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Kultur

Sind wir wirklich ein Volk?

Eine Annotation

»Matthias Krauß hat der ›Aufarbeitungsindustrie‹ aufgeschrieben, was sie nicht hören will«, schrieb der Rezensent der »jungen Welt« über das Buch »Die große Freiheit ist es nicht geworden«. Als 1989 aus der »Wende«-Parole »Wir sind das Volk« der CDU-gelenkte Suggestivspruch »Wir sind ein Volk« geworden war, ging es mit dem, was in der DDR unter den Bedingungen des Kalten Krieges unter Mühen aufgebaut und erhalten worden war, zu Ende. In seinem neuen Band »In eins gespalten« geht Matthias Krauß nun der Frage nach »Sind wir wirklich ein Volk?«.

Nach einer Umfrage der Projektgruppe »Identitätswandel« beim Gesellschaftswissenschaftlichen Forum Berlin fühlten sich 1994 nur 19,5 Prozent der Ostdeutschen als Bürger der BRD. Sozialisationserfahrungen aus der untergegangenen DDR können nicht einfach ausgelöscht werden. Die Autoren der Projektgruppe wiesen damals auf die Gefahr hin, daß »der missionarische Eifer, mit dem Reste und Spuren der DDR-Gesellschaft abgewickelt und ausgelöscht werden, dazu beiträgt, eine Sonderidentität der DDR-Bevölkerung, vielleicht sogar ihre Ethnifizierung, weiter zu festigen«. Es ist eine alte Erfahrung: Verdikte und Argumentationen von oben werden trotz steter Berieselung durch die Mainstream-Medien, trotz ständiger Wiederholung und systematischer Entfernung von der geschichtlichen Wahrheit nicht angenommen, wenn sie der eigenen Erfahrungs- und Erlebniswelt widersprechen.

Nun sind seit dieser Umfrage beinahe 30 Jahre vergangen; eine neue Generation ist herangewachsen; die Älteren treten mehr und mehr von der Lebensbühne ab. Die Prozentzahl hat sich gewiß verändert. Dennoch stellt sich auch heute die Frage nach der tatsächlichen Einheit der Deutschen. Noch immer gibt es Meinungsmacher, die den Ostdeutschen erklären, wie sie früher gelebt hätten. Auch in diesem Jahr werden sich die »Väter der Einheit« am 3. Oktober wieder selbst feiern und mancher wird ihre Auslassungen mit ironischen bis sarkastischen Bemerkungen zur Kenntnis nehmen. Auch heute ist zu prüfen, ob West- und Ostdeutsche tatsächlich ein Volk sind. Matthias Krauß fragt: Werden wir so regiert, daß ein Einheitsgefühl entstehen kann? Kann man von Gleichheit vor dem Gesetz sprechen? Lassen sich kulturelle Entwicklungen zu einer inneren Einheit erkennen?

Immer wieder gibt es Stolpersteine. Doch solche Fragen haben Anspruch, möglichst wahrheitsgetreu beantwortet zu werden. Krauß gliedert sein Buch in mehrere Kapitel. Er weist nach, daß das Fest zum 30. Jahrestag der »Wiedervereinigung« ein Schatten seiner selbst war und entlarvt die Einheitsfeier als Spaltershow; er beschreibt den »betonierten Blick auf die Mauer« und die Verantwortung der Treuhandanstalt für das Herunterwirtschaften des Ostens. In einem Abschnitt unter dem Titel »Die Krone der Schöpfung«, der mir besonders gefiel, stellt er die politische Psychologie des Wessis dar, dieses »unvermeidlichen Zeitgenossen«. Er beschreibt den »siebenfach betonierten Russenhaß der Westdeutschen« und die Benachteiligungen der Ostdeutschen in den Bereichen Kultur und Journalismus. Wichtig sind auch seine Bemerkungen über Karl Jaspers, der die deutsche Wiedervereinigung ablehnte. »Der Narr und seine Freiheit« steht über einem Kapitel zu Wolf Biermann. Der abschließende Teil »Katzenjammer im ›glücklichsten Volk der Welt‹« ist einer Phrase von Willy Brandt gewidmet. Matthias Krauß schreibt am Ende: »Wir sind vereinigt und doch nicht eins. Als Ungleiche beisammen. … Zum geschilderten Abstand West-Ost gesellt sich dann auch der von Oben und Unten. … Vor diesem Hintergrund ist jegliche Volksgemeinschafts-Trompeterei mindestens peinlich.«

Dieses Buch ist ein Beispiel für guten, tatsächlich »investigativen« Journalismus und ist allen empfohlen, die - nach Brecht - ihr Vergnügen an kritischem Denken nicht verloren haben.

Peter Michel

Krauß, Matthias: In eins gespalten. Sind wir wirklich ein Volk? Berlin 2021. ISBN 978-3-360-01375-0, 15 Euro

Die Kunst des Begehrens

Farben und Erotik in der Fotografie

Der allgegenwärtigen Flut an Farbbildern und Pornographie geht die Doppelausstellung „Eros & Photography“ sowie „Rene Groebli: Farbzauberer“ In der Galerie Chaussee 36 auf den Grund.

Der Schweizer Fotograf Rene Groebli gehört zu den Pionieren, die die Farbfotografie auf ein künstlerisches Niveau hoben. Anfangs waren die Bilder nur bunt und platt naturalistisch. Um daraus Kunst entstehen zu lassen, mußten nicht nur die Motive nach Licht und Schatten, sondern auch die Farben komponiert werden. Das ist ihm vor allem mit einer Reihe von Porträts, Akten und auch Werbefotos gelungen. Groebli erzeugte diese Kompostionen mit einer aufwendigen Drucktechnik. Heute läßt sich diese Technik durch digitale Filtertechnik ersetzen, was der bewundert, der die Ursprünge nicht kennt.

In der Parallelausstellung „Eros & Photography“ sind 36 Meister der erotischen Fotografie versammelt, darunter: Nobuyoshi Araki, Dahmane oder Karin Székessy. Der Untertitel „Behind Desire“ (Hinter dem Begehren) bezeichnet die erste von vier geplanten Ausstellungen, deren Fortsetzung Jahr für Jahr erfolgen soll. Die Galerie gewährt damit Einblicke in die Sammlung ihrer erotischen Fotografie, die sie zu ihrem Spezialgebiet erkoren hat. Der nunmehr präsentierte erste Teil gliedert sich in die vier Abteilungen: Erwachen (Awakening), Träume (Dreams), Intimität (Intimacy) und Befreiung (Unchaining).

Die Präsentation beginnt mit dem „Erwachen“. Das großformatige Eingangsbild stammt von Daido Moriyama, der in einer schwarz-weißen Netzstruktur erotische weibliche Körperlichkeit auf einen Spanungsbogen von Linie und Kurve zentriert wiedergibt. Dieses Bild eröffnet nicht zufällig die Ausstellung: Das Erwachen wird mit dem unwillkürlichen und spontanen ersten morgendlichen Augenaufschlag verbunden, wobei der Blick oftmals auf den Partner fällt, der in diesem spontanen Augenblick tatsächlich nur als schönes und begehrliches Objekt wahrgenommen wird. Der Bildtitel lautet „Tights in Shimotakaido“, Tights ist eine Strumpfhose und Shimotakaido ein Tokioer Geschäftsviertel, womit in einem einzigen Bild zur Kritik des Feminismus auch der am Konsum tritt. Der slowakische Fotograf Tono Stano stellt in dieser Abteilung des Erwachens mit seinem Rückenakt „Mann in einem Rahmen“ (Man in a Frame) das Titelbild der gesamten Ausstellung. Mit einem homoerotisch anmutenden Jungenbildnis ist in der Ausstellung der US-amerikanische Fotograf Will McBride, der bis zu seinem Tod in Berlin lebte, vertreten. Später begegnet der Besucher diesem Fotografen unter anderem mit dem Bildband „Coming of Age“ wieder, das sich der Jugend in der Pubertät widmet. Darin ist das beeindruckende Bild von afrikanischen Kindersoldaten enthalten. Die Waffe, die ein kalt und entschlossen blickender Junge trägt, scheint größer als er selbst zu sein.

Ausstellungen von diesem Rang zeichnen sich dadurch aus, daß Raritäten zu sehen sind. Dazu gehören hier die Polaroids von Lucien Clergue, die nicht nur durch ihre ästhetischen Farbkompositionen faszinieren, sondern auch als Unikate mit einer großformatigen Polaroidkamera aufgenommen wurden und zum ersten Mal in Berlin zu sehen sind. In diesen Rahmen gehören auch die erotischen Aufnahmen von De Gambs.

In der Abteilung „Träume“ geht es um die Spanne zwischen bewußten Träumen und halluzinierten Vorstellungen; um psychologische Suche und die phantasievolle Entdeckung des Unbewußten. Die Reise in die Intimität gilt nicht allein der Entdeckung der Geheimnisse des Partners, sondern es geht auch um die Entdeckung der eigenen innersten Befindlichkeit. Von all diesen Anstrengung erlöst schließlich die letzte Abteilung, die Befreiung.

Ohne Frage kommen die Freunde der erotischen Fotografie beim Besuch dieser Ausstellung auf ihre Kosten. Neben dem vielen Lehrreichen ist der Besucher gleich bei der Qualität angelangt, ohne sich erst durch den milliardenfachen Trash des Internets durchzuquälen.

Mit der Entwicklung der digitalen Fotografie wurde die lichtbildnerische Gestaltung zu einer kreativen Massenerscheinung, die fast die ganze Bevölkerung erfaßt. Nahezu jeder, der ein mobiles Telefon mit sich führt, was vom Kind bis zum Greis viele Menschen sein dürften, kann ad hoc Bilder gestalten. Die gleich zum Fotoapparat mitgelieferte Programme erlauben es, die Fotos zu verfremden, so daß die aus alten Kreationen abgeschöpften und in Algorithmen gegossenen Methoden den Eindruck künstlerischer Kreativität vermitteln. Mit diesem Massenaufkommen an Bildern hat auch die Pornographie aus den dunklen Hinterzimmern ihren Siegeszug in der allgegenwärtigen Öffentlichkeit des Internets angetreten.

Die Ausstellung wird bis zum 23. Januar im Atelierhaus im Hof der Chausseestr. 36 gezeigt. Sie ist Donnerstag bis Sonntag von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 7 Euro. Der Besuch der Ausstellung „Behind Desire“ setzt ein Mindestalter von 18 Jahren voraus.

Frank Wecker

 

 

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