut. Am Brecht Dialog nahmen aus dem Ausland 185 Persönlichkeiten teil, die aus 40 Ländern aller Kontinente anreisten.

Auch zu diesem Zeitpunkt gab es in der Ost-West-Auseinandersetzung keine Pause. Der 78er Dialog fand nur wenige Monate nach der Ausbürgerung des dichtenden Provokateurs Wolf Biermann satt. Dagegen gab es einen offenen Protestbrief von Stephan Hermlin, den führende Künstler der DDR unterzeichnet hatten, darunter auch Volker Braun. Da gab es keine Scheu, auch kritische Künstler zum Brecht-Dialog einzuladen. Volker Braun nahm die Gelegenheit wahr, dort unter anderem kräftig mit über die Buckower Elegien zu diskutieren.

Versuche, Unruhe zu stiften, scheiterten an dieser Offenheit der DDR Kulturpolitik und auch an der Borniertheit der Widersacher. Letztere hatte schon Brecht 1950 bemerkt, als er in München mit einigen westdeutschen Autoren zusammentraf: „keinerlei kenntnis über die DDR“, notierte er. „Erzähle von landverteilung, arbeiter-und-bauern-universitäten, pfingstreffen der FDJ und erkläre, warum der sozialismus friedlich, der kapitalismus kriegerisch ist; daß ihre existenz abhängt von dem schwierigen Kampf der SED im osten. Man hört mir höflich zu.“[8] An dieser Ignoranz hat sich bis heute nichts geändert, nur wird nicht mehr höflich zugehört.

Frank Wecker

 


[1] Brecht, Bertolt: Werkausgabe. Frankfurt a. M. 1967. Gesammelte Werke Bd. 19. S. 499.

[2] Brecht: a. a. O. Bd. 10. S. 947

[3] Brecht. Werkausgabe. Supplementband. Arbeitsjournal. Frankfurt a. M. 1973. S. 563

[4] ebenda S. 549

[5] Brecht, Bertolt: Werkausgabe. Frankfurt a. M. 1967. Gesammelte Werke Bd. 20. S. 327

[6] Zitiert nach: Mittenzwei, Werner: Das Leben des Bertolt Brecht. 2. Berlin 1986. S. 507

[7] Brecht, Bertolt: Werkausgabe. Frankfurt a. M. 1967. Gesammelte Werke Bd. 10. S. 1010

[8] Brecht. Werkausgabe. Supplementband. Arbeitsjournal. Frankfurt a. M. 1973. S. 568.

 

 

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